Gespenstische WM im sonst so lebhaften Oberstdorf

Oberstdorf

Nordische Ski-WM

Gespenstische WM im sonst so lebhaften Oberstdorf

Oberstdorf kann den Ausnahmezustand, liefert jedes Jahr bei der Vierschanzentournee eine starke Performance ab und glänzte als WM-Gastgeber 1987 und 2005. Bei der dritten Weltmeisterschaft im größten Berg- und Skidorf am Nordrand der Alpen wird es verdammt still werden.

Rückblick: Juni 2016. Cancún/Mexiko. Der FIS-Kongress erteilt Oberstdorf den Zuschlag für die nordische Ski-WM 2021. Die Marktgemeinde im Allgäu setzt sich deutlich gegen Planica und Trondheim durch und ist nach 1987 und 2005 wieder Austragungsort der Titelkämpfe im Skispringen, Skilanglauf und der nordischen Kombination.

"Als WM-Gastgeber wollen wir 2021 dort weitermachen, wo wir 2005 aufgehört haben", sagt DSV-Präsident Franz Steinle damals euphorisch. DOSB-Präsident Alfons Hörmann freut sich, "dass es uns nun nach vier Anläufen endlich gelungen ist, die Neuauflage des viel zitierten Wintermärchens von 2005 zu ermöglichen". Beide ahnen da noch nicht, dass Oberstdorf ausgerechnet die Geister-WM bekommen soll.

Albtraum statt Märchen

Bei der am Mittwoch (24.02.2021) mit der Eröffnungsfeier beginnenden WM werden Pappfiguren und eingespielte Jubler aus den Musik-Boxen für Stimmung sorgen und die 350.000 Zuschauer ersetzen. Genauso viele haben Oberstdorf 1987 und 2005 zu einer Partymeile gemacht, Gaststätten und Hoteliers ordentlich Umsatz und den Sportlern ein unvergessliches Erlebnis beschert.

Rydzek spricht von "Katastrophe"

Johannes Rydzek mit Fahne und Logo der Nordischen Ski-WM 2021 Oberstdorf

Johannes Rydzek wohnt in Oberstdorf

Unfassbar, dass es im Bergparadies rings um Oberstdorf diesmal still sein wird. "Hotels, Vermieter, Einzelhändler, Restaurants, für alle ist eine WM ohne Zuschauer eine Katastrophe", leidet Doppel-Olympiasieger Johannes Rydzek vor der WM in seiner Heimat Oberstdorf: "Das ist die große Tragik an der Geschichte. Kein Veranstalter und kein Athlet konnte sich das vorstellen, dass es mal soweit kommen wird."

4.500 "Gäste" in Oberstdorf

Oberstdorf hat lange um Zuschauer gekämpft, die Pandemie-Lage lässt es aber nicht zu. Sportlich wird alles wie geplant über die Bühne gehen. 24 WM-Entscheidungen werden vom 23. Februar bis 7. März fallen. Insgesamt sollen 4.500 Beteiligte für die Titelkämpfe ins Allgäu reisen.

Darunter sind 750 Athleten aus über 60 Ländern. Zudem Funktionäre und Journalisten. Alle werden engmaschig mit PCR-Tests im Mundraum auf das Coronavirus getestet, teilte der Veranstalter mit. Das Hygienekonzept war immer wieder nachgeschärft worden. Jetzt soll auch das Hotelpersonal regelmäßig getestet werden.

Lebensgroße Pappfigur als "Stimmungsmacher"

Um wenigstens ein bisschen WM-Flair ins Stadion zu holen, setzt der Veranstalter auf ein Publikum aus Pappe. Damit werden 2.000 Fans trotz Zuschauerverbot auf der Tribüne sitzen. Jeweils 1.000 Interessierte konnten sich im Vorfeld für einen Platz im Skisprung- bzw. Langlaufstadion bewerben. Sie mussten nur ein Oberkörper-Foto einschicken, den Rest erledigen die WM-Macher. Das Interesse war riesig und die Plätze rasch ausgebucht. Für 19,50 Euro pro Pappfigur sitzen die Glücklichen jetzt virtuell im Stadion.

Ausnahmezustand ist hier Routine

Das knapp 10.000-Einwohner-Örtchen direkt an der Grenze zu Österreich hat sich als Skisport-Mekka einen Namen gemacht, kann Großveranstaltungen und hat noch einmal 40 Millionen Euro in die Modernisierung der Wettkampfanlagen gesteckt. Der Ausnahmezustand ist in Oberstdorf eigentlich Normalität. Jedes Jahr strömen Tausende zur Vierschanzentournee, jährlich bevölkern zudem hunderttausende Touristen das beschauliche Örtchen.

2019 wird immer bitterer

Franz Steinle, Präsident des Deutschen Ski-Verbandes. Bild: Angelika Warmuth/dpa

Franz Steinle: "Das schmerzt im Nachhinein"

Die Ski-WM wollte Oberstdorf längst zum dritten Mal ausgetragen haben. Doch viermal war die Wintersport-Hochburg mit ihren WM-Bewerbungen nicht zum Zug gekommen, dann folgte der Zuschlag für 2021. "Das schmerzt im Nachhinein, aber wir müssen nach vorne schauen", sagte Verbandspräsident Franz Steinle. Er meint vor allem die Titelkämpfe von Seefeld, das sich für 2019 mit neun zu acht Stimmen gegen Oberstdorf durchgesetzt hatte und eine traumhafte WM mit Fans veranstalten durfte. 

Hotelier: "Das ist doch pervers"

Während sich die Sportler freuen, dass die Wettkämpfe stattfinden, ist in Oberstdorf spürbar, dass die Meinungen darüber gespalten sind. Hotelier Jürnjakob Reisigl forderte gar eine kurzfristige Absage. "Diese WM passt nicht in diese Zeit. Das ist doch pervers, wenn alles stillsteht und wir hier ein Fest des Sports feiern wollen", sagte er der "Allgäuer Zeitung".

Für den früheren Nordischen Top-Kombinierer Ronny Ackermann bleibt die WM auch ohne Fans reizvoll: "In ein paar Jahren fragt keiner mehr, ob da Zuschauer waren oder nicht. Dann ist eher wichtig, ob man seine sportlichen Ziele erreichen konnte." Er gibt allerdings auch zu: "Die schönsten Momente waren abends auf der Medals Plaza, als die Medaillen übergeben wurden. Da war eine einzigartige Stimmung im Zentrum." Der Thüringer gewann 2005 in Oberstdorf zweimal Gold und einmal Silber.

Nächste Heim-WM schon 2027?

Oberstdorf

Idylle im Wintersport-Mekka Oberstdorf

Auf das Bad in der Menge müssen die Lokalmatadoren Karl Geiger (Skispringen), Katharina Althaus (Skispringen) sowie die Kombinierer Johannes Rydzek und Vinzenz Geiger verzichten. Noch. Einen Hoffnungsschimmer gibt es nämlich: Die Organisatoren spielen mit dem Gedanken, sich für die WM 2027 direkt wieder zu bewerben und dann das Sportfestival einfach nachzuholen. Dann als richtiges Wintermärchen, mit Fans und Sonnenschein.

Ach so: Die Sonne lacht bei 15 Grad und lässt den Schnee schmelzen. Nach DEM Winter-Highlight des Jahres sieht es kurz vor dem Start in Oberstdorf wahrlich nicht aus.

Sanny Stephan | Stand: 23.02.2021, 08:00

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