Hüttel: "Es gibt für die Frauen noch eine Chance auf Olympia"

Horst Hüttel

Exklusivinterview Nordische Ski-WM

Hüttel: "Es gibt für die Frauen noch eine Chance auf Olympia"

Die Entwicklung der Nordischen Kombination der Frauen läuft auf Hochtouren. Ins olympische Programm für die Spiele 2022 in Peking hat es die Disziplin zunächst nicht geschafft. Eine Hintertür bleibt jedoch, wie Horst Hüttl, sportlicher Leiter beim Deutschen Skiverband (DSV), verrät. Zudem erklärt er, warum die Aufnahme der Frauen auch für die Männer von Bedeutung ist.

Frage: Wie ist der aktuelle Stand im Deutschen Skiverband (DSV) zum Thema Nordische Kombination der Frauen?

Horst Hüttel: "Wir unterstützen dieses Projekt natürlich und werden es in unser Kadersystem integrieren. Es wird aber kein eigenes geben, sondern die Mädchen bleiben im System des Skispringens. Aber es wird zusätzliche Lehrgänge im Bereich Laufen geben. Dort haben wir mit Klaus Edelmann einen eigenen Trainer installiert, der sehr viel Erfahrung aus der Nordischen Kombination mitbringt. Er war über viele Jahre in den Nationalmannschaften tätig. Nun versuchen wir die Entwicklung vom Kinder- bis in den Topbereich von Jahr zu Jahr mit Hinblick auf die WM 2021 in Oberstdorf zu professionalisieren."

Frage: Ist es einfacher vom Skispringen zur Nordischen Kombination zu kommen oder vom Langlauf?

Horst Hüttel: "Die Mädchen kommen über das Springen. Die andere Variante funktioniert so gut wie nicht. Beginnt man später als mit zehn Jahren mit dem Skispringen, ist es eigentlich schon zu spät. Die Philosophie der nordischen Grundausbildung im Deutschen Skiverband ist, dass die Kinder, die zum Skispringen kommen, nebenbei auch zum größten Teil Langlauf machen. Es ist gut für die organische und die koordinative Ausbildung. Eine zu frühe Spezialisierung halten wir nicht für so gut. Natürlich muss mit 14 oder 15 Jahren eine Entscheidung getroffen werden."

Frage: Stefan Schwarzbach, der Geschäftsführer der Marketing GmbH im DSV, hatte in einem Pressegespräch während der WM gesagt, dass der DSV keine 'Schatztruhe im Keller' habe, aus der sich einfach eine zusätzliche Disziplin finanzieren lässt. Wie hoch wäre denn der finanzielle Aufwand?

Horst Hüttel: "Das lässt sich schwer beziffern. Schließlich sind die Mädchen im Kader Skisprung integriert. Natürlich gibt es zusätzliche Kostenfaktoren, wie Fuhrparks, Lehrgänge oder Wettkämpfe. Wir werden in den nächsten zwei Jahren das tun, was wir für notwendig halten, um dann zunächst einmal die Weltmeisterschaft in Oberstdorf professionell gestalten zu können. Dieser Anspruch ist natürlich da. Aber danach muss man sich Gedanken über ein eigenes Kadersystem machen. Das muss jedoch von der Basis her wachsen. Die Vereine und Landesverbände müssen Strukturen schaffen. Aber auch der Weltverband FIS ist gefragt. Jetzt gibt es den Continentalcup, ab 2020 sind Weltcups geplant. Da werden dann auch wir unseren Beitrag leisten. Jetzt bereits eigene Kader aufzustellen, wäre zu früh."

Frage: In Gesprächen mit FIS-Renndirektor Lasse Ottesen und mit DSV-Sportdirektorin Karin Orgeldinger kam die Gendergleichheit zur Sprache. Dennoch will der Weltverband dort keinen Druck ausüben. Spüren sie diesen trotzdem?

