Deutschlands Spitzensportler - "Leben im Ungewissen"

"Leben im Ungewissen" - Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler

Der Sport in Zeiten des Coronavirus

Deutschlands Spitzensportler - "Leben im Ungewissen"

Keine Wettkämpfe, kaum Geld: Viele deutsche Spitzenathleten haben in der Coronavirus-Krise finanzielle Sorgen. Prämien und Startgelder fallen weg, Sponsoren drohen wegzubrechen und auch mit den Nebenjobs könnte es schwer werden.

Alina Reh macht sich in der Coronavirus-Krise nicht nur Sorgen um die Gesundheit. "Es hat eine emotionale, aber auch eine finanzielle Seite", sagte die erfolgreiche Mittelstreckenläuferin. "Wir müssen versuchen, uns über Wasser zu halten." Und man darf davon ausgehen, dass es gerade einigen Sportlern auf der ganzen Welt so geht wie der Leichtathletin aus Ulm. Das Problem in Zeiten von Corona: keine Wettkämpfe, weniger Geld. "Es ist natürlich monetär schlecht", sagt auch die Hindernisläuferin Gesa Krause. "Wie das aufzufangen ist, muss man sehen."

Prämien und Startgelder fallen weg, vielleicht noch viele Monate. Und was, wenn Sponsoren selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen? Wenn sie deshalb den Athleten in der Vorbereitung auf die in das nächste Jahr verlegten Olympischen Spiele in Tokio womöglich nur sehr viel weniger oder gar kein Geld zahlen können? Und dann ist da noch die Sorge um den möglichen Verlust von Teilzeitjobs, ohne die Sport und Lebenserhalt für viele Sportler nicht finanzierbar wären.

Studie über Deutschlands Spitzensportler: Viel Aufwand, wenig Geld

Der Kölner Sportökonom Christoph Breuer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Lebenssituation von Spitzensportlern in Deutschland. So heißt auch eine Studie, die Breuer mitverfasst und mit drei anderen Autoren Ende 2018 herausgegeben hat. Darin schildern die Autoren, dass Deutschlands Topathleten im Schnitt eine 56-Stunden-Woche haben und der Aufwand für Sport, Beruf und Ausbildung einem Stundenlohn von 7,41 Euro entspricht. Dies lag zum Untersuchungszeitpunkt unter dem Mindestlohn in Deutschland von 8,84 Euro (aktuell 9,35 Euro).

"Es wird auch für die Spitzensportler nicht einfacher werden", sagt Breuer heute. "Ein Effekt könnte sein, dass die Athleten durchschnittlich weniger verdienen und ihren Sport ein Stück weiter unter den Mindestlohn-Bedingungen ausüben müssten." Noch, so sieht Breuer das, könne man nicht abschätzen, ob sich deshalb einige der rund 4.000 Athleten der Leistungskader überlegen könnten, mit dem Sport aufzuhören. Womöglich lasse das "bei einigen die Frage aufkommen, ob sich das Ganze überhaupt lohnt", sagt er.

"Wir leben im Ungewissen"

Für Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler ist das eine große Folgekette. "Wir leben im Ungewissen. Wir als deutsche Athleten werden so schnell nicht in ein anderes Land reisen", sagt Röhler. Dadurch würden alle große finanzielle Einbußen haben. "Wir haben keine Anstellungsverträge und sind Freiberufler beziehungsweise Einzelunternehmer", sagte Röhler dem Onlineportal "Sportbuzzer".

Die Stars unter Deutschlands Athleten seien "für die Krisensituation gewappnet" - sofern diese kein Dauerzustand werde, glaubt Röhler. Unverzichtbar sei aber auch für ihn die Unterstützung der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die für viele Athleten eine Grundsicherung biete und für andere auch Sportstellen bei der Polizei, dem Zoll und der Bundeswehr. Immerhin diese Unterstützung ist den Athleten auch in Zeiten der Corona-Pandemie garantiert. Die bei Bundespolizei und Zoll angestellten Spitzensportler seien "vollumfänglich abgesichert", hat das Bundesinnenministerium dem "Spiegel" bestätigt.

Deutsche Sporthilfe hält Förderung aufrecht

Auch für Sportsoldaten bei der Bundeswehr gebe es keine Einbußen durch den ruhenden Sportbetrieb. Die Deutsche Sporthilfe will die Athleten wie bisher unterstützen. "Die Förderung wird für den aktuell bewilligten Zeitraum unverändert fortgeführt", hat der Sporthilfe-Vorstand Thomas Gutekunst kürzlich gesagt. Gefördert werden von der Stiftung rund 4.000 Spitzenathleten. Auch für Zahlungen von Verdienstausfall für Training oder Wettkämpfe, die kurzfristig abgesagt seien, würden individuell flexible Regelungen getroffen.

red mit Material von dpa | Stand: 30.03.2020, 20:24

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