Queerer Volleyballer Patch - Von Utah nach Berlin

Benjamin Patch von den Berlin Volleys ist der erste offen queere Spieler im deutschen Profisport.

Berlin-Volleys-Profi

Queerer Volleyballer Patch - Von Utah nach Berlin

Benjamin Patch ist der erste offen queere Spieler im deutschen Profisport. Mit den Berlin Volleys spielt er ab Donnerstag (08.04.2021) um den Meistertitel.

Bundfaltenhose, Hemd, Krawatte. Benjamin Patch musste so was mal tragen. Das liegt lange zurück, zwischen damals und heute liegen Welten.

Denn heute kann man sich den Star der Berlin Volleys in so einem beamtentauglichen und züchtigen Outfit gar nicht mehr vorstellen. Patch ist aber das schwarze Adoptivkind von weißen Mormonen, aufgewachsen in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah.

Missionarsarbeit mit 19 Jahren

Und als Patch 19 war, musste er mit der Missionarsarbeit beginnen. Also versuchen, andere Menschen von seiner Religionsgemeinschaft zu überzeugen.

Die Mormonen leben nach sehr strengen Glaubensregeln, auch was Sexualität betrifft. Kontakt zur Familie ist während der Missionarszeit so gut wie nicht erlaubt. Patch kam damit nicht mehr klar.

Es gab mehrere Gründe für den Bruch, ein entscheidender: "Ich mag Männer", sagt der 26-Jährige und lacht. "Ich bin ein sehr offener Mensch. Ich habe immer gespürt, dass ich dem Leben gegenüber allgemein aufgeschlossen bin."

Ausstieg aus der Mormonen-Gemeinde

Patch, leiblicher Sohn eines ehemaligen American-Football-Profis, stieg aus. "Es war für mich ein riesiger Moment, entscheiden zu müssen: Führe ich weiter ein Leben hinter Mauern oder reiße ich diese Mauern nieder und entscheide mich, ein freier und selbstbestimmter Mensch zu sein", erzählt der US-Nationalspieler vor dem Auftakt der Meisterfinalserie gegen den VfB Friedrichshafen am Donnerstag (18 Uhr).

Patch, der insgesamt zwölf Geschwister hat, verließ die USA und wechselte nach Italien. Das Jahr in Kalabrien sollte eigentlich seine Befreiung sein, frei fühlte er sich dort aber nie. Süditalien war für ihn starr, eng, irgendwie so wie Utah.

2018 bekam der Diagonalangreifer dann das Angebot, nach Berlin wechseln zu können - und die deutsche Hauptstadt fühlt sich für ihn so an, als könne er nach langem Luftanhalten endlich ausatmen. "Es ist ein wundervoller Ort, um sich selbst kennenzulernen und akzeptiert zu werden, egal wer und egal wie man ist", sagt Patch.

Vertrag bei den Volleys bis 2024

Offen ist er, das trifft es wohl am besten. Beiläufig erzählte er dem "Tagesspiegel" im vergangenen Jahr, dass er queer sei. Es steht als Sammelbegriff für den Stolz auf Abweichung, mit dem sowohl die ganze Bewegung als auch einzelne Menschen bezeichnet werden können.

Als queer bezeichnen sich nicht-heterosexuelle Menschen beziehungsweise Menschen, die sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

"Für mich hatte das keinen Schockeffekt. Was hätten die Leute denn tun sollen? Sollen sie dich feuern, weil du queer oder schwul bist? Die ganze Welt wäre hinter solchen Menschen her", sagte Patch. "Es muss sich normalisieren, weil es etwas ganz Normales ist."

Berlin ist die richtige Stadt für ihn, die Volleys der richtige Verein. "Im 21. Jahrhundert sollte es im Sport selbstverständlich sein, sich outen zu können", sagte Geschäftsführer Kaweh Niroomand dem "Tagesspiegel" und verlängerte den Vertrag von Patch bis 2024.

Patch hält nichts von übersteigerter Männlichkeit

Der Diagonalangreifer wünscht sich, dass sich der Sport auch von einem Bild übersteigerter Männlichkeit lösen kann. "Die jüngere Generation macht mir da viel Mut. Sie versetzt sich in die Lage ihres Gegenübers und interagiert viel stärker als andere Generationen mit anderen Kulturen", findet Patch. "Ich denke, das wird sich auch auf die Kommunikation in den Umkleidekabinen auswirken, in denen so vergiftet über Frauen gesprochen wird. Das ist so weit verbreitet, aber zugleich so inakzeptabel."

dpa | Stand: 07.04.2021, 13:28

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