Horst Hüttel: "Ich sehe das nicht als Druck, sondern als Herausforderung. Ich finde es ganz toll, diese letzte Passion in die FIS-Familie zu integrieren. Das fehlt noch. Dann wäre der nordische Sektor vollständig. Es gibt natürlich auch immer einen Anspruch, gut sein zu wollen, wenn wir Athleten und Athletinnen in egal welchem Wettbewerb an den Start schicken. Das gilt auch für die WM in Oberstdorf. Da müssen wir etwa bei der Intensitätsgestaltung oder der Trainingsphilosophie noch wichtige Entscheidungen treffen. Ich freue mich mehr auf diese Aufgabe, als dass ich sie als Druck empfinde."

Frage: Im Continentalcup liegt die US-Amerikanerin Tara Geraghty-Moats deutlich in Führung. Wo sehen sie die deutschen Starterinnen im Vergleich?

Horst Hüttel: "Wir waren zuletzt bei der Junioren-WM in Lahti mit insgesamt mehr als 30 Starterinnen sehr gut vertreten, haben mit den Plätzen vier, acht und neun das Podest nur knapp verpasst. Auch im Continentalcup sind wir gut dabei und haben mit Jenny Nowak [Gesamtrang drei, Anm. der Red.] eine starke Athletin, die allerdings in diesem Winter ein paar Schwankungen hatte. Mit Sophia Maurus und Anna Jäckle kommen junge Athletinnen nach. Vielleicht stößt auch noch eine weiteres Mädchen aus dem Skisprungkader dazu, die sich dann für Oberstdorf zusätzlich auf die 5-Kilometer-Laufstrecke vorbereitet. Die Strecke wurde von der FIS bewusst kurz gehalten, um einen größeren Anreiz zu schaffen. International gibt es auch einige Springerinnen, wie Chiara Hölzl aus Österreich, die sich Gedanken über einen Start machen. Dann muss man aber die Entwicklung abwarten. Wir sind leistungsmäßig auf einem sehr guten Weg, müssen aber auch sagen, dass uns aktuell einige Damen, die die Nordische Kombination in den letzten Jahren bereits intensiviert haben, voraus sind."

Frage: In welcher Form findet ein Austausch zwischen den Sportlichen Leitern der einzelnen Nationen statt?

Horst Hüttel: "Wir fanden es alle sehr schade, dass die Nordische Kombination der Frauen nicht olympisch geworden ist. Hier ist die Frage, was zuerst da sein muss: Braucht man zunächst eine breite Basis, um dann ins olympische Programm aufgenommen zu werden? Oder sollte erst der Weg Richtung Olympia aufgezeigt werden, um auch die nationalen Verbände ein Stück weit unter Zugzwang zu setzen, die Disziplin zu fördern? Ich glaube, dass das zweite der bessere Weg ist. Es gibt auch noch eine kleine Chance. Das Gastgeberland China will einen Antrag ans IOC stellen, die Kombination der Frauen in das Programm aufzunehmen. Die jeweiligen austragenden Nationen haben diese Option. Wir stehen gerade mit Österreich und Norwegen in regem Austausch, und sind uns einig, dass es eine Förderung und Strukturen geben muss. Wir planen unter anderem ein gemeinsames Sommercamp."

Frage: Also war der 2017 von der FIS aufgezeigte Fahrplan mit dem großen Ziel Olympia 2022 der richtige Weg?

Horst Hüttel: "Definitiv. Die Zahlen etwa bei der Junioren-WM sprechen für uns. Natürlich kommt der große Faktor Finanzen auf uns zu, wenn man etwa Continetalcups in Amerika hat. Da entstehen einfach Kosten. Und da müssen auch meine Kollegen in den anderen Ländern schauen, wie sie das finanzieren. Aber wir wollen die Nordische Kombination an sich im olympischen Programm stärken. Da geht es auch um die Männer. Die Nordische Kombination wird im IOC auch ein Stück weit kritisch betrachtet, weil keine Frauen dabei sind. Deswegen müssen gerade die starken Nationen zusammenstehen und gemeinsam die Mädchen auf ihrem Weg unterstützen."

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Raphael Honndorf.

Stand: 01.03.2019, 17:02

Darstellung: