Ski-WM - Langlauf-Teamcheck mit Teamchef Schlickenrieder

Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder

Interview mit Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder

Ski-WM - Langlauf-Teamcheck mit Teamchef Schlickenrieder

Zu den Medaillenfavoriten zählen die deutschen Skilangläufer bei der WM in Seefeld nicht. Im Interview schätzt Trainer Peter Schlickenrieder ein, was dennoch von seinem Team zu erwarten ist und wer der WM den Stempel aufdrücken wird.

Frage: Pünktlich kurz vor der WM haben Ihre Athleten am vergangenen Wochenende mit vorderen Platzierungen beim Weltcup in Cogne noch einmal Selbstbewusstsein gesammelt. Wie sind der zweite Platz von Sandra Ringwald oder der sechste Platz von Victoria Carl einzuschätzen?

Peter Schlickenrieder: "Das steigert die Motivation, man weiß, dass man auf dem richtigen Weg unterwegs ist. Wir fahren mit einem guten Gefühl zur WM. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass in Cogne nicht die komplette Weltelite am Start war. Trotzdem: Diesen ersten Podestplatz ihrer Karriere wird Sandra sicher nie vergessen. Man darf jetzt aber nicht erwarten, dass das auch bei der WM eintritt. Wenn Sandra jetzt hier bei der WM in die Top acht läuft, wäre das für sie ein Top-Ergebnis."

Frage: Von den zwölf WM-Fahrerinnen und -Fahrern haben nur fünf tatsächlich die verbandsinterne Norm von einer Top 8- oder zwei Top-15-Platzierungen geschafft. Welche Idee, welches Konzept steckt hinter der Nominierung?

Peter Schlickenrieder: "Wir wollen eine junge Mannschaft am Start haben, gerade nach dem Ausfall der erfahrenen Nicole Fessel und Steffi Böhler. Da ist eine Mannschaft, die am Heranwachsen ist. Für Laura Gimmler ist es die erste WM, auch für Sofie Krehl ist bei ihrer zweiten WM alles noch recht frisch. Wir wollen eine Mannschaft formen, die auf dem Weg zu den nächsten größeren Schritten ist."

Frage: Die WM ist Seefeld ist also eine Durchgangsstation?

Peter Schlickenrieder: "Es ist der Saisonhöhepunkt. Wir wollen auch hier die persönlichen Bestleistungen abrufen. Langlauf ist aber ein Sport, der einen langen Atem braucht. Daher ist es tatsächlich eine Zwischenstation und ein Aufbruch an weitere Veränderungen im Training."

Frage: Nun sind vor der WM mit Lucas Bögl, Jonas Dobler und Katharina Hennig ausgerechnet drei Leistungsträger durch Verletzungen ausgefallen. Sind alle gesund nach Seefeld gereist?

Peter Schlickenrieder: "Lucas Bögl ist gesund, wir wissen aber noch nicht, wo er wettkampfmäßig steht und ob er an Form eingebüßt hat. Ähnlich ist es bei Jonas Dobler. Er ist gesund, hat aber mit Ermüdungserscheinungen nach Übertraining zu kämpfen gehabt. Katharina Hennig hat eine virale Angina überstanden und eine Schulterproblematik. Sie reist erst am Mittwoch an. Wir wissen noch nicht, wie stabil sie wieder ist."

Frage: Hennig hatte bereits bei der Tour de Ski die WM-Norm geknackt und ist bei der U23-WM über 15 Kilometer auf das Podest gelaufen. Die 22-Jährige gilt als große Hoffnungsträgerin. Wie ist Ihr Leistungsvermögen, wo müssen Stellschrauben für die Zukunft gesetzt werden?

Peter Schlickenrieder: "Da muss es keine großen Veränderungen geben. Bei ihr hat der Kulturwechsel sehr gut angeschlagen, dass sie jetzt eigenverantwortlicher agiert, dass sie die Dinge proaktiv angeht. Das muss man weiter fördern, dann hat sie eine goldene Zeit vor sich. Über kurz oder lang kann sie eine absolute Top-Athletin sein."

