Extreme E - der Motorsport entdeckt den Umweltschutz

Ein Extreme-E-Rennwagen bei der Rallye Dakar 2021 in Saudi Arabien

Serie: Die Zukunft des Motorsports

Extreme E - der Motorsport entdeckt den Umweltschutz

Von Andreas Ahn

Motorsport für den Umweltschutz - was wie ein Widerspruch klingt, ist das Ziel der neuen Rennserie Extreme E. Die neue vollelektrische Serie steht für den Wandel im Motorsport - und wird auch sehr kritisch gesehen. Auch in der Formel 1 und Formel E stehen Veränderungen an. Der Wettbewerb auf den Rennstrecken steht vor herausfordernden Zeiten.

Die Formel 1 ist am 28. März 2021 in ihre 72. Saison gestartet. Das Rennen in Bahrain gewann Lewis Hamilton, der siebenmalige Weltmeister. Für die Saison 2022 plant die Formel 1 gravierende Regel-Änderungen, neue Technologien und Antriebe werden entwickelt. Die Budgets der Rennställe werden limitiert, bis 2025 dürfen laut Vorgaben der FIA immer weniger Millionen US-Dollar pro Jahr ausgegeben werden.

Und genau jetzt, wo die Motorsport-Welt mal wieder vor einem Wandel steht, versucht eine neue vollelektrische Motorsport-Serie ihre ersten Fahrversuche zu machen. Die Extreme E, eine innovative, ökologische und nachhaltige Rennserie - laut eigener Aussage.

Offroad-Buggys, Brennstoffzellen und Wasserstoff

Aber stimmt das wirklich? Die 1.650 Kilogramm schweren Offroad-Buggys der Extreme E fahren batterie-elektrisch. Das ist zweifelsohne innovativ. Zwei Elektromotoren generieren circa 400 kW, rund 540 PS, Spitze 200 km/h.

Aufgeladen werden die Batterien mit Strom aus Brennstoffzellen, die mit klimaneutralem "grünem" Wasserstoff betrieben werden, der an Ort und Stelle produziert wird - auf einem Schiff. Allerdings ist die Produktionszeit von zehn Tagen für die Energiemenge, die an einem Wochenende bei wenigen Runden Offroad-Wettbewerb wieder "verballert" wird, doch arg unverhältnismäßig.

Das kritisiert auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Jens Hilgenberg, Leiter Verkehrspolitik, bemängelt diese Art von Energieverschwendung gegenüber sportschau.de: "Die Extreme E fährt an Orten, wo die Menschen teilweise noch Holz hacken, um zum Beispiel kochen zu können. Die Leute haben in diesen Regionen keinen Zugang zu erneuerbaren Energien, geschweige denn Strom. Den Veranstaltern der Extreme E geht es nur ums Entertainment einer Gesellschaft, die zuhause auf dem Sofa sitzt und bestens unterhalten werden möchte."

BUND-Kritik an Rennen in sensiblen Ökosystemen

Stimmt das wirklich? Die Rennplätze sind bewusst gewählt worden. Rennen fahren an Orten mit geschädigten Ökosystemen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen, das ist die Devise der Extreme E.

Saisonstart ist am ersten April-Wochenende in der Wüste Saudi-Arabiens. "Wir haben Al-Ula für unser allererstes Rennen ausgewählt, um auf die Bedrohungen durch Desertifikation aufmerksam zu machen", sagt Extreme-E-Gründer Alejandro Agag (50). Der Blick auf beeindruckende Sanddünen soll die fortschreitende Entwässerung der Region plastisch zeigen.

"Etwa zwölf Millionen Hektar nutzbares Land werden jedes Jahr durch Wüstenbildung und Dürre unfruchtbar", rechnet die Elektro-Rennserie auf ihrer Webseite vor. Weiter heißt es: "In den nächsten Jahrzehnten wird die durchschnittliche Wasserverfügbarkeit in einigen Trockenregionen voraussichtlich um zehn bis 30 Prozent abnehmen, was dazu führen wird, dass 2,4 Milliarden Menschen weltweit Perioden intensiver Wasserknappheit ausgesetzt sein werden."

Der BUND nennt dies Green-Washing. "Die Extreme E fährt nicht auf bestehenden Straßen, sondern durchs Gelände und zerstört damit Natur", kontert Jens Hilgenberg. Der Verkehrsexperte nennt als Beispiel: "In den Wüstenrandgebieten, wo es beim Kampf gegen den Sand auf jeden Grashalm ankommt, fährt man diese einfach platt."

