Das WM-Desaster und die Nachwirkungen

Dennis Schröder

Deutschlands Basketballer

Das WM-Desaster und die Nachwirkungen

Von Christian Mixa

Die Weltmeisterschaft sollte der erhoffte Durchbruch für die deutschen Basketballer werden - und endete in einem Debakel. Der DBB bemüht sich, die richtigen Lehren zu ziehen, auch im Hinblick auf die Olympia-Qualifikation und die anstehende Heim-EM.

Dirk Nowitzki überstrahlt weiter alles im deutschen Basketball, auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere. Anfang Dezember bekam der NBA-Champion von 2011, auch in der Nationalmannschaft über Jahre die Identifikationsfigur, den Verdienstorden vom Bundespräsidenten für sein soziales Engagement. Nowitzki-Show im Schloss Bellevue - kaum eine Nachrichtensendung, die nicht darüber berichtete.

WM-Aus gegen Dominikanische Republik

Nowitzkis Nachfolger im Nationaltrikot hatten im Spätsommer die Chance, ihre eigene Heldengeschichte zu schreiben, bei der Weltmeisterschaft in China. Selten zuvor war eine Auswahl des deutschen Basketball-Bundes (DBB) mit so großen Ambitionen und Zutrauen in die eigene Stärke zu einem großen Turnier aufgebrochen. Eine junge, verheißungsvolle Generation, mit dem NBA-Spielmacher Dennis Schröder als Anführer, der Kader galt als der talentierteste seit langer Zeit mit so vielen NBA-Profis und Spielern von europäischen Topklubs wie nie. Die Erwartungshaltung im Vorfeld war hoch, manche sprachen gar von einer möglichen Medaille.

DBB-Präsident Weiss: “Es gibt nichts schönzureden“

Sportschau 15.12.2019 01:00 Min. Verfügbar bis 15.12.2020 ARD

Doch dann setzte es gleich zum Auftakt zwei Niederlagen: Gegen Frankreich und - was zuvor keiner ernsthaft für möglich gehalten hätte - auch gegen den Außenseiter aus der Dominikanischen Republik. Und die WM war bereits vorbei, ehe sie überhaupt richtig begonnen hatte. Das Vorrunden-Aus - besiegelt von einem Team, dessen bester Spieler, Victor Liz, in der Liga Puerto Ricos, bei Leones de Ponce, spielte.

DBB-Präsident Weiss: "Ein Desaster"

Das DBB-Team zeigte zwar im Anschluss eine Reaktion, erreichte über die Platzierungsrunde noch das Minimalziel, die Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für Olympia im Juni 2020. Dennoch: Der Schockzustand hält nach wie vor an, beim Verband, bei Vermarktern und in der Liga. "Das Abschneiden war ein Desaster, da gibt es nichts schönzureden. Die Mannschaft ist klar hinter den Erwartungen zurückgeblieben, mit diesen Perspektiven, die sie hat", sagt DBB-Präsident Ingo Weiss, der sich in China noch vor das Team gestellt und stattdessen die Medien wegen ihrer Berichterstattung attackiert hatte.

Doch zu offensichtlich waren die Probleme, die die deutsche Mannschaft beim Turnier mit sich herumschleppte: Das Spiel war zu sehr auf Dennis Schröder und dessen Qualitäten als Scorer abgestellt. Ein taktischer Plan B, falls der Abschluss über Schröder oder dessen Lieblingsabnehmer Daniel Theis nicht klappte, war nicht zu erkennen.

Zuviel Schröder, zuwenig Geschlossenheit

Es fehlte an der Abstimmung in der Defensive und der mannschaftlichen Geschlossenheit - ein Ausdruck der mangelnden Vorbereitung, aber auch der fehlenden Hierarchie im Team. Als es schlecht lief, vor allem bei dem so katastrophalen Start ins Turnier, gab es offenbar niemanden, der die Mitspieler mitreißen und die Mannschaft wieder auf den richtigen Weg bringen konnte. Spielmacher Schröder, der von Bundestrainer Henrik Rödl auserkorene Anführer, zeigte, dass er der beste deutsche Basketballer ist - blieb aber den Beweis schuldig, dass er eine Mannschaft auch führen kann. Seine Mitspieler, vor allem die starken Distanzschützen, wurden zu wenig in Szene gesetzt.

Am Ende blieb der Eindruck, dass die wohl talentierteste Ansammlung von Spielern, die das DBB-Team jemals hatte, nicht auftrat wie eine echte, funktionierende Mannschaft. Hinweise auf atmosphärische Spannungen gab es schon während der WM, etwa in Äußerungen von Spielmacher Schröder ("Die Gegner hatten mehr Energie") oder von Center Johannes Voigtmann ("Wir haben es ohne Überzeugung gemacht"). Nach der Rückkehr aus China legte Paul Zipser via Instagram nach und offenbarte eine tiefere Kluft im Team: "Das Zusammenspiel zwischen Dennis, Henrik und dem Rest hat einfach nicht gestimmt", so der Profi vom FC Bayern.

Lehren aus dem WM-Debakel

Die Teamchemie und Egoismen der Stars sind ein zentrales Thema bei den Gesprächen, die der Bundestrainer seit dem Turnier mit den Spielern geführt hat. Den viel kritisierten Anführer Schröder nahm Verbandspräsident Weiss dabei aber ausdrücklich in Schutz. "Teamhierarchie muss von allen vorgelebt werden. Das ist ein Problem der gesamten Mannschaft, dazu gehört auch der Trainer."

Henrik Rödl hat die volle Rückendeckung des Verbands. Rödl ist ein Players' Coach, der von den Spielern sehr geschätzt wird, wegen seiner ruhigen, analytischen Art. Aber auch der Bundestrainer wird sich wohl überlegen, ob er seinen Führungsstil und die Ansprache an die Spieler nicht doch anpassen muss.

Ingo Weiss: "Spieler waren auf dem Feld ratlos"

Sportschau 15.12.2019 01:54 Min. Verfügbar bis 15.12.2020 ARD

Die Aufarbeitung des WM-Debakels sei noch im Gange, betont DBB-Präsident Weiss, deutet aber schon an, dass bestimmte Dinge künftig anders laufen könnten: Mehr Zeit für die Vorbereitung, eine frühere Anreise der Spieler, ein besserer Austausch mit der Liga, wie er auch vonseiten der Klubs immer wieder gefordert wurde.

Fokus auf Olympia-Qualifikation und Heim-EM 2021

Beim DBB gibt man sich zuversichtlich, die richtigen Lehren aus der verkorksten WM zu ziehen. Die Spieler wollen Wiedergutmachung, die Chance dazu bietet sich bei der Olympia-Qualifikation im Juni, bei der sich das DBB-Team zunächst gegen Russland und Mexiko durchsetzen muss. "Die Jungs sind heiß", sagt DBB-Chef Weiss. "Sie wollen zeigen, dass sie mehr können als sie in China gezeigt haben." Spätestens bei der Europameisterschaft 2021 im eigenen Land will das junge DBB-Team, seit dem Ende der Ära Nowitzki ein großes, aber uneingelöstes Versprechen, dann auch endlich seine Erfolgsgeschichte schreiben.

Stand: 15.12.2019, 08:00

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