Die Klitschkos - ihr schwerster Kampf

Verfügbar bis 13.03.2023

Sportpolitik | Ukraine-Krieg

Krieg in der Ukraine: Die Klitschkos und ihr schwerster Kampf

Stand: 13.03.2022, 18:42 Uhr

Als Weltbürger und Box-Millionäre könnten Vitali und Wladimir Klitschko vortrefflich leben. Aber sie kämpfen in der Ukraine gegen den russischen Aggressor für Freiheit und Demokratie. Und fürchten selbst den Tod nicht.

Von Andreas Bellinger, Sven Kaulbars und Jonas Freudenhammer

Harte Schläge, schwere Kämpfe und mitunter auch abscheuliche Provokationen ihrer Gegner haben sie als Box-Weltmeister zuhauf erlebt. Vitali und Wladimir Klitschko sind Weltstars des Sports, waren stets Vorbilder, hart im Nehmen und immer um Fairness bemüht. Überall auf der Welt hätten sie zuhause sein können: ohne finanzielle Sorgen, in Wohlstand und Sicherheit. Doch die Liebe und Treue zur Ukraine hat ihnen etwas anderes befohlen, wie es Vitali, der seit 2014 Bürgermeister der Hauptstadt Kiew ist, einmal formuliert hat. Im russischen Angriffskrieg gegen ihr Vaterland weichen die Brüder keinen Zentimeter zurück - und koste es das Leben.

Ex-Manager Bönte: "Jetzt geht es um alles"

"Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich", sagt der 50-jährige Vitali. "Es ist eine Ehre für sein Land zu sterben." Wohlwissend, dass er und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir neben Präsident Wolodymyr Selenskyj offenbar zu den Hauptzielen der russischen Invasoren zählen. Das sind keine Lippenbekenntnisse, sagt einer, der die beiden seit Jahrzehnten kennt. Bernd Bönte war in Hamburg ihr Manager, Geschäftsführer und Mitinhaber der Klitschko Management Group - verantwortlich für alles, was die boxenden Brüder geschäftlich betraf. Seit dem 24. Februar, als die russischen Truppen ins Land einmarschiert sind, kämpfen sie für Freiheit und Demokratie - 1.600 Kilometer von ihrer früheren Wahlheimat Hamburg entfernt. Bönte: "Es ist ihr größter Kampf. Jetzt geht es um alles."

Bürgermeister Klitschko: "Bereit, notfalls zu sterben"

Seit diesem schwarzen Donnerstag, der das Leben der Klitschko-Brüder und unzähliger unschuldiger Menschen für immer verändert hat, sind auch Vitali und Wladimir im Alarmmodus. Funktionieren wie einst im Ring, helfen, wo es geht, organisieren den Widerstand und koordinieren die dringend benötigten Hilfslieferungen. Ihre Popularität und ihre Strahlkraft sind ein Pfund, mit dem sie wuchern, um traumatisierte Mitbürger aufzurichten, ihnen Mut zu spenden, die Schutzsuchenden in den U-Bahn-Schächten und Verwundeten in den Krankenhäusern zu trösten. Als Trauzeuge fungierte der Bürgermeister sogar an der Front - und musste dem Hochzeitspaar doch sagen: "In diesem Augenblick kämpfen unsere Männer. Wir werden Kiew nicht aufgeben. Wir verteidigen jedes Haus, jede Straße, jeden Kontrollposten bis zum Schluss. Wir sind bereit, notfalls zu sterben."

Haltung ist kein Slogan

Tatjana Kiel, die seit 17 Jahren für die Brüder arbeitet und 2016 Geschäftsführerin der Firma "Klitschko Ventures" wurde, ist sich sicher, dass die Brüder genau wissen, "wer sie sind und was sie wollen". Das von Wladimir gegründete Unternehmen nutzt seine vielfältigen Verbindungen nun zur Hilfe für die notleidenden Menschen in der Ukraine und den Transport vor allem von Nahrung und Medikamenten. Getreu dem Motto: "Haltung ist kein Slogan; Haltung sagt, wir kämpfen Seite an Seite mit den Menschen vor Ort und wir verlassen euch nicht."

Loyalität, Vertrauen und große Dankbarkeit

"Danke, danke, danke", sagt Wladimir angesichts der aus Deutschland gelieferten Hilfsgüter. Kiel sorgt für Nachschub, organisiert die Lieferungen, aber auch Demonstrationen.

Wladimir (l.) und Vitali Klitschko schauen auf ein Handy.

"Was Vitali bereit ist für sein Land zu tun, hat er seit Jahren bewiesen", sagt sie. Schon lange träumte er davon, dass "irgendwann eine Straße in Kiew nach mir benannt wird. Nicht wegen meiner sportlichen Erfolge, sondern für das, was ich für mein Land getan habe". Wladimir weicht seinem fünf Jahre älteren Bruder nicht von der Seite. Erst jetzt scheine sich in dramatischer Weise der Welt zu offenbaren, welch bemerkenswertes Duo diese Brüder sind, sagt Kiel. Geprägt von "Loyalität, gegenseitigem Vertrauen und großer Dankbarkeit dafür, was sie in ihrem Leben bekommen haben".

