Neun Festnahmen nach Razzien in Zusammenhang mit der Ski-WM

Polizei - "Sportler mit Blut-Transfusion im Arm festgenommen" Sportschau 27.02.2019 Verfügbar bis 27.02.2020 Das Erste

Doping

Neun Festnahmen nach Razzien in Zusammenhang mit der Ski-WM

Die Nordische Ski-WM hat einen Dopingskandal. Wie das österreichische Bundeskriminalamt am Mittwoch (27.02.2019) mitteilte, sind im österreichischen Ski-WM-Ort Seefeld sieben Personen - darunter fünf Sportler - verhaftet worden. Auch in Erfurt war die Polizei im Einsatz und nahm zwei Personen in Gewahrsam.

"Bei den festgenommenen Athleten handelt es sich um zwei österreichische, einen kasachischen und zwei estnische Spitzensportler", teilte das österreichische Bundeskriminalamt (BKA) mit. Diese wurden am Nachmittag von Mitarbeitern des BKA vernommen. Wie der österreichische Skiverband bestätigte, handelt es sich bei den eigenen Athleten um die beiden Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke, die im Teamsprint den sechsten Platz belegt hatten. Offenbar ist unter den Festgenommenen auch der Kasache Alexey Poltoranin, der nicht wie geplant am 15-Kilometer-Klassik-Rennen am Nachmittag teilnahm. Er hatte 2013 zwei Mal WM-Bronze gewonnen und errang mehrere Weltcup-Siege. Den bisher letzten im März 2018.

Die Ermittlungen stehen im Zusammenhang wegen des Verdachts des verbotenen Eigenblutdopings. Einer der Festgenommenen wurde dabei auf frischer Tat erwischt. "Bei der Wohnungsöffnung durch die Spezialkräfte wurde der Sportler mit der Bluttransfusion im Arm aufgegriffen und festgenommen", erklärte Dieter Csefan, Leiter der Abteilung "Organisierte Kriminalität" vom BKA, auf einer Pressekonferenz in Innsbruck. Insgesamt waren in Deutschland und Österreich rund 120 Beamte an dem zeitgleich durchgeführten Zugriff beteiligt.

Komplettes Dopinglabor in Erfurt sichergestellt

Das BKA koordinierte die Razzien in Absprache mit Ermittlern in Deutschland. Neben Seefeld haben die Durchsuchungen auch in Erfurt stattgefunden. In der Landeshauptstadt von Thüringen wurde dabei eine Arztpraxis durchsucht. "In Erfurt ist es gelungen, auch das illegale Dopinglabor mit Dopingpräparaten, Blutbeuteln, Bluttranfusionen und einer Zentrifuge sicherzustellen", sagte Csefan. Des Weiteren wurde ein deutscher Sportmediziner sowie ein weiterer mutmaßlicher Komplize aus Deutschland festgenommen. Der Vater des Arztes wurde gemeinsam mit einer weiteren Frau in Seefeld als Komplizen in Gewahrsam genommen.

Im Zentrum der Ermittlungen steht offenbar ein ehemaliger Mannschaftsarzt des Radsportteams Gerolsteiner. Dieser war bereits vor mehreren Jahren bei Doping-Enthüllungen im Radsport mit Blutdoping in Verbindung gebracht worden.

Festnahmen am Rande der Ski-WM in Seefeld Sportschau 27.02.2019 01:34 Min. Verfügbar bis 27.02.2020 Das Erste

BKA spricht von "weltweit agierendem Dopingnetzwerk"

Es handle sich der Erklärungen des BKA zufolge um ein "weltweit agierendes Dopingnetzwerk", das man zerschlagen habe. Dieses habe seit Jahren gewerbsmäßig Anwendungen an Spitzensportlern zur Leistungssteigerung durchgeführt. Insgesamt habe es 16 Hausdurchsuchungen gegeben. "Im Rahmen von seit mehreren Monaten andauernden internationalen Ermittlungen wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Sportbetruges sowie der Anwendung von unerlaubten Wirkstoffen und Methoden zu Dopingzwecken" war eine kriminelle Organisation um den deutschen Sportmediziner überwacht worden, hieß es in der BKA-Meldung, die bereits zwei Stunden vor der Pressekonferenz veröffentlicht wurde.

