Neureuther zu Olympia: "Es bräuchte einen riesengroßen Knall"

Felix Neureuther im Sportschau-Interview

Interview mit dem ARD-Experten und Ex-Skirennfahrer

Neureuther zu Olympia: "Es bräuchte einen riesengroßen Knall"

Felix Neureuther war während seiner aktiven Karriere stets ein mündiger und kritischer Athlet. Im Sportschau-Interview geht er mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und den Olympischen Spielen hart ins Gericht.

Sportschau: Herr Neureuther, Sie waren über Jahre einer der Top-Athleten Deutschlands, sind mit dem Sport und den Olympischen Spielen von klein auf verbunden. Wie bewerten Sie die Entwicklungen rund um die Olympischen Spiele?

Felix Neureuther: Ich hatte das große Glück, dass ich meinen Kindheitstraum so lange leben durfte. Wenn man heute die Kinder fragt, was für Ziele und was für eine Vision vom Sport sie haben, stimmt das nicht mit dem überein, was im Sport momentan abläuft.

Sportschau: Was meinen Sie?

Neureuther: Die Kommerzialisierung und dieser Gigantismus rund um die Olympischen Spiele, das sind nicht die Grundwerte des Sports. In erster Linie sollte es immer um den Wettkampf sowie die Athletinnen und Athleten gehen. Denn die lassen doch die olympische Bewegung aufleben.

Felix Neureuther (37) ist ein ehemaliger Skirennläufer. Er gewann fünf Medaillen bei Weltmeisterschaften und ist mit 13 Siegen in Weltcup-Einzelrennen erfolgreichster deutscher Alpin-Skifahrer. Schon während seiner Karriere äußerte sich Neureuther zu sportlichen, sportpolitischen und gesellschaftlichen Themen und Entwicklungen. Heute ist er als Wintersport-Experte für die Sportschau tätig, schreibt Kinderbücher und setzt sich für die körperliche Entwicklung und mehr Bewegung in Schulen ein. Neureuther ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sportschau: Was macht die olympische Bewegung ihrer Meinung nach aus?

Neureuther: Der Grundgedanke der olympischen Bewegung ist ja etwas Einzigartiges. Das ist eine wahnsinnig tolle Sache. Die olympische Bewegung bringt Menschen und Kulturen über den Sport zueinander, und alle feiern ein großes Fest.

Sportschau: Das klingt eigentlich wunderbar.

Neureuther: Aber wehe, wenn dann jemand für Menschenrechte einsteht. Das wird vom IOC nicht akzeptiert oder sogar bestraft.

Sportschau: Sie haben das vor Sotschi am eigenen Leib erfahren. Wie waren ihre Erfahrungen?

Neureuther: Ja, ich habe mehrmals den Mund aufgemacht, speziell auch direkt vor den Spielen, weil mir einfach ein paar Dinge überhaupt nicht gepasst haben. Zum Beispiel der Umgang mit den Menschenrechten. Und wenn man etwas anspricht, kommt der Verband auf den Athleten zu, dass man das doch bitte unterlassen solle. Aber ich lasse mir nicht den Mund verbieten. Ich wäre auch die Konsequenz eingegangen, dass ich von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werde. Das wäre mir völlig wurscht gewesen.

Sportschau: Potenzial für Proteste bieten auch die kommenden Winterspiele in Peking 2022. Die stehen aufgrund der schweren Menschenrechtsverletzungen in China in der Kritik.

Neureuther: Peking ist eigentlich das i-Tüpfelchen in der Entwicklung der Olympischen Winterspiele nach Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018. Ich habe generell nichts dagegen, dass Olympische Spiele in Peking stattfinden. Aber dann muss das IOC klare Ziele formulieren, um etwas zu verändern. Aber die Situation wird einfach akzeptiert, wie sie ist. 

Im Schattenreich der Ringe - das IOC und die Menschenrechte Sportschau 02.05.2021 33:38 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 Das Erste

Sportschau: Warum wurden die Spiele aus Ihrer Sicht zuletzt vor allem in autoritär regierte Länder wie Russland und China vergeben?

Neureuther: Das Protokoll des IOC für die Vergabe von Olympischen Spielen umfasst viele verschiedene Punkte, die eigentlich nur noch totalitäre Staaten erfüllen können und eben nicht die Länder, in die der Sport eigentlich auch hingehört.

Sportschau: Welche Vergabe-Kriterien wären ihrer Meinung nach sinnvoll?

Neureuther: Das Ziel muss sein, nachhaltige Spiele zu schaffen. Zum Beispiel in den Alpen, ohne Milliarden von Euro auszugeben. Dieser Gigantismus rund um die Spiele ist nicht mehr up to date. Wenn man sieht wie die Jugend – das zeigt auch Fridays for Future – tickt: Die wollen etwas verändern, die machen den Mund auf und sitzen nicht nur zu Hause und akzeptieren die Dinge. Doch das ist dem IOC vollkommen egal. Da wird nur geschaut, größer, schneller, höher, weiter, immer mehr, mehr, mehr.  Wir müssen doch mal langsam mal wieder zurück zu den Ursprüngen.

Sportschau: Welche Auswirkungen haben die von Ihnen beschriebenen Entwicklungen auf die Akzeptanz der Spiele bei den Zuschauern?

Neureuther: Große! Wollten die Menschen die Spiele in München, in Tirol, in Norwegen? Nein! Der Wintersport ist doch dort zu Hause. Aber die Leute können sich mit der olympischen Bewegung nicht mehr identifizieren. Das ist doch die Quittung, die das IOC schon seit langem bekommt. Es verändert sich aber trotzdem nichts. Das geht mir nicht in den Kopf.

Sportschau: Wodurch ist die Rückendeckung verloren gegangen?

Neureuther: Es gibt eine sehr große Entfremdung vonseiten der Zuschauer gegenüber den Olympischen Spielen, denn es gibt ja nur noch negative Berichte. Sei es zu Doping, Menschenrechten, Umweltzerstörung – an der gesamten Bewegung haftet so viel Negatives. Das ist für die Menschen nicht mehr akzeptabel.

Sportschau: Dabei zeigt sich das IOC öffentlich verantwortungsbewusst in vielen Themen und den Werten des Sports verbunden…

Neureuther: Allein es fehlt die Glaubwürdigkeit. Der Ansatz wäre "zurück zu den Wurzeln". Welche Werte haben die Olympischen Spiele so groß gemacht? An diesen Werten muss ich mich orientieren und an diesen muss ich festhalten. Und nicht an den Werten des Gelbeutels.

Sportschau: Wie lässt sich das erreichen?

Neureuther: Eigentlich bräuchte es einen riesengroßen Knall, dass niemand mehr die Spiele austragen möchte und über zehn bis 20 Jahre nichts stattfindet, damit das ganze System überarbeitet werden kann. Denn alles ist so festgefahren, dass es fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, etwas mit den jetzigen Strukturen zu verändern.

Das Interview führte Robert Kempe.

Stand: 01.05.2021, 18:27

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