Mit 55 Jahren in den Loipen von Seefeld

Luis Carrasco Arena

Exoten bei der Ski-WM

Mit 55 Jahren in den Loipen von Seefeld

Von Raphael Honndorf, Seefeld

Die Qualifikation zu den Langlauf-Rennen bei der nordischen Ski-WM wird gemeinhin als "Exoten-Rennen" tituliert. Doch nicht nur die Herkunftsländer der Teilnehmer sind etwas Besonderes, sondern auch die Geschichten dahinter. Wir stellen zwei davon vor.

Mit seinen 55 Jahren ist der Mexikaner Luis Carrasco Arena der "Methusalem" unter den Startern in der Qualifikation für die Langlaufwettbewerbe. Dass er mit der Nummer eins ins Rennen geht, hat nichts damit zu tun, dass er der älteste Teilnehmer ist. Wacker kämpft sich der Mexikaner durch die 10 Kilometer in der klassischen Technik. Schnell wird er von den nach ihm gestarteten Läufer ein- und überholt. Aber er gibt nicht auf. Warum auch? Denn laut seiner Selbstbeschreibung ist Carrasco Arena noch in seiner Jugendphase. Angesprochen auf sein Alter erklärt er: "Ich glaube nicht an das Alter. Ich feiere keinen Geburtstag. Für mich gibt es nur vier Phasen im Leben: kindlich, jugendlich, reif und sehr alt." Er selbst sieht sich in Phase zwei, denn schließlich könne er sich noch bewegen. Erst wenn das Probleme bereiten sollte, beginnt Phase drei.

Carrasco Arena hat in seinem Leben viel Sport und viele verschiedene Sportarten gemacht. 1996 debütierte er im Skeleton-Weltcup, nahm an Weltmeisterschaften und Olympia 2002 teil. Doch ihm stand der Kopf nach etwas anderem. Mittlerweile hat er sich im Eishockey, Kitesurfen, Kajakfahren und Rafting ausprobiert - in letzterem schaffte er es sogar ins mexikanische Nationalteam. Nun also auch im Langlauf, welches er erst vor zwei Jahren zum ersten Mal ausprobierte. Das Training und die Szenerie beim Üben haben ihm so viel Spaß gemacht, dass er dabei geblieben ist und nun eben an der Qualifikation zur WM teilnimmt.

Panorama Seefeld

Blick aus dem Langlaufstadion auf Seefeld und die umliegenden Berge

Für die Wettkämpfe hat es für den Mexikaner aber nicht gereicht. Ebensowenig wie für seine drei Teamkollegen, die im Ziel ein gemeinsames Erinnerungsfoto schießen. Von 56 Startern wird Carrasco Arena 53., eingerahmt von seinen Landsleuten auf den Plätzen 51, 52 und 54. Nach 10 Kilometern in der klassischen Technik hat er 15:21 Minuten Rückstand auf den Sieger Thibaut de Marre aus Belgien. Trotzdem strahlt er über das gesamte Gesicht. Denn er ist zufrieden. "Im Training hier in Seefeld bin ich gar nicht mit den Bedingungen klargekommen. Ich konnte nicht bergauf laufen. Aber wir haben die Skier so hinbekommen, das es heute in meinem ersten Klassik-Rennen überhaupt geklappt hat. Das macht mich happy."

Als nächstes will er an einem Langlauf-Wettbewerb in Island teilnehmen - wenn er das Geld zusammenbekommt. Ansonsten steht im Mai und Juni ein großes Kitesurf-Festival in seiner Heimat an. Und nach Seefeld will er auch zurückkommen. Im Sommer. Zum Kajakfahren. "Es gibt hier wunderschöne Flüsse. Außerdem ist die Landschaft so toll. Die Leute sind nett und das Essen gut. Hier könnte ich leben", sagt Carrasco Arena zum Abschluss.

Durch einen Schneesturm vom Mountainbike zum Langlauf

Bei den Frauen überrascht die Brasilianerin Jaqueline Mourao mit einem Platz auf dem Podium. Auch sie ist sportverrückt und nimmt nun mit 43 Jahren mal wieder an der nordischen Ski-WM teil. Es wird nach 2007, 2009, 2013 und 2017 ihre fünfte. Dazu hat sie auch an mehreren Winterspielen teilgenommen. Und das alles, weil sie im im Mai 2005 in einen Schneesturm geriet. "Ich wollte trainieren, aber wegen des Schnees war nur Langlauf möglich", erklärt sie ihr erstes Mal. Denn eigentlich war Mourao statt auf zwei Holzlatten auf zwei Rädern unterwegs. Mit dem Mountainbike nahm sie an den Sommerspielen 2004 in Athen und 2008 in Peking teil - konzentrierte sich danach aber auf den Langlauf.

Jaqueline Mourao

Die brasilianische Langläuferin Jaqueline Mourao

Das erste Mal Schnee hatte die Südamerikanerin drei Jahre vor dem wegweisenden Schneesturm gesehen, damals war sie 27 Jahre alt. Als sie dann 2005 gemeinsam mit ihrem kanadischen Mann - 1998 ebenfalls als Langläufer bei den Winterspielen in Nagano aktiv - festsaß, aber trainieren wollte, brachte er sie zum Skisport. Und die Liebe war direkt entfacht. "Die Verbindung zur Natur ist ähnlich wie beim Mountainbike. Ich habe mich direkt verliebt - in den Schnee, die Landschaft und die Ruhe beim Laufen", sagt sie mit einem Lächeln.

Und in Seefeld? Da läuft es super für die Südamerikanerin. Sie wird über die 5 Kilometer Zweite der Qualifikation und sichert sich damit die Teilnahmeberechtigung an den folgenden WM-Entscheidungen im Langlauf. Und das in ihrer ungeliebten Technik. Denn eigentlich mag sie Freistil lieber. Da aber die Qualifikationsrennen für die WM immer abwechselnd in der klassischen Technik und im Freistil ausgetragen werden, hatte sie sich im Vorfeld besonders vorbereitet. Und sie ist zu Recht stolz auf ihre Leistung: "Das ist unglaublich. Damit hätte ich so nicht gerechnet." Natürlich wird sie mit ihrer Zeit nicht im Konzert der Großen mitspielen, geschweige denn in Medaillennähe kommen. Aber darum geht es ihr nicht. "Ich will mich nicht mit den anderen vergleichen, es geht mir nur darum, meine eigene Leistung zu verbessern", erklärt Mourao.

Für sie und die anderen Brasilianer in Seefeld geht es darum, den Langlauf im Land des Fußballs populärer zu machen. Inzwischen gibt es schon ein größeres Team. Mehr als 90 Athleten aus Brasilien sind im Langlauf aktiv und messen sich bei internationalen Rennen in Südamerika und Europa. Und wer weiß, vielleicht gibt es in ein paar Jahren eine Ski-WM-Medaille für einen Läufer vom Zuckerhut. Es wäre auch ein Verdienst von Jaqueline Mourao und ihrer Liebe zum Langlauf.

Das Thema im Programm: Sportschau, Das Erste, 21.02.2019, 14.10 Uhr

Stand: 20.02.2019, 18:21

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