Walter Hofer: "Im Skispringen ist der Ansporn für fremde Hilfe gering"

Skispringen - FIS-Renndirektor Walter Hofer

Exklusivinterview Nordische Ski-WM

Walter Hofer: "Im Skispringen ist der Ansporn für fremde Hilfe gering"

Walter Hofer ist das Gesicht des Skispringens. Seit mittlerweile 27 Jahren ist der Österreicher als Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (FIS) für die Durchführung der Sprungbewerbe verantwortlich. 2020 ist dann aber Schluss. Warum Doping im Skispringen nur wenig Sinn macht, wo sich das Skispringen noch verbessern kann und warum er Zuschauer lieber bei 100 statt bei 260 Metern stehen sieht, verrät er im Interview mit sportschau.de.

Frage: Leider bestimmen in der zweiten Woche der Nordischen Ski-WM nicht nur sportliche Themen die Schlagzeilen. Im Skispringen sind Dopingfälle jedoch seltene Ausnahmen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Walter Hofer: "Das liegt am Anforderungsprofil der einzelnen Sportarten. Skispringen war vor langer Zeit eine reine Kraftsportart, bis dann die Leichtgewichte wie Toni Innauer, Matti Nykänen oder Ernst Vettori kamen und das Feld aufgemischt haben. Damals wusste man noch nicht viel über Aerodynamik im Skispringen. Mit der Einführung des V-Stils hat sich die Sportart rasant in eine technische Richtung entwickelt. Wir mussten daraufhin zahlreiche Anlage umbauen und haben das Reglement in Bezug auf die Ausrüstung durchforstet.

Unser Ziel war es, die Sportart zwischen 50 Prozent Athletik und 50 Prozent Technik zu steuern. Bei dieser Verteilung muss ein Athlet nicht maximal trainieren, woraus sich ein Vorteil für die Trainingsprozesse ergibt. Der Springer hat keine Überlastungsbeschwerden und muss nur ein optimales und kein maximales Sprungkraftniveau haben. Das hat den Effekt, dass es keine Affinität zum künstlichen Nachhelfen gibt.

Bei der Technik liegt der Fokus auf der Fairness und Chancengleichheit. Gewisse Nationen haben dort schlicht einen Vorteil beim Material und der Entwicklung, etwa mit Windkanälen. Deswegen hat die FIS auch dort Regulierungen getroffen, welche sich in Skilängen und Materialien etwa für Anzüge spiegelt. Diese Balance wollen wir aufrechterhalten. Wenn uns das gelingt, ist der Ansporn für fremde Hilfe gering."

Frage: Wären nicht Mittel zur Steigerung der Konzentration denkbar?

Walter Hofer: "Unsere Athleten sind mental sehr stark. Die Bewegungsabläufe geschehen fast automatisch. Während des Wettkampfes haben sie eher mit anderen Einflüssen zu tun, wie dem Erwartungsdruck von sich selbst und von außen."

Frage: Lassen Sie uns über das Sportliche reden. Vier von sechs Skisprungwettbewerben sind hier bei der WM absolviert. Wie zufrieden sind Sie?

Walter Hofer: "Bisher kann ich nur von grandiosen Wettkämpfen mit einer tollen Atmosphäre sprechen. Wir sind also sportlich gesehen sehr zufrieden."

Frage: War mit diesen Ausgängen zu rechnen?

Walter Hofer: "Es gibt immer fünf, sechs Athleten, die nicht zum direkten Favoritenkreis zählen, die sich aber dennoch durch gewisse Ergebnisse anbieten. Kurioserweise waren genau zwei von diesen Athleten dann auf dem Podium beim Auftaktspringen. Das ist immer erfrischend, wenn ausgerechnet bei einer Weltmeisterschaft nicht die Favoriten vorne sind. Sie haben tolle Leistungen abgeliefert, da kann man nur gratulieren."

Skispringen - Rückblick auf den emotionalen WM-Doppelsieg Sportschau 24.02.2019 04:59 Min. Verfügbar bis 24.02.2020 Das Erste

Frage: Wie hat Ihnen der erstmalig ausgetragene Frauen-Wettbewerb am Dienstag gefallen?

Walter Hofer: "Sportlich ist das schon seit Jahren ein ganz tolles Niveau, welches die Springerinnen zeigen. Was mir dazu noch gefällt, ist die Emotionalität, die die Frauen mitbringen und die sie bei der Ausübung ihres Sportes haben. Es ist einfach eine Bereicherung für unsere Disziplin."

