Sechs Boxer bei Olympia-Quali mit Corona infiziert?

Qualifikation für die Olympischen Spiele

Drei Athleten und drei Trainer mit Coronavirus infiziert

Sechs Boxer bei Olympia-Quali mit Corona infiziert?

Von Marcus Bark

Drei Boxer und drei Trainer sind nach dem skandalösen Qualifikations-Turnier in London mit Corona infiziert - das IOC muss sich rechtfertigen. Auch aus dem deutschen Lager gibt es Kritik, obwohl der DBV nicht zu den Ländern gehörte, die mit Abreise gedroht hatten.

Michael Müller ist immer noch sauer, wenn er an das Skandalturnier von London denkt. Inmitten der Coronakrise tummelten sich vor gut einer Woche mehr als 300 Boxer in der Halle an der Copper Box und kämpften unter höchster Ansteckungsgefahr um Olympia-Tickets. Mittlerweile stellte sich heraus, dass drei Kämpfer sowie drei Trainer aus der Türkei und Kroatien infiziert sind.

"Bin heute noch heilfroh"

"Ich bin heute noch heilfroh, dass dieses Turnier abgebrochen wurde", sagte Müller, Geschäftsführer des Deutschen Boxsport-Verbandes. Die Task Force des Internationalen Olympischen Komitees hatte auf der Durchführung bestanden, obwohl die Ansteckungsrate auch in London längst in die Höhe geschnellt war. Zwei türkische Boxer und deren Trainer sowie einen Boxer und zwei Coaches aus Kroatien hat es erwischt.

"Nachdem das Turnier abgebrochen wurde, haben wir reagiert und alle Athleten in eine 14-tägige Quarantäne geschickt", so Müller. Auch Erich Dreke steht unter häuslicher Quarantäne. Freiwillig hat sich der Präsident des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV) am Dienstag (17.03.20) darunter begeben. An dem Tag war er mit dem Auto aus London nach Hause gefahren.

"Taskforce war wild entschlossen"

Einen Tag zuvor war ein Qualifikationsturnier für die inzwischen verschobenen Olympischen Spiele abgebrochen worden. Der Druck auf das IOC sei zu groß geworden, sagte Dreke am Donnerstag (26.03.20) im Gespräch mit der Sportschau. Acht Boxverbände hätten mit ihrer Abreise gedroht, weil sich das Coronavirus immer weiter und schneller verbreite. Deshalb habe die "Taskforce des IOC" als Veranstalter am Montag (16.03.20) die Reißleine gezogen - wohl gegen ihren Willen. "Die Taskforce war wild entschlossen, das Turnier durchzuführen" erhob Dreke schwere Vorwürfe.

Das IOC und vor allem deren deutscher Präsident Thomas Bach stehen derzeit heftig in der Kritik, da die für den Zeitraum vom 24. Juli bis 9. August geplanten Olympischen Spiele erst spät und auf Drängen von Athleten verschoben wurden.

Bizarre Rechtfertigung

"Wir können nichts fordern. Was sollen wir fordern?", fragte Dreke, als er auf mögliche Konsequenzen für Bach und das IOC angesprochen wurde. Er räumte ein, dass der deutsche Verband nicht zu denjenigen gezählt habe, die mit einer Abreise drohten. Auch vorher habe es keine Kritik daran gegeben, dass an dem Turnier festgehalten worden sei, obwohl schon etliche Sportveranstaltungen auf der ganzen Welt abgesagt worden waren. "Solange wie das IOC es veranlasst, müssen wir unsere Chancen zur Qualifikation suchen", rechtfertigte sich Dreke.

"Es war unverantwortlich", sagte der türkische Verbandspräsident Eyüp Gözgec und kündigte eine schriftliche Beschwerde an das IOC an, zumal sowohl in der Halle als auch in den Athletenhotels die medizinischen Vorkehrungen unzureichend gewesen sein sollen. Das IOC war mit seiner Box Task Force für die Austragung zuständig, nachdem der Weltverband AIBA im vergangenen Jahr suspendiert worden war. Die BTF wies die Vorwürfe am Donnerstag (26.03.20) zurück. Ein Zusammenhang zwischen den positiven Tests und der Veranstaltung sei nicht bekannt.

Anfangs sogar noch mit Zuschauern

"Viele Teilnehmer waren vor Beginn der Wettkämpfe in unabhängig organisierten Trainingslagern in Italien, Großbritannien und in ihren Heimatländern und sind vor einiger Zeit nach Hause zurückgekehrt, so dass es nicht möglich ist, die Infektionsquelle zu kennen", hieß es in einem Statement.

In den ersten Tagen des Turniers waren sogar noch Zuschauer zugelassen, die sich Schulter an Schulter in den Sitzreihen drängten. "Es wäre doch kein Problem gewesen, nur jeden vierten Platz zu besetzen", sagte Müller, der zwar Hygienespender ausfindig machte, ansonsten aber auch von unzureichenden Maßnahmen sprach.

Bislang keine Ansteckung beim DBV

Als die erste Nachricht von den infizierten türkischen Boxern bekannt wurde, ging auch der DBV noch einmal in die Recherche. Sein Leichtgewichtler Kastriot Sopa hatte mit Tugral Erdemir sogar einen türkischen Gegner, doch eine Ansteckung liegt bislang nicht vor. "Wir hatten ansonsten kaum Kontakt zum türkischen Lager", berichtet Müller. Die türkische Staffel war in einem anderen Hotel untergebracht, beim Essen oder im Fahrstuhl begegnete man sich nicht.

Stand: 27.03.2020, 10:02

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