Einst auch Volkshelden in Russland

Sie sind auf der ganzen Welt zu Hause, doch Kiew ist ihr Fixpunkt geblieben. Dort haben sie studiert, in Sportwissenschaft promoviert. Hier geht Wladimirs Tochter zur Schule, ist der Vater begraben, hat die Mutter bis zum Einmarsch der Russen gelebt. "Sie sind Ukrainer und das wird so bleiben", sagt Bönte. Kaum zu glauben, dass sie auch in Russland Volkshelden waren. 2005 wurden sie "Sportler des Jahres" und verschweigen bis heute nicht, dass ihre Mutter Russin ist. "Wie könnten wir allein deshalb alle Russen hassen?"

"Dr. Eisenfaust" und der Olympiasieger

Vitali wurde 1971 als Sohn eines sowjetischen Luftwaffen-Obersts und einer russischen Lehrerin in Kirgisien geboren; Wladimir 1976 in Kasachstan. "Meine Söhne haben immer sehr stark an ihrem Willen gearbeitet", hat Vater Wladimir Rodionowitsch einmal gesagt. Und: "Ich habe ihnen immer beigebracht: Das Wichtigste ist der Wille zum Sieg." Diese Aura umgab die damals noch weitgehend unbekannten Brüder schon im Jahr 1996, als sie als Aushängeschilder des Universum-Boxstalls auf der zum Museumsschiff umgebauten "Rickmer Rickmers" im Hamburger Hafen vorgestellt wurden.

Mit zahlreichen K.o.-Siegen und WM-Titeln sollten die Hünen - Vitali 2,01 Meter, Wladimir 1,98 Meter - über Jahre die Schwergewichtsszene dominieren. Nur einmal fiel ein Schatten, als Vitali wegen eines Dopingverdachts von Olympia ausgeschlossen wurde, Wladimir aber stattdessen Gold in Atlanta 1996 holte. Der Olympiasieger sei der ruhigere, der viel nachdenkt, abwägt und vorsichtig ist, sagt Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB). "Vitali dagegen hat einen unbedingten Willen." Und "Dr. Eisenfaust" konnte fürchterlich zuschlagen. "Mehr der Typ Tyson - Wladimir hingegen mehr wie Ali", so beschreibt es ihr Ex-Promotor Klaus-Peter Kohl.

Kampf für Freiheit und Demokratie

Aber was zählen im größten Kampf ihres Lebens schon die WM-Gürtel und Trophäen, die in Kiew in einem Museum ausgestellt sind? "Sie sind im Westen aufgewachsen; haben sehr lange in Hamburg gelebt", so Bönte. "Sie wissen, was eine funktionierende Demokratie bedeutet und dafür kämpfen sie." Dieser Glaube erfüllte sie schon beim sogenannten Euromaidan, als die Menschen zwischen dem 21. November 2013 und dem 26. Februar 2014 (vor allem) in Kiew gegen die ukrainische Regierung unter Präsident Wiktor Janukowytsch demonstrierten, weil diese das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union plötzlich nicht mehr unterzeichnen wollte. Die Proteste wurden teils brutal beantwortet, führten aber zum Regierungswechsel und der Flucht von Janukowytsch.

Box-Präsident Pütz: "Der eine ist für den anderen da"

"Was die beiden Jungs jetzt für ihr Land leisten, ist unbeschreiblich", sagt Pütz. "Der eine ist für den anderen da." Während Vitali früher der Chef war und auf den "Kleinen" aufgepasst hat, haben sich die Rollen angesichts der Kriegswirren verändert. Wohl noch ein bisschen mehr, als bereits zu Zeiten der Boxkarriere. Da sollte Vitali zeitweise nicht einmal mehr ins Trainingscamp seines Bruders kommen, weil Wladimir seine (gutgemeinten) Tipps zu viel wurden. "Mein Eindruck ist, im Moment passt Wladimir auf seinen Bruder auf", so Kiel. "Weil der Bürgermeister einen viel größeren Druck hat."

Natalia Klitschko: Banges Warten auf ein Lebenszeichen

Wer aus der Ferne die Bilder von Vitali und Wladimir in schusssicheren Westen und gezeichnet von der Last der Verantwortung sieht, wähnt sich mitunter im falschen Film. Den Brüdern mag es lange nicht anders ergangen sein. "Ich habe mir niemals vorgestellt, nach dem Militär wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen", sagt Vitali. "Aber jetzt haben wir keine andere Wahl."

Schon in der Schule hatten sie gelernt, wie man eine Kalaschnikow auseinander- und wieder zusammenbaut. Nun überdeckt ein barbarischer Krieg die sanften Seiten der Brüder, die Vitali etwa 2014 bei seiner bewegenden Grabrede für Trainer Fritz Sdunek offenbarte. Und jetzt ist auch von Vitalis Frau Natalia, die mit den drei Kindern in Hamburg lebt, Stärke gefragt. Jeden Morgen, erzählt sie, warte sie sehnsüchtig auf die Nachricht aus der Bomben-Hölle: "Kiew steht noch - und wir sind am Leben."

Dieses Thema im Programm:
Sportclub | 13.03.2022 | 23:45 Uhr

Quelle: NDR

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