Wimbledon: Historisches Finale für die Zukunft

Djokovic hält die Wimbledon-Trophäe, im Hintergrund ist Roger Federer auf einer Videowand zu sehen

Djokovic besiegt Federer

Wimbledon: Historisches Finale für die Zukunft

Von Jannik Schneider

Ausgerechnet auf der prestigeträchtigsten Tennis-Bühne der Welt haben Roger Federer und Novak Djokovic das wohl dramatischste Match ihrer Karriere bestritten. Das Wimbledonfinale am 14. Juli 2019 könnte den Verlauf der Tennis-Geschichte langfristig beeinflussen.

Das alljährliche Wimbledonfinale auf dem so ehrwürdigen Centre Court des "All England Croquet and Lawn Tennis Club" ist fest verankert im weltweiten Sportkalender und sticht in diesem unabhängig vom Ergebnis mit all seinen Traditionen und Geschichten hervor. Doch an jenem Sonntag, dem 14. Juli, mussten selbst die Tennis-Superstars Roger Federer und Novak Djokovic zunächst um Aufmerksamkeit buhlen – zumindest bei den Einheimischen in London.

England stand parallel zum Wimbledon-Endspiel im Finale der Cricket-Weltmeisterschaft gegen Neuseeland (das später ganz knapp gewonnen wurde), und wer bis dato nicht gewusst hatte, welchen Stellenwert Cricket auf der Insel genießt, der musste lediglich die hin- und hergerissenen Tennis-Journalisten im Pressezentrum zu Wimbledon beobachten, deren Blicke und emotionalen Ausbrüche gleichermaßen zwischen den Bildschirmen hin und her schwappten.

Viele Wendungen und zwei vergebene Matchbälle

Es bedurfte mit Federer und Djokovic schon zwei der drei größten Spieler der vergangenen 15 Jahre, (nicht wenige sagen, aller Zeiten) um den Fokus der Briten peu à peu auf ihr Schlagrepertoire zu richten. Die beiden Ausnahmekönner zauberten eine Gesamtperformance auf das am Ende der zwei Wochen nicht mehr ausschließlich grüne Geläuf des Centre Courts, welche die Zuschauer in der Royal Box, auf den weiteren Rängen sowie Millionen von weltweiten Fans an den Endgeräten zu Hause wie kaum ein zweites Endspiel in der Geschichte des zumindest in Wimbledon noch gänzlich weißen Sports emotionalisierte.

Die Akteure erreichten beim 7:6 (5), 1:6, 7:6 (4), 4:6 und 13:12 (3) vor allem in den ersten Sätzen nur selten spielerisches Weltklasseniveau. Viele Wendungen, zwei vergebene Matchbälle von Federer, eine mentale Meisterleistung von Djokovic mit am Ende drei siegreichen Tiebreaks machten das Duell am Ende auch wegen der Spielzeit aber zum historischsten und emotionalsten Finale seit Federers Niederlage 2008 gegen den dritten im Bunde dieses Ausnahmetrios, Rafael Nadal.

Drama in fünf Akten und 4:57 Stunden

Damals vor elf Jahren verlor Federer ebenfalls in fünf langen Sätzen inklusive Regenunterbrechung in 4:48 Stunden. 2019 dauerte das Drama in fünf Akten in Serie nochmals neun Minuten länger und ist damit das längste Wimbledonfinale in der Geschichte. Ob es hochklassiger war, darf angezweifelt werden. Fakt ist aber: Das Resultat des diesjährigen Wimbledonfinales hat die sogenannte GOAT-Debatte, der Frage nach dem besten Spieler aller Zeiten, die sich sehr nah an der Ausbeute bei den Grand-Slam-Turnieren orientiert, beeinflusst wie wahrscheinlich kein weiteres Endspiel.

Hätte, ja hätte Roger Federer einen seiner beiden Matchbälle im entscheidenden fünften Satz bei 8:7 genutzt, der Schweizer hätte das Narrativ um die von den Federer-, Nadal-, und Djokovicjüngern gleichermaßen hitzig geführte Debatte einschneidend verändern können. Mit dann 21 Grand-Slam-Titeln und dem neunten auf dem heiligen Rasen hätte sich der im Sommer noch 37 Jahre alte Schweizer zahlenmäßig aber auch mental nochmals entscheidend absetzen können am Ende eines Jahrzehnts, das ergebnistechnisch Nadal und Djokovic dominiert haben.

Federer noch nahezu auf Augenhöhe mit den jüngeren Widersachern

Federer wird auch ohne diesen weiteren Titel respektiert und verehrt dafür, dass er in diesem für Leitungssportverhältnisse biblischen Alter noch nahezu auf Augenhöhe mit seinen jüngeren Widersachern ist. Ein weiterer Majortitel hätte seinen Status jedoch weiter manifestiert. Denn während Federer die Nullerjahre mit 15 Grand-Slam-Titeln bestimmte, gewann Djokovic seit 2010 mit 15 die meisten. Nadal ergatterte in diesem Zeitraum 13, Federer in der Blütezeit seiner Kontrahenten immerhin noch ganze fünf.

