Wettkämpfe in Birmingham World Games - Bühne für Beach-Handball und Co.

Stand: 08.07.2022 08:16 Uhr

Rollkunstlauf, Kraftdreikampf oder Feldbogenschießen: 3.600 Athletinnen und Athleten aus 100 Ländern messen sich seit Donnerstag (07.07.2022) zehn Tage lang in 34 Disziplinen im US-amerikanischen Birmingham, Alabama. Besonders große Medaillenhoffnungen macht sich die deutsche Frauen-Beach-Handball-Nationalmannschaft.

Von Torben Börgers

Das Team um Kapitänin Lucie-Marie Kretzschmar, Tochter von Stefan Kretzschmar, hat erst vergangene Woche die Weltmeisterschaft gewonnen - und will bei den World Games vor allem eins: Werbung für seinen Sport machen.

Die Jugend der Welt trifft sich in diesem Jahr nicht in einer der globalen Mega-Metropolen, sondern in einer Industriestadt mit 200.000 Einwohnern im armen Süden der USA. World Games statt Olympische Spiele. 23 Sportstätten im Schatten eines stillgelegten Hochofens sollen zum Schaufenster werden - für die am schnellsten wachsenden Sportarten, die es noch nicht ins das olympische Programm geschafft haben.

Eine davon ist Beach-Handball. Eine Variante, die in Deutschland ein Nischendasein fristet, wie Lucie-Marie Kretzschmar, die Kapitänin des Nationalteams, immer wieder amüsiert feststellen muss: "Wenn ich erzähle, was ich mache, kommt oft die Reaktion: Du hast Dich versprochen, Du meintest doch Beach-Volleyball!"

Artistische Tore zählen doppelt

Tatsächlich haben beide Sportarten viel gemeinsam: Wie beim Beach-Volleyball oder Beach-Soccer wird auch Beach-Handball auf Sand gespielt - natürlich barfuß. Jede Mannschaft besteht aus vier Spielerinnen oder Spielern. Eine Partie dauert zwei Mal zehn Minuten. Im Gegensatz zum Halbkreis beim Hallenhandball ist der Torraum rechteckig.

Das Besondere: Artistische Tore zählen doppelt - zum Beispiel wenn sich eine Spielerin nach dem Absprung vor dem Tor in der Luft um die eigene Körperachse dreht ("Spin-Shot") oder den Ball im Flug fängt und direkt wirft ("Kempa-Trick"). Ein Spektakel für Spielerinnen und Fans. "Es ist immer gute Stimmung auf dem Platz, es läuft Musik. Man kriegt man sofort dieses Urlaubsgefühl, wenn man Spieler sieht, die da im Sand aktiv sind", sagt Lucie-Marie Kretzschmar. "Das ist optimal für alle Seiten."

 Deutschlands Beach-Handballerinnen Kapitänin Lucie-Marie Kretzschmar

Vater Stefan ist noch kein Fan, aber "auf gutem Weg"

Die 21-jährige Magdeburgerin kommt aus einer wahren Handball-Dynastie. Ihr Opa Peter spielte 66-mal für die Nationalmannschaft der DDR. Ihre Oma Waltraud war dreifache Weltmeisterin. Ihr Vater Stefan, bekannt unter seinem Spitznamen "Kretzsche", war in den 90er Jahren einer der besten Spieler der Welt.

Ihn von der Beach-Variante seines Lieblingssports zu überzeugen, war nicht leicht. "Diese professionelle Entwicklung zum Leistungssport, die kannte er selbst überhaupt nicht. Deshalb hat er auch ein bisschen gebraucht, um sich da reinzufinden", erzählt die Abwehrspielerin. "Aber mittlerweile verfolgt er auch unsere Spiele, bei den Europameisterschaften, bei den Weltmeisterschaften und bei den World Games jetzt sicher auch."  Als "Fan" würde sie ihn dennoch nicht bezeichnen - und ergänzt mit einem Lächeln: "Aber er ist auf einem guten Weg dahin, würde ich sagen."

Traum von Paris 2024 geplatzt

Auf einem guten Weg war auch der Beach-Handball: Nach ihrer Erfindung in Italien Mitte der 90er Jahre zählte die junge Disziplin seit 2001 zu den Einladungssportarten der World Games. 2015 folgten erste Vorstöße, Beach-Handball zur olympischen Sportart aufzuwerten. 2020 reichte die Internationale Handballföderation beim Internationalen Olympischen Komitee einen entsprechenden Antrag ein.

Kurz darauf folgte die Ernüchterung: Beach-Handball wird 2024 in Paris nicht zu sehen sein. Jetzt hofft Lucie-Marie Kretzschmar auf Los Angeles 2028: "Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns in diesem Turnier präsentieren und die Werte vermitteln, die unseren Sport ausmachen: Spaß und Fairness, aber auch Leidenschaft und Kampfgeist."

Weltmeistertitel gibt Hoffnung

Vor einer Woche hat Kretschmar mit der Nationalmannschaft überraschend auf Kreta die Weltmeisterschaft gewonnen - durch ein 2:0 im Finale gegen Spanien. Am Abend nach der Siegerehrung haben Siegerinnen und Besiegte gemeinsam gefeiert. "Das Miteinander ist etwas, was den Beach-Handball sehr ausmacht", sagt Kretzschmar. "Das ist doch auch der Gedanke der Olympischen Spiele. Deshalb glaube ich, dass wir genau dort hingehören."