Frage: Am Freitag gibt es das Springen der Herren von der Normalschanze, am Samstag das Mixed-Team. Was kann man dort noch erwarten?

Walter Hofer: "Es sind noch ein paar Rechnungen offen, wenn ich etwa an die Norweger oder die Polen denke. Die waren im Weltcup häufig vorne dabei. Die werden sicherlich einen Angriff starten. Die anderen Springer, die es etwas lockerer angehen können, wie die Österreicher oder die Deutschen, werden sicherlich auch nicht nachlassen. Vielleicht mischt sich auch wieder ein Schweizer dazwischen."

Frage: In Innsbruck waren nicht so viele Zuschauer wie erhofft an der Schanze. Es kam die Kritik auf, die WM würde optisch nur in Seefeld stattfinden. Welchen Eindruck haben Sie davon?

Walter Hofer: "Ich muss sagen, dass ich mit der Atmosphäre in Innsbruck sehr zufrieden war. Aber ich muss am Ende des Tages auch keine Abrechnung machen. Die Leute, die da waren, haben ihre Freude über die Wettbewerbe deutlich kundgetan. Für uns war die Stimmung toll."

Frage: Ihre erste Nordische Ski-WM haben sie als Betreuer des ÖSV in Seefeld 1985 absolviert. Ihre letzte als verantwortlicher Renndirektor ist nun ebenfalls in Seefeld. Alles Zufall?

Walter Hofer: "Ja."

Frage: Macht es das für Sie als Österreicher nicht dennoch zu etwas Speziellem?

Walter Hofer: "Auch als Einheimischer kann ich dem Veranstalter nur für die tolle Vorbereitung gratulieren. Die Kulisse ist grandios. Die Bilder, die wir gemeinsam mit dem ORF produzieren, mit dem ganzen Schnee sind sensationell. Ansonsten muss ich natürlich neutral bleiben. Sonst hätte ich nicht so viele Jahre in dieser Position durchgestanden. Ich wünsche allen Athleten den gleichen Erfolg."

Frage: In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie 'nie das Gefühl gehabt hatten, arbeiten zu müssen', weil Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Gab es nie diesen einen Moment, in dem Sie alles hinschmeißen wollten?

Walter Hofer: "Zu viel ist es mir nicht geworden. Natürlich gibt es im Laufe einer Saison Nächte, in denen man nicht durchschläft. Das hat verschiedene Gründe: Es gibt Stresssituationen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, bei denen man alleine dasteht. Es wäre ein bisschen einfach, nur die Sonnenseite zu sehen. Aber das Verhältnis zwischen Aufs und Abs muss schon stimmen."

Walter Hofer

Walter Hofer legt selbst Hand an der Spur in Bischofshofen an

Frage: Der Trend geht seit Jahren weg von den Normalschanzen hin zu großen Anlagen. Dabei sind häufig die Wettkämpfe auf den kleineren Schanzen spannender, weil es einfach enger zugeht. Woher kam diese Entwicklung?

Walter Hofer: "Kurioserweise hat das rein logistische Gründe. Nehmen wir beispielsweise einen Wettkampf in Lillehammer mit einer Groß- und einer Normalschanze. Als wir früher dort auf beiden Anlagen gesprungen sind, mussten wir zwei Tage mehr einplanen. Denn es mussten beide Anlagen hergerichtet werden und auf beiden trainiert werden. Dann ist man manchmal am Samstag auf der Normalschanze gesprungen und konnte am nächsten Tag wegen der Witterungsbedingungen nicht auf die Großschanze. Es gibt zusätzlich viel zu beachten: Präparation, die Installation der TV-Produktion und des Datenservice. Der Wechsel zwischen den Anlagen ist sehr aufwändig und kostet enorm viel Zeit.

Deswegen haben wir uns für etwas anderes entschieden. So können wir den Athleten auch einen zusätzlichen freien Tag schaffen, indem wir ein Training absolvieren, welches dann für beide Springen an einem Wochenende ausreicht. Tendenziell entscheidet man sich für die Großschanze und macht dann ein Tag- und ein Abendspringen. Man könnte natürlich auch beide Springen auf der kleineren Anlage durchführen, was auch noch gemacht wird."

Frage: Skispringen und Skifliegen sind gefühlt ausgereizt. Es gibt ein System, das den Wind und die Anlauflänge ins Ergebnis einfließen lässt. Wo kann sich das Skispringen überhaupt noch entwickeln?