Katharina Hennig in Breitostolen

Katharina Hennig - "goldene Zeit vor sich"

Frage: Sandra Ringwald kommt mit dem ersten Podest ihrer Karriere nach Seefeld. Sie ist mit 28 Jahren eine der gestandeneren Läuferinnen im Team. Wie ist ihr aktueller Leistungsstand einzuschätzen?

Peter Schlickenrieder: "Der ist gut aber noch nicht sehr gut. Sandra kann stabil Top-8-Ergebnisse laufen. Beim Kampf um die absolute Spitze tut sie sich noch schwer, da ist das Ausdauerniveau noch nicht ausreichend. Sie ist aber eine der Athletinnen mit dem besten taktischen Verständnis. Sie kann den Kurs lesen, Rennentwicklungen begleiten. Sie hat tolles Kraftpotenzial und tolles Skigefühl. Sie muss aber ihre Ausdauerfähigkeit entwickeln."

Sandra Ringwald bei der Tour de Ski

Sandra Ringwald - "Ausdauerniveau noch nicht ausreichend"

Frage: Bei Victoria Carl bin ich immer wieder überrascht, dass sie erst 23 ist. Sie wirkt bereits wie ein alter Hase, ist mit 68 Weltcupstarts eine der erfahreneren Läuferinnen in Ihrem Team. Wo kann für Carl der Weg noch hingehen?

Peter Schlickenrieder: "Sie sollte den seit zwei Jahren eingeschlagenen Weg mit ihrem Trainer Erik Schneider und mit Axel Teichmann konsequent weiter gehen. Das heißt, selbstverantwortlich, mitdenkend, fokussiert trainieren. Weil sie schon früh als großes Nachwuchstalent gesehen wurde, hatte sie schon zeitig Weltcupstarts. Das sind Fehler der Vergangenheit, dass man junge Leute zu früh in diesen Hexenkessel geworfen hat, anstatt sie kontinuierlich Schritt für Schritt zu entwickeln. Sie hat eine Durchschnaufpause gebraucht und ist jetzt auf einem stabilen Weg."

Skilanglauf, Nordische Ski-WM 10 Kilometer Damen

Victoria Carl - "Fehler der Vergangenheit"

Frage: Bei der WM jetzt ist der 21-jährige Janosch Brugger der jüngste Ihrer Athleten. Im Januar bei der U23-WM verpasste er mit Rang zehn und elf im Sprint und über 15 Kilometer Freistil die Top-Ergebnisse. Was kann er bei der "großen" WM lernen?

Peter Schlickenrieder: "Sein Höhepunkt war die U23-WM, die aus seiner Sicht nicht ganz zufriedenstellend verlaufen ist. Er hat aber jetzt eine gute Form, die er hier einsetzen wird. Er ist ein absoluter Teamplayer, und wenn es auf den Teamsprint zugeht, dann kann er mit Sebastian Eisenlauer seine Stärken ausspielen. Ihn zeichnet aus, dass er sich für das Team einsetzt. Das ist eine tolle Geschichte."

Janosch Brugger

Janosch Brugger - "absoluter Teamplayer"

Frage: Die WM-Fahrer bei den Männern sind eher etwas älter. Einer der Routiniers ist Florian Notz, der bei der Tour de Ski mit der fünftbesten Zeit hinauf auf die Alpe Cermis aufhorchen ließ. Nach der Tour konnte er nicht so richtig an diese Leistungen anknüpfen. War für Notz die Tour bereits der Saisonhöhepunkt?

Peter Schlickenrieder: "Er wird bei der WM auf seinem Leistungshöhepunkt sein. Er hat ein gutes Gespür, sich zu steuern. Er beherrscht das perfekt, sich selbst auf solch einen Saisonhöhepunkt zu planen. Platz 34 zuletzt in Cogne ist zum einen den Bedingungen geschuldet. Zum anderen ist klassisch überhaupt nicht seine Technik. Wenn er den Klassikteil beim Skiathlon gut übersteht, wird er schon hier ein gutes Rennen zeigen. Aber vor allem in der Staffel und auf der langen Strecke kann man auf ihn zählen. Er ist in einer guten Verfassung, er ist stabil, er hat Spaß und ist fokussiert."

