Stéphanie Frappart: Die Schiedsrichterin, die Geschichte schrieb

Französische Schiedsrichterin Stephanie Frappart

Jahresrückblick 2019

Stéphanie Frappart: Die Schiedsrichterin, die Geschichte schrieb

Von Tim Beyer

2019 war das Jahr der Schiedsrichterin Stéphanie Frappart. Sie hat der Geschichte des Fußballs ein neues, ein erfreuliches Kapitel hinzugefügt. Nicht nur Jürgen Klopp war begeistert.

Der Tag, an dem die Schiedsrichterin Stéphanie Frappart endgültig einige Bekanntheit erlangte im internationalen Fußball, war ein heißer Mittwoch im August. In Istanbul fand an diesem 14. August der Uefa Super Cup statt, es spielte der Champions-League-Sieger FC Liverpool gegen den Europa-League-Gewinner FC Chelsea – und die Schiedsrichterin, die hieß Frappart. Es war eine Premiere: Nie zuvor hatte eine Frau ein internationales Endspiel im Männerfußball gepfiffen. Und Frappart pfiff gut, richtig gut.

Das Spiel gewann der FC Liverpool 5:4 nach Elfmeterschießen. Später sollte Trainer Jürgen Klopp über die Leistung der Unparteiischen aus Frankreich sagen: "Hätten wir so gespielt, wie sie gepfiffen hat, dann hätten wir 6:0 gewonnen." Und das war nun natürlich ein typischer Jürgen-Klopp-Satz, bisschen Pathos, ganz viel Charme. Klopp sagte auch: "Besser kann man nicht pfeifen, sie hat mit ihren Assistentinnen alle Situationen richtig eingeschätzt und dem großen Druck standgehalten."

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"Das war brillant"

Tatsächlich hatte Frappart an diesem Abend einige knifflige Szenen zu bewerten. Als Christian Pulisic kurz vor der Halbzeit das vermeintliche 2:0 für Chelsea erzielte, entschied sie nach Rücksprache mit dem Videoschiedsrichter Clement Turpin auf Abseits. Und als Liverpools Torhüter Adrian in der Verlängerung Chelseas Tammy Abraham foulte, gab sie Elfmeter. "Das war brillant. Sie hat jederzeit alles im Griff gehabt", sagte Mark Clattenburg, der lange in der Premier League gepfiffen hat und als einer der besten Unparteiischen seiner Zeit galt.

Vier Monate liegt das Spiel zurück, man wird es für immer mit Stéphanie Frappart, 36, verbinden. Man täte ihr allerdings unrecht, reduzierte man sie nur auf dieses eine Spiel. 2019, das war einfach das Jahr der Schiedsrichterin aus dem Département Val-d'Oise nördlich von Paris; sie hat der Geschichte des Fußballs in den vergangenen Monaten ein neues, ein erfreuliches Kapitel hinzugefügt.

Pionierin unter Frankreichs Schiedsrichterinnen

Begonnen hat Frapparts Karriere als Schiedsrichterin vor über zwanzig Jahren. Als Jugendliche hatte Frappart noch aktiv Fußball gespielt, doch es dauerte nicht lange, ehe sie parallel auch Spiele pfiff. Der Zeitung "L'Express" hat sie einmal gesagt: "Als ich ungefähr 18 war, musste ich mich entscheiden zwischen Fußball und der Schiedsrichterei." Sie dürfte ihre Entscheidung nicht bereut haben.

Fortan pfiff Frappart nicht nur im Frauen-, sondern auch im Männerspielbetrieb, wo sie mit 19 in der 7. Liga begann. Und von dort aus führte ihr Weg als Unparteiische eigentlich nur noch in eine Richtung: nach oben, Richtung Spitzenfußball. Ab 2014 war sie in der zweiten französischen Männerliga im Einsatz, das hatte vor ihr noch keine Schiedsrichterin in Frankreich geschafft. Dann kam das Jahr 2019 - und mit ihm der nächste Karriereschritt.

Ein Banner zum Debüt

Es war der 28. April, als Frappart als erste Schiedsrichterin ein Spiel der Ligue 1, der höchsten Spielklasse der Männer in Frankreich, pfiff. Der SC Amiens spielte zu Hause gegen RC Straßburg und die Heimfans taten schon vor dem Anpfiff etwas, das es im Fußball nicht allzu oft gibt: Sie widmeten der Schiedsrichterin zu ihrem Debüt ein großes Banner. "Willkommen im Stade de la Licorne, Madame Frappart", stand dort. "Es leben die Frauen im Fußball."

Eigentlich war das ja ein zeitgemäßer Wunsch, es ist schließlich das Jahr 2019 - und wenn Männer Frauenteams trainieren oder deren Spiele pfeifen können, warum sollte es dann nicht auch umgekehrt so sein? Entscheidend müsste doch die Qualität sein, nicht das Geschlecht. Doch die Realität ist noch immer eine andere.

Amiens vs. Straßburg - das war nur der Anfang

Blickt man auf die Top-5-Ligen des europäischen Männerfußballs, also die englische Premier League, Spaniens Primera División, die Bundesliga in Deutschland, Italiens Serie A und eben Frankreichs Ligue 1, dann ist Frappart nach Bibiana Steinhaus überhaupt erst die zweite Schiedsrichterin, die ein Spiel in einer dieser Ligen geleitet hat.

Seit Beginn der Saison 2019/20 gehört Frappart auch zum 23-köpfigen Elite-Kader der französischen Schiedsrichter – wieder ist sie die einzige Frau in diesem Kreis. Acht Spiele hat sie mittlerweile gepfiffen in der Ligue 1, und es werden weitere folgen.

Es ist die Zeit der Ehrungen

Überhaupt sind es gerade aufregende Zeiten für die Französin. Ende November wurde Frappart, die parallel auch weiterhin Spiele der Frauen pfeift, etwa das WM-Finale 2019 zwischen den USA und den Niederlanden, von der International Federation of Football History & Statistics (IFFHS) zur weltweit besten Schiedsrichterin des Jahres 2019 gewählt. Und vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Frappart in ihrer Heimat Frankreich mit dem Nationalen Verdienstorden ausgezeichnet werden wird.

Ziemlich genau in der Mitte dieses Jahres, an dessen Ende sie Fußballgeschichte geschrieben hat, hat die Schiedsrichterin Stéphanie Frappart gesagt: "Mädchen können mich nun im Fernsehen sehen und wissen, dass alles möglich ist. Ich hoffe, das wird sie dazu anregen, ihre eigenen Ziele zu verfolgen." 

Stand: 18.12.2019, 07:30

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