Rennen in Arktis, Regenwald und Patagonien

Nach dem Auftakt geht’s weiter nach Afrika in den Senegal, in die Arktis, in den brasilianischen Regenwald und nach Patagonien. Das gesamte Material der Extreme E inklusive Rennfahrzeuge wird mit demselben Schiff um den Globus transportiert, auf dem die benötigte Energie produziert wird und das an den Rennorten als schwimmendes Fahrerlager dient.

Der Offroad-Buggy von Abt für die Extreme-E-Rennserie

Der Offroad-Buggy von Abt für die Extreme-E-Rennserie

Rennfahrer, Ingenieure und Mechaniker reisen allerdings per Flugzeug in die entlegensten Winkel der Erde. Oftmals werden Hubschrauber zum Weitertransport benutzt. Das Personal pro Team ist auf maximal sieben Personen beschränkt. Dazu kommen Personen für die Organisation und die TV-Crew.

Gleichstellung ist angesagt

Die Extreme E setzt bezüglich des Marketings und der Medien-Präsenz in der ersten Saison neben Elektrifizierung und Umwelt aber noch auf eine dritte Säule. Gleichstellung. Jedes Team muss einen Fahrer und eine Fahrerin verpflichten.

Das Thema Gleichstellung begrüßt Jutta Kleinschmidt (58), die Rallye Dakar-Siegerin von 2001, ausdrücklich: "Das Schöne ist eigentlich, dass mein Lieblingssport Offroad verbunden ist mit einer anderen Sache, die mir sehr am Herzen liegt, dass wir mehr Frauen im Motorsport sehen werden."

Im Gespräch mit sportschau.de erklärt die Präsidentin der FIA Cross-Country-Commission, dass "die gefahrenen Rundenzeiten von der Frau und dem Mann im Team addiert werden. Das Team was am schnellsten ist, kommt immer eine Runde weiter. Es ist ein K.o.-System, bis ein Siegerteam feststeht."

Hamilton und Rosberg als Teamchefs

Das Renn-Format ist also denkbar einfach. An zwei Tagen wird vom Qualifying über Halbfinals bis zum Finale gefahren. Direkte Duelle auf dem Rundkurs inklusive. Zuschauer sind keine vor Ort, um den CO2-Fußabdruck der Rennserie so gering wie möglich zu halten. Die Extreme E ist ausschließlich im TV verfolgbar oder man kann per VR-Brille nahezu wie live vor Ort mit dabei sein.

Kleinschmidt: "Wasserstoff ist für uns sehr interessant" Sportschau 29.03.2021 00:42 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

Am Start bei der Extreme E sind auch Lewis Hamilton (Team X44) und Nico Rosberg (Rosberg Extreme Racing), allerdings "nur" als Teamchefs. Deutschland wird durch das Privatteam Abt vertreten, bestens bekannt aus der DTM. Als Fahrer haben die Allgäuer Mattias Ekström (DTM-Champion 2004 und 2007, Rallycross-Weltmeister 2016) und Claudia Hürtgen (49) aus Aachen, eine der erfolgreichsten Rennfahrerinnen in Europa, verpflichtet.

Formel E: Pfeifen statt Motorsound

Während die Extreme E noch in den Kinderschuhen steckt, existiert die Formel E (seit 2020 FIA-Formel-E-Weltmeisterschaft) schon seit 2014 - ist sozusagen das elektrische Pendant zur Formel 1. Die Boliden rollen vergleichbar zur Extreme E batterie-elektrisch an den Start. Motorsound ist nicht vorhanden. Es ist eher ein Pfeifen, das man hört, wenn die Fahrzeuge mit bis zu 230 km/h durch Metropolen wie Berlin, Rom, New York oder Santiago de Chile flitzen.

Die Formel E ist vor kurzem in ihre siebte Saison gestartet. E-Mobilität im Rennmodus, darauf hat die Welt bislang noch keine rechte Lust. Die Einschaltquoten im TV halten sich in Grenzen, obwohl die Rennen jede Menge Action und Unterhaltung bieten.

"Ich schaue mir die Formel E durchaus an und ich würde die nie geringschätzen. Das ist ein sehr competitives Feld. Das ist eine andere Motorsport-Kategorie wie wir sie traditionell kennen mit den Verbrenner-Motoren, aber ich bin weit davon entfernt denen zu folgen, die sagen: das ist eine Marketing-Meisterschaft. Das ist es nicht! Es ist eine sehr, sehr hart umkämpfte Meisterschaft", sagt Norbert Haug (68), ehemaliger Motorsport-Chef von Mercedes-Benz.