Florian Notz

Florian Notz - "In der langen Strecke auf ihn zählen"

Frage: Andreas Schlütter, der sportliche Leiter Langlauf im Deutschen Ski-Verband, wird am Montag in einer Pressemitteilung zitiert, dass das Langlauf-Team "punktuell für die ein oder andere Überraschung sorgen kann." Welche Überraschungen könnten das denn sein?

Peter Schlickenrieder: "Das ist eine gute Frage. Ich wäre zufrieden, wenn jeder seine persönliche Bestleistung abrufen kann. Ich kann die Überraschung noch nicht am Horizont sehen. Man muss realistisch sein, wo wir herkommen und wo wir zuletzt rumgerannt sind. Ein Top-Acht-Resultat wäre top, nicht mehr und nicht weniger. Da würde ich mich riesig freuen."

Frage: Kein heimliches Spekulieren auf eine Staffel-Medaille?

Peter Schlickenrieder: "Damit in der Staffel eine Medaille rauskommt, müsste bei ganz vielen anderen Mannschaften ganz viel falsch laufen. Wir müssten alles richtig machen und die anderen müssten ein paar Mal stolpern. Wir reisen mit den genannten Krankheitsgeschichten an. Dann kommt noch Sebastian Eisenlauer, der den ganzen Herbst damit beschäftigt war, gesund zu werden. Wenn Dir zwei Monate Training fehlen, kannst Du nicht erwarten, dass Du der Weltspitze näher kommst. Wir träumen nicht von einer Überraschung, das ist nicht realistisch."

Langlauf-Herren-Staffel bei der WM in Lahti

"Wir träumen nicht von einer Überraschung"

Frage: Die Loipen in Seefeld zählen hinsichtlich der Höhenmeter und der Anstiege nicht unbedingt zu den schwersten im Weltcup. Was sagen Sie zu den Strecken in Seefeld?

Peter Schlickenrieder: "Wir werden sehr geile Weltmeisterschaften sehen, weil es eine Traumstrecke in einer Traumgegend ist, umrahmt von einem tollen Panorama. Alles sehr kompakt. Die Sprint- und Teamsprintstrecken mit dem leicht ansteigenden Zieleinlauf werden spannende Wettbewerbe bis zum Schluss bieten. Und wenn ich mir die Sprint-Strecke der Männer anschaue, dann ist das schon der Hammer. So weit den Berg raufrennen, da gibt es nicht viele Strecken, die so angelegt sind. Der Sprint ist für mich eine der schwereren Nummern.

Und zum Thema Höhenmeter: Mittlerweile werden auf der geraden Strecke 40 km/h gelaufen. Jeder, der mal mit dem Fahrrad versucht hat, 40 km/h zu fahren, weiß, was das bedeutet. Das ist für mich vielleicht sogar die größere Herausforderung, als einen steilen Berglauf zu machen. Von daher fordern die Strecken den Athleten alles ab."

Frage: Auch den Technikern wird wohl alles abverlangt, wenn man bedenkt, dass eine Langlauf-Schleife meist im Schatten und die andere in der prallen Sonne liegt …

Peter Schlickenrieder: "Definitiv. Wenn es blöd läuft, fängst Du morgens mit Trockenwachs an und fährst nachmittags mit klebrigem Klister auf. Für die Wachser wird das eine absolute Challenge."

Frage: Sportlich erwarten alle Experten die Festspiele der Norweger Johannes Hoesflot Klaebo und Therese Johaug. Wer wird der WM den Stempel aufdrücken?

Peter Schlickenrieder: "Hundertprozentig diese beiden Athleten. Hinzu kommen noch die Russen, die in einer bombastischen Form sind. Der Laufstil der Russen passt auf die Strecken sehr gut, das sind ja eher die Kraftläufer mit einem längeren Schritt. Das kann bei den Bedingungen ein deutlicher Vorteil sein. Bei den Frauen weiß ich aber nicht, wer Therese Johaug außer in den Sprintdisziplinen einholen kann."

Therese Johaug jubelt nach ihrem Sieg

Therese Johaug - "Weiß nicht, wer sie einholen kann"

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dirk Hofmeister

Thema in: Sportschau, die Nordische Ski-WM ab 20.02.2018 live in Das Erste

Stand: 19.02.2019, 10:47

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