Ski-WM - Skisprung-Teamcheck mit Bundestrainer Schuster

Skisprung-Bundestrainer Schuster

Interview mit Werner Schuster, Bundestrainer Skispringen

Ski-WM - Skisprung-Teamcheck mit Bundestrainer Schuster

Mit dem Schwung von drei Podestplätzen vom Skispringen in Willingen fahren die deutschen Skispringer zur WM. Im langen sportschau.de-Interview schätzt Bundestrainer Werner Schuster die aktuelle Form seiner sechs WM-Adler ein, benennt Medaillenvorgaben und spricht über die Besonderheiten der Schanzen in Seefeld und Innsbruck.

Frage: Mit dem Sieg von Karl Geiger von Samstag, Platz zwei von Markus Eisenbichler und dem zweiten Rang im Teamwettbewerb hat das gerade zu Ende gegangene Wochenende in Willingen aus deutscher Sicht richtig Lust auf die WM gemacht. Wie sind Sie und die Springer denn nun in die kurze Pause bis zum WM-Auftakt auseinandergegangen?

Werner Schuster: "Insgesamt sind wir natürlich sehr zufrieden. Ich hatte schon nach dem ersten Training in Willingen das Gefühl, dass da eine gute Energie in der Mannschaft ist. Wir konnten uns dann nochmal steigern und haben am Sonntag die mannschaftlich beste Leistung seit langem abgerufen. Diesen Schwung wollen wir jetzt zu WM mitnehmen."

Frage: Welches Gefühl nehmen Sie aus Willingen mit zur WM?

Werner Schuster: "Ein positives, aber realistisches Gefühl. Wir können die Ergebnisse einschätzen. Diese Saison hat nicht alles funktioniert, aber wir haben ruhig weitergearbeitet. Wir müssen akzeptieren, dass die Leistungen schwankend waren. Wir müssen auch akzeptieren, dass die Sportler, die in den vergangenen Jahren die Kohlen aus dem Feuer geholt haben, in diesem Jahr lange hinterhergelaufen sind. Wir haben so eine Wahnsinns-Substanz aufgebaut, dass wir trotzdem eine Riesen-Saison springen. Es ist ein gutes Gefühl, so kurz vor der WM mit den Besten mithalten zu können."

Frage: Sie nehmen fünf Springer mit zur WM. Lassen Sie uns doch bitte schauen, wo jeder einzelne so kurz vor der WM steht. Angefangen mit Markus Eisenbichler. Er ist aktuell Ihr bester Springer und hat seine Klasse in Willingen mit Rang zwei von Sonntag unter Beweis gestellt. Wo steht er drei Tage vor der WM?

Werner Schuster: "Er ist unser Bester, aber nicht unser stabilster. Seine Saison ist von Extremen, von Aufs und Abs geprägt. Er hat einen ziemlich starken Grundsprung. Wenn er den abruft, kann er alle schlagen. Er ist fünf Mal auf das Podest gesprungen, das ist seine beste Saison. Es ist wichtig, dass er mit viel Ruhe in die WM geht. Er hat ja schon eine WM-Medaille, er soll seine Routine ausspielen und darf sich nicht ablenken lassen. Dann kann er Top-Wettkämpfe abliefern."

Frage: Seine Sprünge scheinen im ersten Flugdrittel recht unruhig. Was steckt da dahinter?

Werner Schuster: "Das beobachten viele, dass er da unruhig ist. Und manche wundern sich dann, dass er noch so weit kommt. Markus hat einen Sprung, der stark am Limit ist. Er kann sehr gut abspringen, auch wenn man das gar nicht so sieht. Er hat eine irrsinnige Geschwindigkeit im Sprung. Manchmal übertreibt er das, da stürzt er sich fast raus vom Schanzentisch und verliert etwas die Balance. Und dann muss er Kompensationsbewegungen machen. Es ist wichtig, dass er sich auf seine Stabilität besinnt."

