Formel 1 poliert Bahrains Ruf auf - Menschenrechte außen vor

Formel 1 auf dem Bahrain International Circuit

Appell an Rennserie vor Saisonstart

Formel 1 poliert Bahrains Ruf auf - Menschenrechte außen vor

Von Marcus Bark

Die Formel 1 rast zum Auftakt der Saison durch Bahrain und poliert damit den Ruf des repressiven Staates auf. Menschenrechtsaktivisten appellieren an die milliardenschwere Rennserie, ihre Stimme gegen die Verbrechen zu erheben. Ein Junge bittet Lewis Hamilton, das Leben seines Vaters zu retten.

Sie fahren wieder. Die Formel 1 startet in Bahrain in die neue Saison, einem Königreich im Persischen Golf. Einer der etwa 1,6 Millionen Einwohner ist Mohammed Ramadhan.

Er sitzt in der Todeszelle, weil er einen Polizisten getötet haben soll. Menschenrechtsorganisationen sagen, das Geständnis sei unter Folter erzwungen worden.

Gegen Herrscher protestiert - jetzt im Gefängnis

Mohammed Ramadhan ist einer, der sich für mehr Demokratie eingesetzt hat und gegen die Herrschenden protestierte. Dass einer wie er im Gefängnis landet und um sein Leben fürchten muss, sei kein Einzelfall.

Solche Fälle hätten ein Muster, sagte Sayed Ahmed Alwadaei zur Sportschau. Der Fall von Mohammes Ramadhan sei auch zu vergleichen mit dem des Fußballers Hakeem al-Araibi, über den das WDR-Magazin "Sport inside" eingehend berichtete.

Hakeem al-Araibi - Gefoltert im Nationaltrikot Sportschau 15.06.2019 38:21 Min. Verfügbar bis 15.06.2022 Das Erste Von Jochen Leufgens, Robert Kempe

Dramatischer Appell

Der Bahrainer Alwadaei lebt im Exil in England und ist einer der Direktoren des Bahrain Institute for Rights and Democracy (BIRD). Die Menschrechtsorganisation schickte am Donnerstag (25.03.2021) mit Unterstützung von Opfern und Vertretern anderer Gruppen wie Human Rights Watch einen dramatischen Appell an die Verantwortlichen der Motorsportserie.

Ahmad Ramadhan - ein Bild für Hamilton und Hilfe für seinen Vater Sportschau 26.03.2021 02:03 Min. Verfügbar bis 26.03.2022 Das Erste

"Die Formel 1 steht am Scheideweg. Ist sie nur ein Milliardengeschäft, oder ist sie ein Milliardengeschäft, das sich auch für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt?", fragte Paul Scriven in einer vom BIRD organisierten Videokonferenz. Der britische Abgeordnete der Liberaldemokraten forderte: "Die Formel 1 muss eine Entscheidung treffen."

Ahmed fleht Hamilton an - Weltmeister verspricht Hilfe

Dazu wurde ein Video von Ahmed Ramadhan eingespielt. Der elf Jahre alte Junge ist der Sohn des zum Tode verurteilten Mohammed. "Ich war vier Jahre alt, als mein Papa mich zuletzt aus der Schule abgeholt hat. Jetzt habe ich ihn seit einem Jahr wegen Corona nicht mehr im Gefängnis besuchen können", so Ahmed. Die Hoffnung, dass er seinen Vater irgendwann lebendig und in Freiheit sehen wird, ruhen auch auf Lewis Hamilton.

Ahmed Ramadhan hält ein Bild für Lewis Hamilton

Botschaft per Bild: Ahmed Ramadhan

Dem Weltmeister der Formel 1 schrieb Mohammed Ramadhan einen Brief, Ahmed malte ihm ein Bild, auf dem er flehte: "Lewis, bitte rette meinen Vater!"
Nach dem letzten Rennen der vergangenen Saison in Abu Dhabi bestätigte Hamilton, dass er den Brief erhalten habe. Der siebenmalige Weltmeister versprach Hilfe: "Da ist im Hintergrund sicher einiges zu tun, und ich werde dafür sorgen, dass es nicht unbemerkt bleibt."

Die Familie Ramadhan, mit ihr viele weitere politische Gefangene in Bahrain und Aktivisten hoffen, dass Hamilton vor einem Millionenpublikum auf die katastrophale Menschenrechtslage in Bahrain aufmerksam machen wird.

Vor dem Rennen in Bahrain bekräftigte Hamilton tatsächlich sein Vorhaben. Er könne zwar nicht für die Formel 1 sprechen, aber: "Ich denke nicht, dass wir in solche Länder reisen sollten und ignorieren, was dort passiert. Wir können da nicht einfach hinfahren, eine gute Zeit haben und dann wieder abhauen."

Pause nur während der Unruhen des Arabischen Frühlings

Im Jahr 2011 erfasste der Arabische Frühling auch Bahrain, aber bei weitem nicht so stark wie andere Länder. Die Proteste für mehr Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte bei insgesamt verbesserten Lebensbedingungen wurden schnell unterdrückt und klein gehalten.

