Sexualisierte Gewalt im Judo: Mut und Gerechtigkeit sport inside 12.05.2021 18:30 Min. Verfügbar bis 12.05.2022 WDR

Interview mit einem Betroffenen

Sexualisierte Gewalt im Sport: "Einen Abschluss finden"

Sieben Jahre Haft wegen sexualisierter Gewalt. So lautet das Urteil des Landgerichts Berlin gegen einen Judolehrer, das seit kurzem rechtskräftig ist. Die Betroffenen: sieben minderjährige Jungen. Einer von ihnen, Sebastian (Name geändert), war elf, als die Übergriffe begannen. Er hat uns schriftlich berichtet, was ihm über drei Jahre widerfahren ist.

Wie oft waren Sie in der Woche beim Training und was bedeutete Judo für Sie?

Sebastian: Damals bin ich dreimal die Woche ins Judotraining gegangen. Es war mein primärer sozialer Mittelpunkt. Ausserhalb des Judosports habe ich Schwierigkeiten gehabt, Freunde zu finden, weshalb der Verein ein umso wichtigeres Standbein darstellte. 

Wie ist es Herrn K. gelungen, in alle Räume (Training, zu Hause, Schule) vorzudringen?

Sebastian: Herr K. hat sich über den Judosport hinweg sehr in unserer Familie engagiert. Da er sich für mehr als nur sportliche Erfolge, sondern auch für die familiäre Situation und vor allem für die schulischen Leistungen interessiert hat, hat er viel Vertrauen in meinem privaten Umfeld genossen. Es hat ein gutes freundschaftliches Verhältnis zwischen meinen Familienangehörigen und Herrn K. bestanden. Er hat durch seine Allgegenwärtigkeit eine Art Ersatzvater dargestellt, dessen Autorität nicht infrage gestellt wurde. Weder von den Kindern und meistens nicht von den Eltern.

Schläge ohne Vorwarnung

Sie haben von körperlichen Züchtigungen gesprochen, was hat sich ereignet?

Sebastian: Die körperlichen Züchtigungen haben sich regelmäßig ereignet und umfassten u.a. harte Schläge auf den Po, Schläge in den Bauch (beim Wiegen), Schläge auf den Oberschenkel (wenn man auf dem Beifahrersitz gesessen hat). Diese Schläge kamen meist ohne Vorwarnung und völlig grundlos, weshalb man nie sicher sein konnte, ob etwas passiert. Dies hat ebenfalls die Abhängigkeit erhöht, da Schläge weniger häufig passierten, wenn man sich seinem Willen gebeugt hat.

Beim Bodenkampf wurden wir nicht primär geschlagen, sondern Herr K. hat uns seine Überlegenheit deutlich gemacht und nicht von uns abgelassen, auch wenn man abgeklopft hat (im Judo die Form des Aufgebens) in Folge von Armhebeln, Würgegriffen oder einfach nur, wenn er uns festgehalten hat, was aufgrund seines deutlich höheren Körpergewichts als Erwachsener auch zu Atemnot geführt hat.

Hat jemand von den Züchtigungen gewusst, bzw. diese mitbekommen, wenn ja, wer?

Sebastian: Die meisten Eltern haben mitbekommen, dass Herr K. mit sehr harter Hand trainiert und dass es auch mal Schläge auf den Po gegeben hat. Die Häufigkeit und Varietät der Züchtigungen werden die meisten Eltern sicher nicht mitbekommen haben. Ich habe ebenfalls davon erzählt, jedoch denke ich nicht, dass meine Familienangehörigen die Häufigkeit, Intensität und Normalität der körperlichen Züchtigungen zu dem Zeitpunkt begriffen haben.

Unantastbare Autorität

Was hätten diese Menschen tun können oder müssen um so vielleicht die sexuellen Übergriffe zu verhindern?

Sebastian: Es wäre wichtig gewesen, dass Erwachsene sich gegen die Autorität des Herrn K. gestellt hätten. Sie hätten klar machen müssen, dass körperliche Züchtigungen kein angemessenes Mittel gegen Kinder sind. Als Kind ist einem bewusst geworden, dass die Autorität bei Herrn K. quasi unantastbar ist, da Eltern sogar die körperlichen Züchtigungen duldeten.

Sie haben über Jahre versucht, die Übergriffe zu verdrängen. Der Prozess und die Verurteilung haben Ihnen bei Ihrer Aufarbeitung geholfen. Wie geht es Ihnen jetzt?

Sebastian: Für mich ist es sehr wichtig, endlich die Bestätigung erhalten zu haben, dass die Vorkommnisse vor all den Jahren Unrecht gewesen sind. Als Kind wusste ich, dass es falsch ist, was da passiert, aber niemand bestätigt einem das, weil niemand davon weiß. Im Gegenteil, der Täter hatte mit meinem familiären Umkreis weiter ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt. Mit dem Gerichtsurteil habe ich nun die Bestätigung, dass mein Gefühl über all die Jahre richtig gewesen ist und das Problem bei Herr K. und nicht bei mir gelegen hat. Seit dem Prozess ist es möglich, mit dem Geschehenen besser umzugehen und einen Abschluss zu finden.

Wie ging es Ihnen während des Prozesses ?

Sebastian: Am Anfang hat mir die Vorstellung Herrn K. wiedersehen zu müssen, sehr großes Unbehagen bereitet. Bei meiner Zeugenaussage vor Gericht habe ich ihn wiedergesehen, und zu meiner Überraschung ist der Schrecken vor ihm verloren gegangen. Er war nicht mehr die Person, die alles kontrolliert, sondern der Angeklagte. Wir als Betroffene haben die Kontrolle erlangt, indem wir dem Gericht unsere Erlebnisse schildern konnten. Die Vorstellung der autoritären Person, die Herr K. über all die Jahre für uns dargestellt hat, ist verflogen. Das ist sehr wichtig für meine Aufarbeitung gewesen.

Gegenseitige Unterstützung

Wie haben Sie das Verhältnis zu Ihren Mitstreitern vor und während des Prozesses erlebt und was ist daraus entstanden?

Sebastian: Der Prozess hat geholfen, dass ich mich mit mehreren Betroffenen, die ich teilweise seit meiner Kindheit kenne, wieder angenähert habe. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, konnten uns über Vorkommnisse austauschen und somit viele Unsicherheiten über den weiteren Verlauf nehmen. Wir haben alle Ähnliches erlebt, was kaum jemand anderes nachvollziehen kann, weshalb dieser ganze Prozess uns zusammengeschweißt hat. Wir wissen, dass wir eine einzigartige Freundschaft haben und dass wir uns aufeinander verlassen können.

Was ist Ihr Ziel, wenn Sie mit dieser schriftlichen Antwort auf die Fragen an die Öffentlichkeit gehen, was möchten Sie bewirken?

Sebastian: Mein Ziel ist es, darauf aufmerksam zu machen, wie weit verbreitet sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist und dass meines Erachtens vor allem Eltern in der Verantwortung stehen, diese erkennen zu müssen. Verhaltensauffälligkeiten von Kindern können primär von den Eltern erkannt werden.

Die Fragen stellte Andrea Schültke

Das große Tabu wackelt - Sexualisierte Gewalt im Sport WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 27.03.2021 53:57 Min. Verfügbar bis 21.03.2041 WDR 5

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