Norbert Haug: "Wettbewerb belebt das Geschäft" Sportschau 29.03.2021 00:35 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

In Audi, BMW, Mercedes und Porsche sind gleich vier deutsche Hersteller (noch) dabei. Audi und BMW verlassen zum Ende der Saison 2020/21 die Bühne Formel E wieder. Die Begründungen bei beiden Herstellern sind in etwa gleich: Das "Technologie-Labor" elektrischer Motorsport und dessen Möglichkeiten mit einem Transfer auf elektrische Serien-Fahrzeuge sei im Wesentlichen ausgeschöpft.

Audi setzt auf Hybrid-Lösungen

Audi beispielsweise krempelt sein Motorsport-Programm komplett um und orientiert sich zweigleisig. Offroad-Rallye und Langstreckensport sind zukünftige Betätigungsfelder. Der Hersteller aus Ingolstadt entwickelt nicht nur einen Prototyp für den Start bei der Rallye Dakar, sondern auch einen Prototyp für Langstreckenrennen wie zum Beispiel das 24-Stunden-Rennen in Daytona (USA) und die 24 Stunden von Le Mans (Frankreich).

Manuel Reuter (59), zweimal Gesamtsieger bei den 24 Stunden von Le Mans (1989 und 1996) ist sich sicher, dass die Hybridisierung im Motorsport einen großen Schritt in Richtung Effizienz bringen wird. Im Motorsport seit je her ein Thema.

Reuter: "Effizienz ist im Motorsport essenziell" Sportschau 29.03.2021 00:29 Min. Verfügbar bis 29.03.2022 Das Erste

Der Offroad-Rallye-Prototyp von Audi wird einen leistungsstarken elektrischen Antrieb haben. Die Energie kommt aus einer Hochvoltbatterie. Aufgrund der bei der Rallye Dakar zurückzulegenden Distanzen von bis zu 700 Kilometern handelt es sich aber nicht um einen rein elektrischen Antrieb, sondern um eine Kombination aus Elektrifizierung und Verbrenner-Motor.

Ein hocheffizienter TFSI-Motor im Fahrzeug soll je nach Bedarf während der Fahrt über einen Energiewandler die Hochvoltbatterie laden. "Wir wollen auch in Zukunft das Markenversprechen 'Vorsprung durch Technik' im internationalen Top-Motorsport unter Beweis stellen und innovative Technologien für den Serieneinsatz entwickeln", erklärte unlängst Audi-CEO Markus Duesmann.

Ende des Verbrenner-Motors?

Auch Jutta Kleinschmidt kann sich ein Ende des bekannten Verbrenner-Motors im Motorsport derzeit noch nicht vorstellen. "Also ich persönlich habe die Meinung, dass wir eine Mischung sehen werden, zumindest in der Zukunft, die jetzt so kurz vor uns liegt. E-fuel, der aus Strom gemachte Kraftstoff, das ist ein sehr, sehr interessantes Thema. Aber es ist nicht ganz so einfach, weil da hapert es noch ein bisschen an der Produktion. Rein theoretisch ist dieses Benzin schon machbar und auch schon getestet worden. Aber alles nur auf Prototypen-Ebene. Man bekommt nur ein paar Liter. Und wir bräuchten natürlich für den Motorsport richtig viele Liter, und da brauchen wir noch Produktionsstätten", erklärte die "Grande Dame" des Offroad-Motorsports, die nicht nur als FIA-Beauftragte ihrem Lieblingssport treu geblieben ist. Kleinschmidt stünde auch als Ersatzfahrerin zur Verfügung, sollte einmal eine der aktiven Rennfahrerinnen unpässlich sein.

In puncto Nachhaltigkeit, Ökologie und Umweltschutz wird sich demnächst zeigen, ob die Extreme E ihre Versprechen hält und für positive Veränderungen und Verbesserungen für Mensch und Natur an den Orten sorgt, an denen die Renn-Veranstaltungen stattfinden.

Trotz der gewaltigen Anstrengungen der Extreme-E-Organisation sagt Umwelt-Lobbyist Jens Hilgenberg: "Da wird etwas schöngeredet, was nicht schön ist und auch nie wird." Eins dürfte aber mit Sicherheit feststehen: Mehr Veränderung im Motorsport, als derzeit bei der Extreme E, geht kaum.

Stand: 02.04.2021, 08:00

Darstellung: