Formel-1-WM: Eine Frage der Nerven

Lewis Hamilton und Max Verstappen beim Großen Preis von Brasilien

Formel 1 | Katar-Premiere

Formel-1-WM: Eine Frage der Nerven

Von Jo Herold

Vor den letzten drei Rennen der Formel-1-Saison spitzt sich der WM-Kampf zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton zu. Verstappen könnte sogar eine nachträgliche Strafe drohen.

Vor dem Beginn des ersten offiziellen Rennwochenendes in Katar geht es in einer Anhörung noch einmal um den Beinahe-Crash von Max Verstappen und Lewis Hamilton am vergangenen Sonntag (14.11.2021) in Brasilien.

Mercedes-Boss Toto Wolff hatte getobt angesichts einer ausgebliebenen Strafe gegen den Niederländer, der in der 48. Runde eine Kollision mit Hamilton provoziert hatte, die der Engländer nur mit einer Blitzreaktion und dem Verlassen der Fahrbahn verhindern konnte. Mercedes könnte nachträglich noch einen Punktabzug für Red-Bull-Pilot Verstappen erwirken, und der WM-Kampf würde noch spannender werden. Die Entscheidung über eine mögliche Strafe für Verstappen wird jedoch frühestens am Freitag fallen, teilten die Rennkommissare der Formel 1 am Donnerstagabend mit. 

Hauchdünne Vorsprünge

Sowohl in der Fahrer- als auch in der für die Teams extrem wichtigen Hersteller-Wertung ist nach 19 Rennwochenenden noch überhaupt nichts entschieden: Verstappen führt mit 14 Zählern vor Hamilton, bei den Teams liegt Mercedes mit noch knapperen elf Pünktchen vor Red Bull.

Klar, dass jetzt, auf der Zielgeraden der WM-Entscheidung 2021, auf allen Ebenen gekämpft wird: Mercedes wurde wegen eines um 0,2 Millimeter (!) irregulären Heckflügels in Sao Paulo bestraft, "rächte" sich aber mit einem neuen, leistungsstarken Motor.

Dem hat Red-Bull-Motorenpartner Honda in Verstappens Rennwagen wohl aktuell nicht viel entgegenzusetzen. Red-Bull-Konsulent Helmut Marko merkte bittersüß an, dass Mercedes ausgerechnet im Endspurt mit dem neuen Antrieb "ein Meisterwerk gelungen" sei, "so eine Rakete in dieser Phase herbeizuzaubern".

Die Bosse poltern, die Fahrer nicht

Die Fahrer scheinen sich mehr auf ihre sportliche Auseinandersetzung zu konzentrieren und die Scharmützel ihren Chefs zu überlassen. Wolff kündigte nach dem Brasilien-Wochenende in Richtung Red Bull an, dass er jetzt das Visier hochklappe: "Ich war immer sehr diplomatisch darin, wie ich Dinge diskutiere. Aber die Diplomatie hat geendet." Von den Piloten sind derlei Sprüche nicht zu hören.

Toto Wolff beim Großen Preis von Brasilien

Apropos Piloten: Vorteile auf den Wüstenstrecken für den ein oder anderen Piloten sind kaum auszumachen. Zu Saisonbeginn in Bahrain siegte Hamilton, Verstappen kam hinter ihm nur hauchdünn mit weniger als einer Sekunde Rückstand ins Ziel. Das Saisonfinale 2020 in Abu Dhabi entschied wiederum Verstappen für sich. Der Kurs in Katar ist für beide Piloten neu, sie kennen ihn allenfalls aus dem Simulator.

Nicht nur die größere Power ihrer Rennwagen entscheidet über ihren Erfolg auf dem Losail International Circuit (und zwei Wochen später auf dem ebenfalls unbekannten Jeddah Corniche Circuit in Saudi-Arabien), sondern auch die Lern- und Anpassungsfähigkeit der Fahrer. Wer den Kurs besser "lesen" kann, hat im Duell um den WM-Titel enorme Vorteile.

Harte Zweikämpfe sorgen für die größte Spannung

Die größte Spannung in der Formel 1 ging seit jeher von epischen und zumeist auch hart geführten Zweikämpfen um die Weltmeisterschaft aus. Alain Prost und Ayrton Senna in den späten 1980er-Jahren waren sich spinnefeind, Michael Schumacher lieferte sich in den 90ern mit Damon Hill (1994) und Jacques Villeneuve (1997) beinharte Duelle, die durchaus das ein oder andere Mal über das tolerierbare Maß hinausgingen. Zuvor lieferten sich Giuseppe Farina und der legendäre Juan Manuel Fangio in den 50ern packende Duelle. Später bekämpften sich der akribische Arbeiter Niki Lauda und sein Gegenpart, der überaus lebenslustige James Hunt, der 1976, im Jahr von Laudas Horrorunfall, den Titel davontrug.

Hamilton und Verstappen - der Zweikampf duftet nach Wachablösung, wenn auch nur ein wenig: der eine 36 Jahre alt, siebenmaliger Weltmeister und seit Jahren der Gejagte. Der andere ist 24, noch nie Weltmeister gewesen und spätestens seit diesem Jahr der größte Jäger Hamiltons. Ob es in diesem Jahr bei Verstappen schon für den WM-Titel reicht? Hamiltons Wille ist grenzenlos - und seine Erfahrung und Coolness sind starke Trümpfe. Seine Aufholjagd kürzlich in Brasilien und der dann folgende Sieg sind Beweise seiner Ausnahmestellung.

Es wäre wenig verwunderlich, wenn der Routinier im Finale den kühleren Kopf behielte und mit seinem achten WM-Titel seinen Legendenstatus auf lange Zeit unerreichbar groß werden ließe. Verstappens Zeit wird kommen - auch, wenn 2022 mit George Russell der nächste Gegner zum Zähneausbeißen im Mercedes sitzen wird, der als Hamilton-Ersatzfahrer und aktueller Williams-Pilot bereits viel Lob eingestrichen hat.

Stand: 18.11.2021, 20:22

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