Der Geist von 1985, oder: über Freuden und Sorgen der WM-Loipen

Im malerischen Seefeld findet die Nordische Ski-WM 2019 statt.

Vorgestellt: Die WM-Langlaufstrecken von Seefeld

Der Geist von 1985, oder: über Freuden und Sorgen der WM-Loipen

Von Dirk Hofmeister, Seefeld

Mit den WM-Loipen von Seefeld verabschieden sich die Veranstalter vom Trend immer schwererer Langlaufstrecken. Tradition und Zuschauer sollen im Mittelpunkt stehen. Ungeteilte Zustimmung bekommen die Schleifen dennoch nicht.

Hermann Weinbuch mag sie nicht. Sandra Ringwald findet sie tückisch. Und Peter Schlickenrieder warnt vor ihnen. Die Weltmeisterschafts-Loipen in Seefeld wurden am Donnerstag beim Sprint erstmals richtig gefordert, bei den Beteiligten rufen sie ganz unterschiedliche Reaktionen hervor.

"Jeder ambitionierte Hobbyläufer ..."

Im Vergleich zu den Strecken, die Langläufer und Nordische Kombinierer bei vergangenen Titelkämpfen laufen mussten, sind die Loipen von Seefeld, nun ja, leicht. "Jeder ambitionierte Hobbyläufer kann sie ohne große Probleme bewältigen", erklärt Uros Ponikvar vom Weltverband FIS. Der Slowene ist so genannter "Homologation Inspector" des Verbandes, er hat letztlich entschieden, ob die vom Veranstalter geplanten Loipen gelaufen werden dürfen. Ponikvar erklärt, dass der Trend vergangener Titelkämpfe zu immer schwereren Strecken in Seefeld durchbrochen wurde. Stattdessen hätten andere Ziele im Vordergrund gestanden: "Wir haben uns an dem Erbe der Weltmeisterschaft von 1985 und an Zuschauernähe orientiert. Die Fans sind sehr nah an den Athleten, wir werden sehr stimmungsvolle Weltmeisterschaften erleben", erklärt Ponikvar.

1985 - Skatingtechnik setzt sich durch

Der Geist und das Erbe der WM von 1985 habe über allen Entscheidungen gestanden. Zur Erinnerung - 1985 waren die Langlaufstrecken für damalige Zeiten noch extra schwer angelegt. Der Weltverband wollte der unter Langläufern aufkommenden Mode des damals noch neuen Skating-Schrittes ein Ende setzen. Die Anstiege, so der Glaube, könne man nur mit der Klassiktechnik bewältigen. Der Verband irrte, alle Sieger gewannen mit Freistiltechnik. Der Stimmung schadete der neue Laufstil nicht - im Gegenteil. So blieben Skatingschritt und die Erinnerung an stimmungsvolle und sehr emotionale Titelkämpfe.

Weinbuch: "Strecke ist leider sehr leicht"

Gute Erinnerungen an 1985 hat auch Hermann Weinbuch, der heutige Bundestrainer der Nordischen Kombinierer gewann damals zweimal Kombi-Gold und wurde so zum Star der bundesdeutschen WM-Mannschaft. An Seefeld denkt Weinbuch auch deshalb gern, weil seine Athleten hier in der Vergangenheit immer erfolgreich waren, Eric Frenzel gewann dreimal in Serie das Nordic Triple. Ganz unbeschwert ist der 58-Jährige aber dennoch nicht angereist. Der Grund: Die im Weltcup etablierte Strecke wird bei der WM nicht gelaufen. Die neue Langlaufstrecke, so Weinbuch, sei "leider sehr leicht". Seine Sorge: Wenn die herausragenden Springer wie Jarl Magnus Riiber aus Norwegen oder die Österreicher Mario Seidl und Franz-Josef Rehrl mit großem Vorsprung in die Loipe gehen, könnten es die traditionell laufstarken Deutschen schwer haben, vorn noch heranzukommen. Deshalb haben die deutschen Kombinierer in der Vorbereitung für die WM vor allem an ihrer Sprungform gefeilt und zwei Wochen Extratraining auf den Schanzen in Garmisch und Oberstdorf geschoben.

Zwei Schleifen - rot und blau

Für die Langlauf-Wettkämpfe haben die Veranstalter zwei große Schleifen angelegt - eine rote Südschleife und eine blaue Nordschleife. Die rote Strecke hat lange, nicht sehr steile Anstiege und Abfahrten. In der blauen sind auch kleine knackige Passagen drin. Während die Langläufer in ihren Distanzrennen beide Schleifen laufen müssen, sind die Kombinierer nur auf der seichteren roten, mit den von den Athleten gern als schleimig bezeichneten Anstiegen, unterwegs.

"Nicht von Höhenmetern leiten lassen"

"Man darf sich nicht von den Höhenmetern leiten lassen. Wir haben trotzdem einen herausfordernden Kurs", erklärt Ponikvar. Unterstützt wird die Ansicht von Peter Schlickenrieder, dem Trainer der deutschen Langläufer. "Man muss sich gut überlegen, wie man sich die Rennen einteilt. Die Strecken verleiten dazu, dass man am falschen Fleck zu viel Energie verliert", sagt der frühere Olympia-Silbermedaillengewinner. "Die Strecken fordern den kompletten Langläufer. Auch die Langläufer, die sich taktisch und geistig auf die Rennen einstellen können, und nicht nur die, die die beste Maschine haben."

Materialschlacht in den Distanzrennen?

Vermutlich werden die Rennen auch über das Material entschieden. Denn die Strecken stellen vor allem die Techniker in den Teams vor große Herausforderungen. Wenn das Wetter so bleibt wie angekündigt, mit sonnigen Tagen und Plusgraden, könnte es spätestens beim Skiathlon am Samstag zu einer Materialschlacht kommen. Die rote Strecke dürfte bei Sonne deutlich tauen, während die blaue, im Schatten liegende, Schleife hart und gefroren bleiben dürfte. "Für die Wachser wird das eine absolute Challenge", weiß Schlickenrieder.

Behle: Langeweile in den Massenstarts?

Taktik hin, Material her, der frühere Bundestrainer Jochen Behle verweist noch auf einen weiteren Aspekt: "In den Massenstarts werden wir vermutlich lange Zeit eine sehr große Führungsgruppe und einen Massen-Zieleinlauf sehen", sagt der 58-Jährige. Die Strecken seien nicht selektiv genug, um bereits eine Vorentscheidung im Rennen zu sehen. Wer sich in den kurzen Anstiegen absetzt, wird in den Abfahrten schnell wieder eingeholt, so das Szenario, das Behle vorschwebt. Ein Massen-Zieleinlauf verspricht zumindest ein Spektakel für die Zuschauer und stimmungsvolle Entscheidungen - und damit wäre ja ein wichtiges Ziel der Veranstalter für die WM erfüllt.

Stand: 21.02.2019, 10:26

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