Sohn Lukaschenko löst seinen Vater als NOK-Präsident ab

Alexander Lukaschenko (l.) und sein Sohn Viktor Lukaschenko

Belarus

Sohn Lukaschenko löst seinen Vater als NOK-Präsident ab

Von Katja Garmasch

In Belarus ist überraschend Viktor Lukaschenko zum neuen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees gewählt geworden. Nach 23 Jahren löst er damit seinen Vater, den Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko, ab - eine Folge der anhaltenden Proteste im eigenen Land und der IOC-Sanktionen, glauben Kritiker, die die Wahl für einen faulen Kompromiss halten.

Der Schnurrbart ist geblieben, der Nachname auch: Lukaschenko. Doch es ist nicht der "Batko", der Vater der Nation, wie der letzte Diktator Europas sich selber nennt, sondern sein Sohn Viktor Lukaschenko, der zum neuen Präsidenten des belarusischen Nationalen Olympischen Komitees gewählt wurde. Seit 2019 war er NOK-Vizepräsident. Bei der Wahlsitzung am Freitag (26.2.2021) zeigte sich Vater Alexander Lukaschenko nach 23 Jahre Amtszeit stolz, aber auch überrascht, dass seine eigene Kandidatur überhaupt von den NOK-Mitgliedern in Betracht gezogen wurde.

Er wollte sich gar nicht für eine neue Amtszeit als NOK Präsident aufstellen: "Ich übergebe euch meinen ältesten Sohn Viktor… Ich werde meinerseits immer für euch da sein, denn ich liebe den Sport", sagte der belarusische Präsident laut belarusischen Medien unter Applaus. Eine überraschende Wendung.

Sport auf der Seite der Protestierenden

Ausgangspunkt war die letzte Wahl von Alexander Lukaschenko, die Präsidentschaftswahl 2020, die ihm zum Verhängnis wurde. Die soll massiv manipuliert worden sein, was bis heute zu massiven Protesten in Belarus geführt hat, die von Anfang an mit außergewöhnlich harter Polizeigewalt unterdrückt wurden.

33.000 Menschen wurden festgenommen, darunter auch viele Sportlerinnen und Sportler. Schon früh waren sie auf der Seite der Protestierenden: Mehr als 2.000 von ihnen haben einen offenen Brief unterschrieben, in dem unter anderem Neuwahlen gefordert wurden. Der Staat reagierte mit Druck, entzog den Athletinnen und Athleten die Mittel zum Trainieren und zum Leben.

"Nichts Halbes und nichts Ganzes"

Einer von ihnen ist der ehemalige Trainer der Freestyle Nationalmannschaft, Vadim Krivosheev. Er musste seinen Posten als Direktor des olympischen Freestyle-Zentrums räumen, nachdem fast alle seine Sportler sich solidarisch mit den Protesten erklärt hatten. Krivoscheev lebt jetzt im Exil und ist Mitglied der "Antikrisen-Volksverwaltung", der oppositionellen Regierung von Belarus.

Vom der Ergebnis der NOK-Wahl ist er überrascht. "Im Vorfeld waren zwei Szenarien denkbar: Entweder hält Alexander Lukaschenko mit aller Macht an seinem Posten fest, so wie er sich an seine Präsidentschaft klammert. Oder die IOC-Sanktionen bringen ihn zu Vernunft, und er macht Platz für Veränderungen, was  zwar nicht wahrscheinlich war, aber immerhin eine mögliche Reaktion auf die Sanktionen. Hier haben wir jetzt eine dritte Möglichkeit - nichts Halbes und nichts Ganzes", sagte er im Interview mit der Sportschau.

Belarus: Sportler spüren die Härte des Regimes sport inside 21.08.2020 10:43 Min. Verfügbar bis 21.08.2021 WDR Von Robert Kempe und Evgenij Rudnij

Die angesprochenen Sanktionen hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) Anfang Dezember 2020 nach lange anhaltendem internationalen Druck verhängt: Die finanzielle Unterstützung für das belarusische NOK wurde eingestellt, außerdem Staats- und NOK-Präsident Lukaschenko selbst, sein Sohn Viktor und weitere wichtige NOK-Funktionäre wegen "politischer Diskriminierung" suspendiert und von allen olympischen Aktivitäten ausgeschlossen. Im Januar 2021 reagierte nach langen Bedenken auch die Internationale Eishockey-Föderation (IIHF) und entzog Belarus die Ausrichtung der für Mai geplanten Eishockey-WM.

