Doping-Ermittlungen: Zweifel an Deutschlands Sauberkeit

Polizeiauto in Seefeld

Razzien, Festnahmen, Anschuldigungen

Doping-Ermittlungen: Zweifel an Deutschlands Sauberkeit

Von Bernd Eberwein

Österreichs Skiboss Peter Schröcksnadel teilt weiter aus: Er habe Informationen, dass auch deutsche Athleten vom jüngsten Doping-Skandal betroffen seien. Die fünf festgenommenen Sportler sind mittlerweile frei, ein Internetvideo sorgt für neuen Ärger.

Seit knapp zwei Tagen ist Peter Schröcksnadel, seit 1990 Präsident des Österreichischen Skiverbands (ÖSV), im Angriffsmodus. Schon am Mittwochabend (27.02.2019) nach den Doping-Razzien und Festnahmen hatte er vieldeutig gesagt: "Ich habe auch gehört, es sind scheinbar auch deutsche Athleten betroffen, deutsche Ärzte betroffen."

Hatte Schröcksnadel da schon Athleten und Ärzte verwechselt, unabsichtlich in einen Topf geworfen? Auf Nachfrage des MDR erneuerte der 77-Jährige am Donnerstagabend seine Vorwürfe: "Ich habe Informationen, dass auch deutsche Athleten betroffen sind." Schröcksnadel bleibt also dabei, dass Österreich im jüngsten Doping-Skandal mehr Opfer als Täter ist.

Schröcksnadel: Dopingzentrale sitzt in Deutschland

Im österreichischen "Kurier" (Freitagsausgabe) wird der Funktionär ähnlich zitiert: "Die Zentrale ist schon in Deutschland, aber auf die Österreicher wird jetzt hingehaut ... Die WM in Seefeld ist ja auch ein guter Aufhänger. Aber die Gauner sitzen schon woanders. Die Dopingzentrale, die ist, wie man sehen kann, im Ausland."

Ob Deutschlands Sportfunktionäre erneut auf den Angriff des Österreichers eingehen werden? Nach den ersten Attacken hatte Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), in einem ARD-Interview deutlich gekontert: "Es gibt keinerlei Beziehung (zum festgenommenen Sportarzt in Erfurt, Anm.d.Red.), die uns bekannt wäre, zu irgendeinem Nachwuchskader-Athleten oder gar einem Athleten auf der Topebene - also Olympia- oder Perspektivkader."

Allerdings: Im gesamten Interview betonte Hörmann immer wieder, dass dies natürlich nur der aktuelle Kenntnisstand sei. Insgeheim, so darf man vermuten, fürchten Deutschlands Sportfunktionäre durchaus, dass die Razzien und Festnahmen in Seefeld und Erfurt nur am Beginn einer langen Kette weiterer Enthüllungen stehen.

Blutbeutel in Erfurt sichergestellt

In Erfurt seien je nach Quelle mehr als 40 (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bis mindestens einige Dutzend (Süddeutsche Zeitung) Blutbeutel sichergestellt worden. Auch eine Zentrifuge fanden die Ermittler in der Praxis des Sportmediziners Mark S. "Wir rechnen damit, dass dies nur der Tropfen auf einen heißen Stein war und wir noch mehr Athleten ausforschen können, auch aus andere Sportarten", hat Dieter Csefan vom Bundeskriminalamt (BK) Österreichs nach den Razzien gesagt. Es braucht kein Orakel um vorherzusagen, dass er Recht behalten wird.

Doping-Experte Franke glaubt an gedopte deutsche Sportler

Die Welt-Anti-Doping-Agentur und ihre nationalen Pendants haben Blutprofile im fünfstelligen Bereich. Es dürfte ein leichtes sein, die Inhalte der gefundenen Erfurter Blutbeutel ihren ursprünglichen Besitzern zuzuordnen. Dopingexperten wie der Heidelberger Werner Franke haben ohnehin keine Zweifel, dass auch deutsche Sportler betroffen sind. Dass unter den fünf festgenommenen Sportlern keine Deutschen sind, schiebt er auf die "wesentlich härteren Gesetze" in Österreich: "Den beiden festgenommenen (österreichischen, Anm.d.Red.) Langläufern drohen harte Strafen, möglicherweise sogar Gefängnis. In Deutschland werden Sie das nicht sehen", sagte er in einem "Welt"-Interview.