Mutige Demonstranten wie Mohammed Ramadhan wurden ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und zu Geständnissen gezwungen. In einer Mail an die Sportschau wies ein Sprecher der bahrainischen Regierung alle Vorwürfe von willkürlicher Justiz zurück. Ramadhan wie auch der Fußballer al-Araibi seien wegen „Anstiftung zu Gewalt, Terrorismus und gewalttätigen Vorfällen an öffentlichen Orten“ verurteilt worden.

Die Formel 1 strich 2011 den Großen Preis wegen der Unruhen aus dem Kalender, seit 2012 machte sie aber in jedem Jahr wieder Station auf der Hauptinsel des Königreichs.

"Sportswashing"

Die Lage der Menschenrechte habe sich laut Human Rights Watch und BIRD eher verschlechtert als verbessert. Bill Van Esveld von HRW berichtete am Donnerstag in der Videokonferenz, dass im Februar 13 Kinder festgenommen worden seien.

In dem Schreiben wird das Beispiel von Najah Yusuf aufgeführt, die wegen eines kritischen Facebook-Posts bezüglich des Rennens eingesperrt und misshandelt worden sei. Ihr Sohn sei als Vergeltung für die Meinungsäußerung ebenfalls festgenommen worden. Die bahrainische Regierung behauptet, Najah Yusuf sei wegen zwei terroristischer Straftaten" verurteilt worden. Ihre Strafe habe "absolut nichts mit dem Formel-1-Rennen" zu tun.

Auch wegen ihrer Proteste gegen die Formel 1, die mit ihrem Besuch in Bahrain den Ruf des Landes aufpoliert. "Sportswashing" nennen das die Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie HRW, oder auch "Whitewashing".

Katar, Nachbarstaat von Bahrain, dürfte derzeit führend im Sportswashing sein. Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, lobt die WM 2022 schon jetzt als die sicher beste der Geschichte. Todesfälle auf den Baustellen, miserable Arbeitsbedingungen, dokumentierte Menschenrechtsverletzungen - all das, so die FIFA, lasse sich besser im Dialog vor Ort lösen.

Briefe an den neuen Boss

So ähnlich argumentiert auch die Formel 1. Sie wurde in einem Brief, unterzeichnet von inzwischen 61 britischen Parlamentariern unterschiedlicher Parteien, aufgefordert, vor Ort zumindest die Opfer der staatlich verordneten Verbrechen zu besuchen und eine unabhängige Untersuchung zu den Misshandlungen einzuleiten, die im Zusammenhang mit dem Großen Preis von Bahrain stehen.

Adressiert ist der Brief, der der Sportschau vorliegt, an Stefano Domenicali. Der Italiener ist seit Beginn des Jahres Geschäftsführer der Formel 1.

"Nicht länger vor der Verantwortung drücken"

In dem Schreiben wird das Beispiel von Najah Yusuf aufgeführt, die wegen eines kritischen Facebook-Posts bezüglich des Rennens eingesperrt und misshandelt worden sei. Ihr Sohn sei als Vergeltung für die Meinungsäußerung ebenfalls festgenommen worden.

Eine Gruppe von 24 NGOs, darunter auch Transparency International und die Fußballfanvereinigung Football Supporters Europe haben auch einen Brief an den Boss der Formel 1 geschrieben. Sayed Ahmed Alwadaei, Direktor des BIRD, fordert die Formel 1 auf, sich "nicht länger vor der Verantwortung zu drücken", für Menschenrechte einzustehen und nicht stattdessen mithilfe von Staaten wie Bahrain Gewinne zu maximieren.

Anfrage an Vettel (noch) ohne Antwort

Im Gespräch mit der Sportschau sagte Alwadaei, dass auch an den viermaligen deutschen Weltmeister Sebastian Vettel ein Brief gegangen sei. Bislang habe er keine Antwort erhalten. Der Brief an die Formel 1 im vergangenen Jahr sei ebenfalls nicht beantwortet worden.

Bill Van Esveld von Human Rights Watch ist dennoch zuversichtlich, dass sich etwas ändern lässt. "Internationaler Druck hilft." Die Kinder, die im Februar festgenommen worden seien, seien wegen der Interventionen wieder frei: "Deshalb ist es so wichtig, dass die Formel 1 ihre Stimme erhebt." Ahmed und Mohammed Ramadhan hoffen vor allem auf Lewis Hamilton.

Update: Am Sonntag (28.03.2021) reagierte Formel-1-Geschäftsführer Domenicali auf die Vorwürfe. Er antwortete dem BIRD-Direktor Alwadaei schriftlich, der Brief liegt der Sportschau vor. Darin schreibt Domenicali, die Formel 1 sei "keine grenzüberschreitende Ermittlungsorganisation". Weiter heißt es: "Im Gegensatz zu Regierungen und anderen Körperschaften sind wir nicht in der Lage, die von Ihnen angeforderten Maßnahmen zu ergreifen, und es wäre für uns nicht angemessen, so zu tun, als ob wir dies könnten."

Stand: 26.03.2021, 11:31

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