Markus Eisenbichler in Oberstdorf

Markus Eisenbichler - "Starker Grundsprung. Wenn er den abruft, kann er alle schlagen."

Frage: Auch Richard Freitag hat nach einer holprigen Saison am Sonntag in Willingen mit einem vierten Platz aufhorchen lassen. Wie ist der Stand gerade bei ihm?

Werner Schuster: "Dieser Leistungssprung von Richard kommt uns gerade recht. Er hat eine sehr harte Zeit hinter sich, weil er am längsten seiner Form hinterhergelaufen ist. Eigentlich ist er ein Sportler, der prädestiniert ist für die jetzige Zeit. Er hat die gleiche Größe wie Kamil Stoch, Stefan Kraft oder Markus Eisenbichler, alles sehr dynamische Typen mit einem guten Kraft-Last-Verhältnis, guter Power und guter Technik. Aber es ist ihm nicht gelungen, seine Dynamik in eine hohe Flugqualität umzusetzen. Er ist seinem Selbstvertrauen hinterhergelaufen. Aber dieses Wochenende gibt ihm sicher mehr Sicherheit. Ob man aus dieser Position um Medaillen kämpfen kann, muss man sehen. Aber gerade Innsbruck ist eine Schanze, die hohe Emotionen in ihm weckt, sowohl positiv als auch negativ."

Frage: Sie sprechen sicher den Sturz 2018 in Innsbruck und den Sieg 2015 an. Ist der Sturz denn völlig aus dem Kopf?

Werner Schuster: "Er kann dort sehr gut springen. Aber er hat dort natürlich auch die Tournee mit einem nur teilweise selbstverschuldeten Sturz verloren. Es sind insgesamt hohe Emotionen drin, aber er weiß auch, diese Schanze kann er ziemlich gut. Mit dem Selbstvertrauen von Willingen kann er hier eine sehr gute Performance abliefern."

Werner Schuster redet auf Richard Freitag ein - beim Teamspringen in Willingen am 15.02.2019

Werner Schuster (re.) und Richard Freitag - "Prädestiniert für die jetzige Zeit."

Frage: Die positive Überraschung der Saison dürfte Karl Geiger sein, der nach einer kleinen Formdelle pünktlich kurz vor der WM am Samstag zum Sieg gesprungen ist. Wo steht er?

Werner Schuster: "Er hat den größten Schritt gemacht, er ist die positivste Erscheinung in unserem Team. Er hat zweimal gewonnen, das ist ein Meilenstein in der Karriere eines so jungen Sportlers. Er hat sich nach seinem ersten Sieg vielleicht zu großen Druck gemacht und musste dann kämpfen. Sein Aufschwung ging nicht in Willingen los, sondern schon eine Woche eher in Lahti. Ich würde ihn als starke Trumpfkarte für das deutsche Team bezeichnen. Er ist 'Mister Zuverlässig' in den Teamwettkämpfen und von der Athletik her sehr stark. Auf der Normalschanze ist er traditionell ein sehr starker Springer, Seefeld kommt ihm entgegen."

Karl Geiger in Willingen

Karl Geiger - "die positivste Erscheinung in unserem Team."

Frage: Stephan Leyhe ist in dieser Saison Ihr stabilster Springer, gekrönt von Rang drei bei der Vierschanzentournee. Jetzt am Wochenende hat er fast schon traditionell auf seiner Heimschanze in Willingen nicht daran anknüpfen können. War das Nervosität oder steckt da mehr dahinter?

Werner Schuster: "Ja, er ist der stabilste. Er hat einen großen Sprung nach vorn gemacht und viele einstellige Platzierungen geholt. Seine Probleme gingen nicht unbedingt in Willingen los, eher schon beim Skifliegen in Oberstdorf. Aber der letzte Sprung von Willingen war noch mal ganz gut. Jetzt hat er das Springen dort überstanden. Stephan hat in Willingen einen enormen Stellenwert. Es ist eine Wahnsinns-Stimmung, alle sind so stolz auf ihn. So richtig kann er sich gar nicht losreißen von diesen Erwartungen. Aber er hat in seiner Grundtechnik nicht nachgelassen. Und nach diesem mentalen Stahlbad von Willingen geht es nach Innsbruck, wo er eines seiner besten Saisonresultate gemacht hat. Er wird weiter eine Stütze für unser Team sein."

