Experten: Olympia-Verschiebung wegen Corona für Japan kein großer Schaden

Die finanziellen Auswirkungen der Verschiebung der Olympischen Spiele Mittagsmagazin 24.04.2020 02:38 Min. Verfügbar bis 24.04.2021 Das Erste

Tokio 2020

Experten: Olympia-Verschiebung wegen Corona für Japan kein großer Schaden

Von Hajo Seppelt, Shea Westhoff und Jörg Winterfeldt

Das Coronavirus hat die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorerst platzen lassen. Die Verschiebung in das kommende Jahr soll die japanische Wirtschaft hart treffen. Mehrere Wirtschaftsexperten bezweifeln das nun. Ein japanisches Finanzunternehmen warnte schon im März vor Verschiebung und sogar Ausfall der Spiele und den damit verbundenen hohen Zusatzkosten. Nach ARD-Informationen verfolgt das Unternehmen dabei womöglich ganz eigene Interessen: Es ist einer der Tokio-Hauptsponsoren.

Die Aussage von Thomas Bach stammt erst vom vergangenen Monat - und wirkt doch schon fast wie aus einem anderen Zeitalter. In den ARD-Tagesthemen wurde der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit unangenehmen Fragen konfrontiert: ob die Olympischen Spiele 2020 nicht verschoben werden müssten, wegen des um sich greifenden Coronavirus? Wann dazu eine Entscheidung fiele? Thomas Bach wand sich erst, um dann klarzustellen: "Wir arbeiten mit vollem Engagement auf den Erfolg mit der Eröffnungsfeier am 24. Juli hin." Wenige Tage später ruderte er gemeinsam mit dem japanischen Premier Shinzo Abe zurück, verkündete die Verschiebung auf 2021.

Beobachter des Hin und Her konnten den Eindruck gewinnen: Sowohl das IOC, als auch der japanische Gastgeber, wollten den jeweils anderen Akteur den Entschluss aussprechen lassen, die Spiele endgültig zu verschieben. Vielleicht, um nicht für Verluste haftbar gemacht zu werden.

Der Olympia-Effekt viel zu klein

Mehrere Volkswirtschaftsexperten haben nun aber gegenüber der ARD relativiert, dass die japanische Wirtschaft von der Verlegung der Olympischen Spiele hart getroffen wird.

Oekonom Maennig bezweifelt, dass die Olympia-Verschiebung Japan schadet.

Oekonom Maennig bezweifelt, dass die Olympia-Verschiebung Japan schadet.

Wolfgang Maennig bezweifelt, dass die Olympischen Spiele einen derart großen Effekt auf die Volkswirtschaft haben können. Der Berliner Sportökonom und ehemalige Ruder-Olympiasieger sagt: "Olympische Spiele sind viel kleiner, viel unbedeutender als man denkt. Es ist noch in keiner volkswirtschaftlich empirischen Studie gelungen, wirklich wesentliche Einkommens- oder Beschäftigungseffekte nachzuweisen." Das bedeute im Umkehrschluss: "Wenn jetzt etwas ausfällt, ist der Effekt auch klein. Wenn es nur verschoben wird, dann ist der Effekt auch sehr klein."

Maennig kennt sich nicht nur aus in Kosten-Nutzen Fragen von Sportgroßveranstaltungen. Er ist mittlerweile auch unfreiwilliger Experte für die Folgen von Covid 19 geworden: Der Wissenschaftler hatte sich mit dem Virus infiziert, kämpfte um sein Leben. Er büßte an Lungenkapazität ein, klagte über Atemnot, musste drei Wochen im Krankenhaus versorgt werden, davon zwei auf der Intensivstation. "Es ist eine Erfahrung, die man nicht braucht. Ich habe zehn Kilo weniger Gewicht. Ich habe immer noch schlechte Sauerstoffwerte", sagt er.