Djokovic ist der beste Spieler der vergangenen zehn Jahre. Gegen Federer und Nadal steht er in diesem Zeitraum 42 zu 25. Fünf der zehn Jahre beendete er als Nummer eins der Welt (Federer nicht einmal). Der Serbe gewann als erster Spieler seit Rod Laver vier Grand Slams in Serie und als erster Spieler überhaupt alle Grand Slams und Masters-Titel. Doch Federer hätte ihn in London noch einmal brechen können. Auch das machte das Finale emotional so besonders.

Federer führte in fast allen Statistiken

In der Realität gewann Djokovic aber auch das fünfte Grand-Slam-Match in Folge gegen Federer (und das dritte Wimbledon-Finale) ironischerweise im ersten Tiebreak eines Entscheidungssatzes in der Geschichte des Turniers beim Stand von 12:12. Die Wimbledon-Offiziellen hatten die Regelung erst dieses Jahr eingeführt, um ausufernde Matches zu verhindern und die Spieler zu schützen. Nicht wenige behaupten, dass Federer ohne einen weiteren Tiebreak die besseren Chancen gehabt hätte. Denn der Maestro führte in nahezu allen relevanten Statistiken.

36 zu 32 Spiele, 94 zu 54 Gewinnschläge und 25 zu 10 Asse zählten die Statistiker. Federer hatte gar sieben seiner 13 Breakbälle genutzt. "Große Teile dieses Matches war ich einen Schritt hinterher. Ich habe verteidigt, er dominiert. Aber ich habe versucht zu kämpfen und einen Weg zum Erfolg zu finden in den Momenten, als es am meisten gezählt hat", sagte ein aufgeräumt wirkender Djokovic später in der Pressekonferenz und meinte damit die drei Tiebreaks. Noch so ein kleines, aber nicht unwesentliches Detail dieses Jahrzehnts, hervorgebracht durch das Wimbledonfinale.

Bis zu den US Open 2009 gewann Federer 18 seiner 21 Tiebreaks in Grand-Slam-Endspielen. Seitdem entschied er lediglich drei seiner elf Tiebreaks für sich. Djokovics Zahlen lesen sich konträr: Bis Ende 2015 stand er 5:9. Seitdem gewann er alle seine sieben Tiebreaks. Auch deshalb steht Djokovic seit Wimbledon 2019 bei 16 Grand-Slam-Titeln; Nadal (19) hat sich nach seinem US-Open-Sieg später im Jahr gar auf einen Majorsieg an Federer herangepirscht.

Federer niedergeschlagen wie selten

Die Zeit, das weiß auch Federer, spricht vor allem für Djokovic. Ganz der Vollprofi betrachtete Federer schmunzelnd während der Siegerzeremonie auf dem Court das symbolische Glas noch als halbvoll, indem er sagte: "Ich hoffe, ich gebe anderen Menschen das Gefühl, daran zu glauben, dass es mit 37 Jahren im Leben noch nicht vorbei ist." Der Schweizer hätte 25 Tage vor seinem 38. Geburtstag der älteste Grand-Slam-Sieger aller Zeiten werden können. Da war es Federer ein schwacher Trost, dass Djokovic nach der Trophäenübergabe spitzbubenmäßig entgegnete. "Roger, ich bin einer von den Menschen, denen du diese Hoffnung gibst."

Federer, von dem langjährige Wegbegleiter behaupten, er könne große Niederlagen rasch verarbeiten, wirkte später in den Katakomben bei der Pressekonferenz niedergeschlagen wie selten in seiner Laufbahn. "Ich merke gerade, dass ich eine unglaubliche Chance verpasst habe. Ich kann es gar nicht glauben", erklärte er rund zwei Stunden nachdem ein Rahmentreffer mit der Vorhand das Finale zugunsten Djokovic entschieden hatte.

Djokovic, wie bei Duellen gegen den weltweit aber vor allem in London wohl beliebtesten Spieler Federer die Regel, fantechnisch glasklar in der Unterzahl, war emotional die gesamte Spielzeit über erstaunlich ruhig geblieben. So auch nach dem Matchball, den der 32-Jährige auf dem Weg zum Handschlag nur mit einem Lächeln genoss. Erst nach dem Handschlag mit Federer und dem Schiedsrichter brach es aus dem fünffachen Wimbledon-Sieger heraus. Wie ein wildgewordener Gorilla schlug er sich auf die Brust. An Cricket vermochten in diesem Moment nur die wenigsten zu denken.

Stand: 17.12.2019, 10:30

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