Pascal Ackermann: In Veilchenblau in die Weltspitze

Pascal Ackermann

Jahresrückblick 2019

Pascal Ackermann: In Veilchenblau in die Weltspitze

Von Michael Ostermann

Anfang Juni gewinnt Pascal Ackermann das Maglia Ciclamino als bester Sprinter des Giro d'Italia. Er ist der erste deutsche Radprofi, dem das gelingt. Ackermanns Etappensiege in Italien stehen für seinen endgültigen Durchbruch in die Weltspitze.

Erst ein halbes Jahr später hat Pascal Ackermann wirklich begriffen, was ihm da gelungen ist Anfang Juni 2019. Als erster deutscher Radprofi gewann Ackermann das Maglia Ciclamino - das veilchenblaue Trikot des besten Sprinters - beim Giro d'Italia. Die Rundfahrt gibt es seit 1909, Ackermanns Erfolg darf man also durchaus historisch nennen. Aber sacken lassen konnte er das erst jetzt, als die Radsportsaison in die Winterpause ging. "Ich habe das die ganze Zeit nicht realisiert, weil das alles so schnell weggelaufen ist", sagt Ackermann.

Auf einer Stufe mit Frankfurt

Das Dasein eines Radsportlers geht ja immer weiter - nach dem einen Rennen ist vor dem nächsten Rennen. Und als Sprinter, der sich mit 70 Stundenkilometern im Pulk ins Finale stürzt, ist der nächste Sprint nie sehr weit entfernt. Als Ackermann Ende Oktober sein Radsportjahr in China beendet hatte und endlich reflektieren konnte, blickte er auf "eine mega geile Saison" zurück. 13 Saisonsiege hat der 25 Jahre alte Pfälzer 2019 eingefahren. In der Weltrangliste belegte er am Jahresende Rang sieben. Man kann sagen, dass Ackermann in dieser Saison angekommen ist in der Weltspitze seines Metiers.

Natürlich sind die beiden Etappensiege beim Giro d'Italia, der zweitwichtigsten Rundfahrt des Radsports nach der Tour de France, bei diesem Aufstieg von besonderer Bedeutung gewesen. Aber wenn man Ackermann die eher rhetorische Frage stellt, ob diese beiden Erfolge auch die schönsten Siege gewesen seien, dann bejaht er das nicht rundheraus, sondern stellt seinen Erfolg beim Radklassiker Eschborn-Frankfurt am 1. Mai zumindest auf dieselbe Stufe. "Das waren schon meine größten Siege", sagt Ackermann mit Blick auf den Giro, "aber ich würde sagen, dass Frankfurt in der Woche davor für mich emotionaler war, weil das nach einem schweren Frühjahr, das nicht so erfolgreich war, mein Durchbruch war." Dieser Erfolg bildet in seiner Vorstellung die Basis für das, was dann beim Giro d'Italia folgte.

Sprinter sind, wenn der Erfolg ausbleibt, so empfindlich wie Stürmer im Fußball, die das Tor nicht mehr treffen. Sie fangen an zu grübeln, was denkbar schlecht ist, wenn man im Schlusspurt im Bruchteil einer Sekunde Entscheidungen treffen muss, wenn sich eine Lücke auftut. Lediglich zwei Siege waren Ackermann bis zum Start in Frankfurt gelungen. Zu wenig, um mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein in Italien sein Debüt bei einer Grand Tour zu geben. "Deswegen war es wichtig zu sehen, dass die Form da ist", sagt Ackermann über den Sieg unweit seiner Heimat, mit dem er dann beruhigt nach Bologna zum Start des Giro reisen konnte.

Mit Kraft vorbei an der Konkurrenz

Ackermann: "Frankfurt war emotionaler" Sportschau 17.12.2019 00:22 Min. Verfügbar bis 17.12.2020 Das Erste

Nach dem Einzelzeitfahren zum Auftakt bekamen die Sprinter dort auf der 2. Etappe in Fucecchio ihre erste Chance auf einen Tageserfolg. Ackermann schickte sein Team 25 Kilometer vor dem Ziel an einem Anstieg nach vorne, um das Feld zu kontrollieren, aber im Finale überließ Bora-hansgrohe dann den anderen Teams die Arbeit. Rüdiger Selig, Ackermanns Anfahrer, hielt seinen Sprinter auf dem letzten Kilometer in Position, bis dieser auf der linken Seite an den rechts sprintenden Konkurrenten vorbeizog. "Rudi und ich sind unseren eigenen Sprint gefahren", erinnert sich Ackermann. "Wir haben das perfekt umgesetzt."

Nicht ganz so perfekt lief es drei Tage später auf der 5. Etappe, als Ackermann im strömenden Regen in Terracina den zweiten Etappensieg einfuhr. Wieder hatte Selig seinen Sprinter in Position gefahren, doch als der Kolumbinaer Ferndando Gaviria seinen Sprint anzog, war Ackermann für einen Moment eingebaut, musste einen Tritt auslassen und rauschte dann doch kraftvoll als Erster über den Zielstrich. Dabei trug er schon das Maglia Ciclamino, was Ackermann schon damals als etwas Besonderes abspeicherte.

Das Trikot musste er nach der achten Etappe noch einmal an den Franzosen Arnaud Démare abgeben, als ihn ein Sturz im Finale stoppte. Doch auf der 18. Etappe setzte er sich mit einem zweiten Platz wieder an die Spitze der Punktewertung. Das abschließende Zeitfahren in Mailand erlebte Ackermann als "eine Triumphfahrt", ohne dass er sich der historischen Bedeutung bewusst war. "Während des Rennens hatte ich das nicht so auf dem Schirm, weil ich sicher war, dass ein Zabel oder so das schon mal gewonnen hat", sagt Ackermann, der ja auch nicht wegen des Trikots, sondern wegen der Etappensiege in Italien war.

Gesicht einer neuen Generation

"Die beiden Siege haben einen sehr, sehr hohen Stellenwert", sagt Ackermann nun rückblickend. "Die weltbesten Sprinter waren da, und es war gut zu sehen, dass ich auf Augenhöhe bin. Da muss ich keine Angst mehr haben." Nun wirkt Ackermann, der eigentlich bei jeder Gelegenheit ein strahlendes Grinsen im Gesicht trägt, ohnehin nicht ängstlich, aber er weiß jetzt eben selbst, dass sein Name von nun an in einem Atemzug mit der Elite der Topsprinter genannt wird. Ackermann ist der nächste deutsche Topsprinter, nachdem Marcel Kittel seine Karriere beendet hat und der in die Jahre gekommene André Greipel sein Glück 2020 noch einmal in einem neuen Team wiederzufinden versucht.

Ackermann weiß aber auch, dass ihn die breite Öffentlichkeit wohl erst dann als eines der neuen Gesichter des deutschen Radsports wahrnehmen wird, wenn er auch bei der Tour de France Etappensiege feiert. Dieses Ziel hatte er ursprünglich für 2020 anvisiert. Doch daraus wird nichts. Das Streckenprofil der kommenden Tour gibt für Sprinter nicht viel her. Zudem hat das Team Bora-hansgrohe noch Peter Sagan in seinen Reihen, der schon sieben Mal das Grüne Trikot des besten Sprinters aus Frankreich mitgenommen hat. Ackermann hat schweren Herzens eingesehen, dass er noch einmal verzichten muss. Stattdessen wird er auch 2020 wieder beim Giro d'Italia um Etappensiege sprinten.

Stand: 12.12.2019, 16:44

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