Stephan Leyhe

Stephan Leyhe - "mentales Stahlbad in Willingen".

Frage: Andreas Wellinger ist dagegen eher das Sorgenkind. Nach Platz zwei von Ruka im November hat er nicht wieder an seine Leistungen anknüpfen können. Dennoch genießt er Ihr Vertrauen. Was erwarten Sie sich von ihm bei der WM?

Werner Schuster: "Da müssen wir abwarten. Er hat nicht die markanten Schritte nach vorn gemacht wie Richard Freitag. Bei ihm sind sehr viele Aktivitäten im Hintergrund gelaufen, um den Fehler zu suchen, zu finden, zu verbessern. Auch Material haben wir getestet. Ich glaube, dass wir ihm helfen können, dass er auf dem richtigen Weg ist – auch, wenn die Fortschritte nicht in dieser Form sichtbar waren. Die Schanze in Innsbruck ist leichter für ihn. Spätestens in Seefeld, er ist immerhin der Kleinschanzen-Olympiasieger, sind wieder andere Qualitäten gefragt. Er wird seine Chance bekommen und noch einen Schritt nach vorn machen. Er kann sich unter Druck steigern."

Andreas Wellinger

Andreas Wellinger - "Da müssen wir abwarten"

Frage: Die Normalschanze in Seefeld und die Großschanze in Innsbruck sind mit ihren Besonderheiten schon angesprochen worden. Können Sie noch einmal genauer erklären, worauf es da ankommt?

Werner Schuster: "Seefeld ist besonders, weil wir eigentlich keine Normalschanzen mehr springen. Die Geschwindigkeit ist niedriger, Seefeld liegt auf 1.200 Metern, der Druck unter den Ski ist nicht so groß. Die dynamische Absprungqualität dominiert in Seefeld die Flugqualität. Auch die Schanze in Innsbruck ist nicht so groß, sie geht ja nur bis etwa 130 Meter. Das Profil ist speziell, es ist schwer, einen guten Telemark zu setzen, weil sofort der Gegenhang kommt. Und dann müssen wir mal schauen, was diese Frühlingstemperaturen mit uns machen."

Frage: Sie sagten es bereits, Sie springen kaum noch auf Normalschanzen, stattdessen scheint die Tendenz mit den neuen Skiflugschanzen eher Richtung neuer Weitenrekorde zu gehen. Ist es da noch zeitgemäß, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen weiter auf den kleinen Bakken zu springen?

Werner Schuster: "Ich würde sogar begrüßen, wenn wir drei, vier Mal im Winter auf Normalschanzen springen würden. Ich finde diese Wettkämpfe sehr spannend. Normalschanzen sind auch für das Damen-Skispringen enorm wichtig. Um ihren Sport zu entwickeln, müssen die Damen weiterhin vorrangig auf Normalschanzen springen. Und dann wird es auf der Normalschanze den spannendsten WM-Wettbewerb überhaupt geben - den Mixed-Wettbewerb."

Frage: Stichwort Medaillenvorgabe. Mit welchen Platzierungen war es eine gute WM?

Werner Schuster: "Wir wollen Medaillen holen, eine im Einzel, eine im Team. Das ist ein hohes Ziel. Aber wir haben das Potenzial, dass wir das erreichen können."

Werner Schuster nach dem Gesamtweltcupgewinn von Severin Freund (2015)

Werner Schuster - "Wir wollen Medaillen holen, eine im Einzel, eine im Team."

Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Dirk Hofmeister

Thema in: Sportschau, die Nordische Ski-WM ab 20.02.2018 live in Das Erste

Stand: 18.02.2019, 11:07

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