DSV nicht von Untersuchungen betroffen

Der Deutsche Skiverband (DSV) ist von den Ermittlungen nach eigenen Angaben nicht betroffen. "Ich kann bestätigen, dass bei uns die Lage ruhig ist. Es fanden keine Untersuchungen statt, weder im Teamhotel noch in Deutschland bei Institutionen, die den DSV vertreten", sagte Sprecher Stefan Schwarzbach dem SID: "Nach unseren Erkenntnissen ist auch keiner aus unserem medizinischen Bereich in die Untersuchungen involviert. Wir haben nichts, was uns Anlass gegeben hätte zu denken, dass der DSV involviert ist."

Hintergrund der Durchsuchungen sind Erkenntnisse von behördlichen Ermittlungen in den vergangenen Monaten durch die Staatsanwaltschaft München I. So habe es konkrete Hinweise gegeben, wonach der deutsche Arzt ebenfalls nach Seefeld zur Nordischen Ski-WM reisen wollte, um illegale Behandlungen an Sportlern durchzuführen. In diesem Zuge hatte die Münchener Staatsanwaltschaft die Kollegen in Innsbruck um Rechtshilfe ersucht, erklärte Staatsanwalt Hansjörg Mayr.

Schockstarre in Österreich

Bei der WM in Seefeld zeigten sich viele Funktionäre fassungslos. "Wir stehen unter Schock. Hoffentlich werden jetzt einmal die Drahtzieher erwischt", sagte Österreichs Langlaufchef Markus Gandler dem ORF: "Wir arbeiten Tag und Nacht, um schnelle Ski zu haben und alles. Und dann passiert sowas." ÖSV-Langlaufkoordinator Trond Nystad, Ehemann der deutschen Olympiasiegerin Claudia Nystad, erklärte im ORF: "Ich habe keine Worte dafür, das ist einfach traurig." Der österreichische Langläufer Luis Stadlober bezeichnete die Vorfälle als "das Schlimmste, was dem österreichischen Skilanglauf passieren konnte". Seine Schwester Teresa wurde in einer Mitteilung mit den Worten zitiert: "Ich bin total enttäuscht. Schon wieder erleidet der österreichische Langlaufsport einen Rückschlag. Ich kann für mich nur sagen, dass ich für sauberen Sport stehe und möchte mich von deren unglaublichen Taten distanzieren." Sie versucht dennoch den Fokus auf den kommenden Samstag zu legen, an dem ihr persönliches WM-Highlight, der 30-Kilometer-Skating-Wettbewerb, stattfindet.

Eine für Donnerstag geplante Pressekonferenz des österreichischen Langlauf-Teams wurde auf Grund der Ereignisse am Abend von Seiten des ÖSV abgesagt.

ÖSV-Chef will österreichischen Langlauf neu organisieren

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel will angesichts des Dopingskandals die Strukturen im nationalen Langlaufsport auf den Prüfstand stellen. Zwar gebe es "laut den Ermittlungen der Behörden keinen Hinweis darauf, dass Betreuer des ÖSV in diesen Dopingfall involviert sind", sagte Schröcksnadel: "Unabhängig davon werde ich dem Präsidium vorschlagen, nach dieser Saison den Langlaufsport im ÖSV völlig neu zu organisieren."

Auslöser Doku über Dopingsünder Dürr

Auslöser der neuen Ermittlungswelle waren die Enthüllungen des früheren Dopingsünders Johannes Dürr. Der österreichische Langläufer hatte vor wenigen Wochen in einer ARD-Dokumenation über Dopingpraktiken berichtet. Daraufhin wurden die Untersuchungen intensiviert..

Dürr: "Habe der Staatsanwaltschaft Namen genannt" Sportschau 27.02.2019 00:59 Min. Verfügbar bis 27.02.2020 Das Erste

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold – Der Weg in die Dopingfalle Sportschau 17.01.2019 45:21 Min. Verfügbar bis 17.01.2020 Das Erste

Thema in: Mittagsmagazin, Das Erste, 27.02.2019, 13.00 Uhr

red/sid/dpa | Stand: 27.02.2019, 12:40

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