An die Schlagkraft des 2015 eingeführten Anti-Doping-Gesetzes glaubt er nicht, denn "das erlaubt etwa beschuldigten Ärzten noch immer, vor Gericht zu schweigen. Ich habe es selbst mehrfach erlebt: Wenn alle dichthalten, wird am Ende niemand verurteilt. Meine Prognose ist, dass wir so etwas auch im aktuellen Fall erleben werden."

Arzt-Anwalt: "Vollumfänglich und rückhaltlos kooperieren"

Leichte Hoffnung, dass es doch anders läuft, vermittelte am Donnerstag Andreas Kreysa, Anwalt des Erfurter Mediziners, im ARD-Interview: "Wir haben uns dazu entschlossen, vollumfänglich und rückhaltlos mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren", sagte er. Sein Mandant wurde mittlerweile in die Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim in die Untersuchungshaft gebracht, in München sitzt die in Deutschland ermittelnde Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft. Dem Mediziner droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren - sofern ihm und seinen mutmaßlichen Komplizen ein gewerbs- oder bandenmäßiges Delikt nachgewiesen werden kann.

Bluttransfusion in Internet-Video - Polizist droht Disziplinarverfahren

Frankes Nürnberger Kollege Fritz Sörgel ist vor allem von der neuen Dimension des Dopings schockiert. "Der Athlet hat die Nadel noch im Arm stecken und die Ermittler kommen bei der Tür herein. Herrlich", sagte er zur Tatsache, dass ein Athlet in Seefeld während einer Blutinfusion festgenommen wurde. Im Internet tauchte sogar ein Video dieses Moments auf - das einem österreichischen Polizisten strafrechtliche Konsequenzen beschert. Das Video soll von einem ermittelnden Beamten weitergegeben worden sein. Ein Sprecher des österreichischen BK bestätigte, dass der Beamte abgezogen wurde und vor einem Disziplinarverfahren steht.

Langläufer wieder auf freiem Fuß, Arzt-Komplizen bleiben in Haft

Andere dürfen dagegen vorerst wieder ihre Freiheit genießen: Drei der fünf festgenommenen Langläufer aus Österreich (Max Hauke und Dominik Baldauf) und Kasachstan (Alexei Poltoranin) haben im Rahmen der Ermittlungen Eigenblutdoping gestanden und sind wieder auf freiem Fuß. Alle drei hätten umfangreiche Angaben gemacht. Da die Sportler auf freiem Fuß nach dem aktuellen Ermittlungsstand die weiteren Ermittlungen nicht beeinträchtigen würden, liegen keine Gründe für eine Untersuchungshaft vor, so die Staatsanwaltschaft bereits am Donnerstag. Am Freitag wurden dann auch die beiden estnischen Langläufer Andreas Verpaalu und Karl Tammjärv wieder freigelassen. Letzterer sagte in einer Pressekonferenz vor estnischen Medienvertretern in Innsbruck, dass ihm 2016 erstmals eine Injektion von dem Mediziner angeboten worden und er mehrmals zum Doping nach Berlin sowie Frankfurt gereist sei.

In Haft bleiben dagegen die beiden Komplizen des Erfurter Arztes bis zur Übergabe an die deutschen Behörden. Das Landesgericht Innsbruck habe nach Angaben der Staatsanwaltschaft Innsbruck eine Übergabehaft verhängt. Die Entscheidung, wann die beiden nach Deutschland übergeben werden, liegt beim Landesgerichts.

Weltskiverband FIS sperrt die Langläufer

Der Weltskiverband FIS hatte sich lange nicht zu den Vorfällen geäußert. Am Freitag bestätigte die FIS dann die schon länger kursierenden Namen der fünf Sportler und sprach eine vorläufige Sperre aus. "Die FIS wird Doping in keiner Form tolerieren. Sämtliche Sportler und andere Personen, welche die Vorschriften und Regeln missachten, die saubere Athleten und die Integrität unseres Sports verletzten, werden bestraft", sagte FIS-Präsident Gian Franco Kasper: "Ich hoffe, dies sendet eine klare Botschaft an andere Athleten, dass es ernste persönliche, juristische und sportliche Folgen für Dopingtäter gibt."

Thema in: B5 Sport, 01.03.2019, 13.55 Uhr

Stand: 01.03.2019, 13:19

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