Investitionen für Olympia sind Deutungssache

Die Olympischen Ringe unter der Flagge Japans

Die Olympischen Ringe unter der Flagge Japans

In seinem Büro in Berlin-Mitte versucht er, sich zumindest ein paar Stunden am Tag zu konzentrieren, Mails zu beantworten, zu telefonieren. Die Diskussion um einschneidende wirtschaftliche Konsequenzen durch die auf 2021 verlegten Olympischen Spiele verfolgt Maennig mit großem Interesse. Seiner Auffassung nach müssten die möglichen Olympia-Effekte aber ins richtige Verhältnis zur riesigen volkswirtschaftlichen Gesamtleistung Japans gesetzt werden: "Es kann weder ein großer Boom ausgelöst werden, noch droht eine Insolvenz." Das liege ganz einfach an den Größenordnungen: Japan habe in den letzten sieben Jahren umgerechnet zwölf Milliarden Dollar für die Olympiavorbereitung ausgegeben. "Das entspricht 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts in einem Jahr", stellt er klar. Und zu berücksichtigen sei: Die Investitionen von zwölf Milliarden verteilten sich ja auf einen langen Gesamtzeitraum von sieben Jahren.

Zwölf Milliarden Dollar: Das ist die Summe, die das japanische Organisationskomitee zumindest offiziell ausgewiesen hat. Der japanische Rechnungshof hat die Olympiaausgaben kürzlich mehr als doppelt so hoch taxiert. Die unterschiedlichen Zahlen zeigen: Es ist immer auch eine Frage der Deutung, welche Investitionen den Ausgaben für Olympische Spiele zugerechnet werden, und was als rein städtebauliche Maßnahme gilt - etwa, wenn es um Stadtbegrünung oder um eine neue U-Bahn geht.

Horrorzahlen stammen von Sponsor

Nun zeigt sich: Die höchsten volkswirtschaftlichen Verluste, die im Falle einer Verschiebung oder gar eines Ausfalls der Spiele kolportiert wurden: sie stammen aus den Reihen des japanischen Finanzunternehmens "SMBC" und gingen ab Anfang März durch die Medien - als noch um die Einhaltung des geplanten Termins 2020 gerungen wurde. Umgerechnet 5,7 Milliarden Euro würde Japan die Verschiebung kosten, wurde der SMBC-Chefökonom zitiert. Wenn es gar zur völligen Absage käme, würde das Verluste von bis zu rund 65 Milliarden Euro nach sich ziehen.

Was in der Berichterstattung dazu allerdings unterging: Das Unternehmen dürfte ein massives Interesse gehabt haben, eine Olympiaverschiebung oder gar einen Ausfall möglichst zu vermeiden, denn es handelt sich  um einen sogenannten "Gold Partner" der Olympischen Spiele in Tokio - SMBC ist einer der Hauptsponsoren.

Keine Gefahr der „Weißen Elefanten“

Der Mainzer Sportökonom Holger Preuß sagt gegenüber der ARD, er glaube zwar grundsätzlich an einen positiven wirtschaftlichen Effekt durch die Olympischen Spiele. Trotzdem sieht er es auch so, dass die reine 16-tägige Austragung Olympischer Spiele nicht so sehr ins Gewicht fällt, dass sie einer Volkswirtschaft signifikant nutzen oder schaden könne. Er sieht eher andere langfristige Effekte: Die neuen Sportstätten, die städtebaulichen Investitionen etwa in öffentliche Transportmittel und Flughäfen, "die sind ja nicht nur für 17 Tage angeschafft, sondern für 50 Jahre und länger", sagt er.

"Wenn natürlich etwas gebaut wurde nur für die Spiele, und die Spiele dann ausfallen, also die temporären Sportstätten oder Erweiterungen, die man eigentlich gar nicht braucht, dann ist es natürlich verlorenes Geld", fährt Preuß fort. Jedoch kann er die Gefahr für diese sogenannten "Weißen Elefanten" - also nutzlose Neubauten - in Tokio nicht erkennen.

Nicht für Japan geht es demnach um existenzielle Finanzfragen, wohl aber für das IOC. Dies nahm zuletzt in einem vierjährigen olympischen Zyklus 5,7 Milliarden Dollar ein.

Für das IOC sind Olympische Spiele also tatsächlich von existenzieller Bedeutung.

Stand: 24.04.2020, 12:56

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