Streiks im Amateurfussball: Schiedsrichter haben die Nase voll

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Jahresrückblick 2019

Streiks im Amateurfussball: Schiedsrichter haben die Nase voll

Von Olaf Jansen

Erst Berlin, dann das Saarland, später Köln: Im Herbst streikten die Schiedsrichter im Amateurfußball. Zunehmende Gewalt gegen Referees hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.

Als am Nachmittag des 3. November im Kölner Stadtwald die Fäuste flogen, hatten die Schiedsrichter der Stadt endgültig die Nase voll. Unmittelbar nach Abpfiff der Kreisliga-D-Partie zwischen Blau-Weiß Köln V und Germania Ossendorf hatten Spieler der Gastmannschaft den Unparteiischen beschimpft und ihn anschließend über den Platz gejagt. Der Referee erlitt dabei Verletzungen.

Ein Zuschauer hatte das Szenario gefilmt - die Empörung war groß. "Wir streiken", beschlossen die Schiedsrichter aus Köln und traten zwei Wochen darauf nicht zu den angesetzten Spielen sämtlicher Kölner Kreisligen an. "Wir haben uns mit der Aktion mit Absicht lange bedeckt gehalten", erklärte Kai Köhler, Vorsitzender des Kölner Kreis-Schiedsrichterausschusses. "Hätten wir es früher angekündigt, wäre der Spieltag vermutlich einfach abgesagt und irgendwann unter der Woche nachgeholt worden."

Köln: Zehn tätliche Angriffe, Dunkelziffer wahrscheinlich

So leicht aber wollten die Schiedsrichter die Mannschaften nicht davonkommen lassen. "In den Kreisligen B bis D muss auch gespielt werden, wenn kein Schiedsrichter erscheint", erklärte Köhler. "Es muss in diesem Fall jemand von einem der beiden Vereine die Partie leiten. Passiert das nicht, wird das Spiel für beide Mannschaften als verloren gewertet." In der Saison 2018/19 seien in den Kölner Herren-Kreisligen A bis D zehn tätliche Angriffe gegen Schiedsrichter und 56 weitere Vorfälle wie Beleidigungen oder Bedrohungen dokumentiert worden, so Köhler. Eine Dunkelziffer ist höchstwahrscheinlich.

Vor den Kölnern hatten schon die Schiedsrichter im Saarland und in Berlin die Notbremse gezogen. Im Saarland waren Mitte September die Unparteiischen nicht auf den Amateurplätzen erschienen, nachdem es einen schweren tätlichen Angriff im August und mehrere Übergriffe im September gegeben hatte. In Berlin fielen Ende Oktober an einem Wochenende alle Amateurspiele aus. "Die Gewalt auf Berlins Plätzen ist in dieser Saison gegenüber der Vorsaison gestiegen. Bereits jetzt, nach wenigen Spieltagen haben wir 109 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung auf den Berliner Plätzen zu verzeichnen", erklärte der Vorsitzende des Schiedsrichterbereichs, Jörg Wehling.

Berlin: 1.500 Spiele abgesagt

"In 53 Fällen wurden die Schiedsrichter als Opfer gezählt. Das sind alarmierende Zahlen, hier ist Handlungsbedarf gefordert und ein deutliches Stoppzeichen zu setzen", sagte Wehling. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) reagierte und sagte fast 1.500 Spiele ab. In der Szene ist man sich einig: Das Fass der Gewalt ist übergelaufen, für gewalttätige Fußballer müssen weitaus härtere Strafen her als bisher ausgesprochen wurden.

Spätestens hier ist der Deutsche Fußball Bund (DFB) gefragt. Doch dessen Äußerungen blieben zunächst unklar. "Die zahlreichen Gewalttaten, Respektlosigkeiten und Übergriffe gegen Schiedsrichter auf den Amateurplätzen schockieren auch uns, wir sind bestürzt, fassungslos und betroffen", hieß es in einem von Präsident Fritz Keller, den Vizepräsidenten Rainer Koch und Ronny Zimmermann sowie Generalsekretär Friedrich Curtius unterzeichneten, offenen Brief. Zugleich appellierten Keller und Co. an die staatlichen Institutionen, gegen Gewalttaten vorzugehen: "Von den Staatsanwaltschaften und der Polizei wünschen wir uns mitunter einen größeren Ermittlungseifer, wenn es um Straftaten auf dem Fußballplatz geht", hieß es.

"Verrohung in unserer Gesellschaft"

Der auch für den Sport zuständige Innenminister Horst Seehofer sprach daraufhin von einem generellen gesellschaftlichen Problem. "Das ist ein starkes Zeichen für die Verrohung in unserer Gesellschaft, die mittlerweile auch im Sport sehr um sich greift", sagte der CSU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Das Problem müsse über Strafverfahren in den Sportverbänden geregelt werden. Sein Ministerium werde die Verbände zu dem Thema befragen.

Die DFB-eigene Statistik zählte in der Saison 2018/19 in rund 1,3 Millionen erfassten Spielen 2.906 Angriffe auf Schiedsrichter und stellte damit erstmals eine leichte Zunahme gegenüber der vorherigen Saison (2017/2018: 2.866) fest. Für die Kölner Schiedsrichter ist klar: "Die Entwicklung ist alarmierend, es muss ein deutliches Stopp-Zeichen gesetzt werden!" Das teilten sie über Facebook mit.

Stand: 12.12.2019, 13:29

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