Internationale Sanktionen haben Lukaschenko getroffen

Anatolij Kotov, der ehemalige Generalsekretär des belarusischen NOK, weiß, dass diese Sanktionen Lukaschenko stärker getroffen haben, als er es zugeben wollte. "Sport ist die größte Schwachstelle von Lukaschenko. Man sagt, dass er damals nur deshalb NOK-Chef geworden ist, um zu den Olympischen Spielen nach London fahren zu dürfen, was er als Präsident des Landes wegen der politischen Sanktionen nicht hätte machen können", erklärte er gegenüber der Sportschau.

Im August 2020 hatte Kotov als einer der ersten Regierungs- und Sportfunktionäre seinen Posten in der Administration des Präsidenten verlassen und damit für Schlagzeilen gesorgt. Um Repressalien zu entkommen, zog er nach Warschau, wo er jetzt für den belarusischen Sport-Solidaritätsfond, SOS.BY, arbeitet. Der Fond unterstützt Sportlerinnen und Sportler, die im Zuge der staatlichen Repressalien ihre Anstellung, ihr Stipendium und die Trainingsmöglichkeit verloren haben.

IOC sanktioniert Lukaschenko - aber reicht das? Sportschau 13.12.2020 08:13 Min. Verfügbar bis 13.12.2021 Das Erste

Sportlerinnen und Sportler als Verräter bezeichnet

Diese Sportlerinnen und Sportler hat Alexander Lukaschenko jetzt wieder als Verräter bezeichnet: "Eine Reihe der ehemaligen Athleten stehen jetzt in den Wartezimmern der internationalen Organisationen und fordern Sanktionen gegen unsere olympische Bewegung und das ganze Land. Sie können kein Glück auf dem Verrat Ihres Heimatlandes aufbauen", sagte er am Freitag auf der Sitzung des NOK.

Der verhinderte Machtwechsel an der NOK-Spitze wird wohl nichts an der Situation der unterdrückten Sportler und auch aller anderer Bürgern des Landes ändern. "Die Situation im Land hat sich in den letzten Monaten verschlimmert: Wir sehen zwar weniger Festnahmen, weil die Menschen nicht mehr auf die Straße gehen. Aber wir sehen Prozesse mit Haftstrafen für Menschen, die einfach in den rot-weißen Farben der Protestbewegung angezogen sind, gegen Journalistinnen, die Aufnahmen von den Protesten gemacht haben, gegen Ärztinnen, die keinen Alkohol im Blut eines zu Tode Geprügelten finden können. Wir haben hier einen in Europa noch nie dagewesenen rechtlichen Notstand", sagt Anatolij Kotov.

Auch der neue NOK-Präsident ist vom IOC suspendiert

Deswegen sei es wichtig, dass das IOC und die sportliche Weltöffentlichkeit an den Sanktionen festhalte und sie sogar verschärfe, meint Vadim Krivoscheev, Mitglied der Antikrisen-Volksverwaltung: "Die Tatsache, dass Alexander Lukaschenko einen halben Schritt zur Seite macht, ist ein Resultat des stetigen internationalen Drucks. Auch die Menschen, die ihn heute unterstützen, sind Teil des ganzen Prozesses und müssen sanktioniert werden." Viktor Lukaschenko und drei weitere Mitglieder des neuen NOK-Exekutivkomitees stehen auf der Sanktionsliste der IOC. Sieben weitere neugewählte Mitglieder - nicht.

Für Krivosheev ist die Wahl der neuen NOK-Spitze daher ein fauler Kompromiss. Immerhin hat Alexander Lukaschenko den Vorschlag der NOK-Mitglieder, ihn zum Ehrenpräsidenten zu wählen, abgelehnt. "Er ist in die Enge getrieben worden, und versteht, dass er nicht weiterkommt. Aber da Sport sein Lieblingsspielzeug ist, kann er ihn nicht ganz loslassen und lässt jetzt seinen Sohn damit spielen. Daran sieht man auch, wie paranoid er ist - er vertraut niemandem außer seiner Familie", sagt Krivoscheev.

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"Lukaschenkos Thron wackelt"

Wer auch immer jetzt an der NOK-Spitze stehen mag: Diese Wahl ist für die belarusische Protestbewegung ein erster kleiner Sieg: "Klar, ein Stück Freude ist dabei, denn jetzt haben wir gesehen, dass Lukaschenko seine Macht loslässt, vielleicht nur in einem Bereich, aber sein Thron wackelt. Er gibt nach, auch wenn er die Macht jetzt an seinen Sohn übergibt. Damit wird er aber nicht für Entspannung sorgen, sondern die Situation im Sport und im Land nur weiter verschärfen. Das muss ihm und auch den internationalen Sportorganisationen wie dem IOC klar sein", sagt Krivoscheev.

Stand: 27.02.2021, 09:23

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