Walter Hofer: "Wir sind sehr froh, dass wir im technischen Bereich sehr viele Möglichkeiten zur Verfügung haben, die wir auch ständig verfeinern. Unsere Wettkämpfe werden inzwischen von bis zu 30 Kameras abgefilmt. Aber vom Athleten und seiner Performance bekommen wir als objektive Werte nur die Anlaufgeschwindigkeit und die Weite mit. Dabei steckt dort noch so viel mehr dahinter.

Wir sind aktuell dabei, diese Performance noch anschaulicher zu machen. Die Springer tragen einen Chip bei sich, der in erster Linie dem Trainer und dem Athleten eine Rückmeldung über die Leistung gibt. Aber einige dieser Daten können wir auch für das Fernsehen und Medien verwenden, wie Geschwindigkeitsverläufe, den Winkel des V-Stils, Landedruck oder Flughöhe. Das sind alles Daten, die man mit dem Auge bisher nur schätzen konnte."

Frage: Was ist bei der Weite noch zu erwarten? Der aktuelle Weltrekord liegt bei 253,5 Metern...

Walter Hofer: "Ich bin nicht dafür, dass noch weiter gesprungen wird. Uns geht es ja nicht um den einen weiten Flug, sondern um einen Wettkampf, bei dem alle Athleten die Chance haben, die Schanze erfolgreich zu meistern. Ich bin eher dafür, den Stadioncharakter zu erweitern und das Publikum näher an die Springer heranzubringen. Das, was ein Athlet bei 230 Metern leistet, ist genauso herzeigbar wie bei 240 Metern. Das müssen wir dem Publikum näher bringen. Ich möchte den Zuschauer gern bei 80 oder 100 Metern stehen sehen, damit er mitbekommt, was dort oben schon passiert. Es geht also um die Nähe zu Performance, statt den Zuschauer immer weiter wegzudrängen, damit wir fünf Meter weiterspringen können."

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Frage: Sie haben diesen Sport als verantwortlicher Funktionär und Person in den vergangenen 27 Jahren geprägt. Nach so einer langen Zeit haben es Nachfolger häufig schwer. Welche Eigenschaften muss er oder sie mitbringen?

Walter Hofer: "Wir haben sehr viel gemacht, was die Abläufe erleichtert. Ich will meinem Nachfolger auch keine Empfehlungen geben. Bei mir war es so, dass ich in keinem Bereich ein Experte war und in viele Felder hineinblicken durfte. So habe ich als eine Art Koordinationsstelle dafür gesorgt, dass die eigentlichen Experten näher zusammenkommen, um die Disziplin voranzutreiben. Als Renndirektor muss man kein Experte sein, sondern mehr ein Kommunikator."

Frage: Sehen Sie da jemanden, der diesen Job einfach so von ihnen übernehmen könnte? Oder wird Ihre Abschiedssaison 2019/20 gleichzeitig ein Einarbeiten für Ihren Nachfolger?

Walter Hofer: "Ich habe meinem Arbeitgeber früh genug mitgeteilt, dass ich aufhören werde. Was hätte mir Besseres passieren können, als im Vollbesitz meiner Kräfte zu sagen, dass ich den Posten nun übergebe? Ob die FIS mir dann jemanden zur Seite stellt oder es einen anderen Weg geben wird, das überlasse ich der FIS. Ich stehe natürlich zur Hilfe zur Verfügung. Ein Jahr ist für eine Übergabe eine ausreichende Zeit."

Frage: Werden Sie nach ihrem Abschied als Renndirektor dem Leistungssport komplett den Rücken kehren oder ist das nach so einer langen Zeit gar nicht möglich?

Walter Hofer: "Ich habe mich 24 Stunden am Tag mit Sport beschäftigt. Es war und ist auch schön, mal über den Tellerrand in andere Disziplinen zu schauen. Sport ist mein Leben und meine Betätigungsfeld, ob als Hobby oder als Beruf. Ob ich dann noch irgendwo meine Ratschläge dazu geben darf, wird sich zeigen. Wenn jemand meine Hilfe benötigt, wird er auf mich zukommen."

Frage: Zum Abschluss noch ein etwas Hypothetisches: Wenn Sie einen Wunsch für das Skispringen frei hätten, welcher wäre das?

Walter Hofer: "Noch bin ich ja knapp anderthalb Jahre selbst dafür verantwortlich. Warum sollte ich mir also selbst einen Ratschlag geben? Diese Frage möchte ich mir noch ein Jahr offen halten." [lacht]

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Raphael Honndorf.

Das Thema in: MDR aktuell, 01.03.2019, 19.30 Uhr

Stand: 01.03.2019, 12:05

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