Aufschlag von unten: Ein Tabubruch setzt sich durch

Nick Kyrgios

Jahresrückblick 2019

Aufschlag von unten: Ein Tabubruch setzt sich durch

Von Volker Schulte

Das Tennis-Jahr 2019 war das Jahr des Aufschlags von unten. Unsportlich oder legitim? Michael Kohlmann und Jan-Lennard Struff haben klare Meinungen - und Nick Kyrgios, der Auslöser des Ganzen, geht längst schon einen Schritt weiter.

Der 28. Februar 2019 ist der Geburtstag eines Trends. Nick Kyrgios spielt in Acapulco, Mexiko, gegen Rafael Nadal, es steht 3:2 im dritten Satz, Kyrgios serviert zum Spielgewinn. Doch statt wie üblich von oben aufzuschlagen, spielt Kyrgios eine ansatzlose Vorhand. Der unkonventionelle Aufschlag fliegt zwar ins Aus, scheint Nadal aber mental zu beschäftigen. Kyrgios gewinnt die Partie später - und Nadal bezeichnet ihn im Anschluss als respektlos.

Kyrgios ist zwar nicht der erste Tennisprofi, der den Unterarmaufschlag einsetzt. Schon vor 30 Jahren hat der US-Amerikaner Michael Chang in seinem legendären French-Open-Achtelfinale gegen Ivan Lendl das berühmteste Beispiel geliefert. Chang ist damals erst 17 Jahre alt, im fünften Satz von Krämpfen geplagt, als er plötzlich von unten aufschlägt - und den Punkt sogar gewinnt. Eine Majestätsbeleidigung, schließlich war Lendl damals die respektierte Nummer eins der Welt. Aber kaum jemand nahm es dem Teenager in dieser Ausnahmesituation übel.

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Mentale Tricks, ohne aufzufallen

Trotz des Erfolgs - er gewann gegen Lendl und am Ende als jüngster Grand-Slam-Sieger aller Zeiten auch das Turnier - hat Chang in seiner 16 Jahre langen Karriere im Anschluss den Aufschlag von unten nie wieder eingesetzt. "Es kam mir einfach nicht mehr in den Sinn - seltsamerweise", sagte er später mal. So blieb dieser Schlag jahrzehntelang wieder vor allem Kindern und Anfängern vorbehalten, die den Aufschlag von oben noch nicht sicher beherrschen.

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Bis Kyrgios kam. Er setzte den Schlag 2019 immer wieder ein, andere Spieler folgten ihm. Wer es mit Traditionen hält - und das sind im Tennis nicht wenige - sieht darin weiterhin eine Unsportlichkeit. Den Gegner auch mental zu bearbeiten, ist zwar eine wichtige Komponente im Tennis. Die hohe Kunst ist es aber, den Gegner aus dem Konzept zu bringen, ohne dass es offensichtlich ist. Denn dies würde auch das Publikum schnell als unfair bewerten und entsprechend quittieren. So sorgen Unterarm-Aufschläge auch heute noch für Pfiffe von den Rängen.

Federer stützt Fraktion der Unterarm-Aufschläger

Allerdings hat Kyrgios auch prominente Fürsprecher - allen voran Roger Federer. "Das ist definitiv ein taktisches Mittel - warum sollte man es nicht probieren?" Die Tennis-Regeln überlassen es ganz offiziell dem Aufschläger, in welche Richtung der Ball die Hand verlässt.

Es ist kein Wunder, dass es Kyrgios war, der das Tabu gebrochen hat. Der unberechenbare Australier fällt immer wieder durch Provokationen auf - meist gegenüber dem Schiedsrichter, Zuschauern oder Journalisten. Der 24-Jährige macht sich offenbar wenige Gedanken, ob sein Verhalten andere vor den Kopf stoßen könnte. Und dass Kyrgios den Unterarmaufschlag gegen Nadal einführte, ist auch kein Zufall.

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Kohlmann: "Den Gegner aus seiner Komfortzone holen"

Denn Nadal steht beim Rückschlag gerne weit hinter der Grundlinie, um gegen harte Aufschläger mehr Reaktionszeit zu haben und Tempo herauszunehmen. Seinem Vorbild sind viele gefolgt. "Die Returnposition ist in den vergangenen Jahren immer weiter nach hinten gewandert", sagt Michael Kohlmann zu sportschau.de. Deutschlands Davis-Cup-Kapitän hält den Unterarmaufschlag gegen Spieler wie Nadal für "eine sinnvolle taktische Variante. Es geht darum, den Gegner aus seiner Komfortzone herauszuholen."

Auch Defensivspieler sind dann fast gezwungen, in die Offensive zu gehen. "Allerdings muss der Aufschlag gut gespielt sein. Sonst ist er eine einfache Auflage - und der Punkt ist mit hoher Wahrscheinlichkeit weg", sagt Kohlmann. Er rät dazu, den Unterarmaufschlag "auf jeden Fall im Training zu üben", wenn man ihn in Erwägung ziehe. "Der Schlag ist technisch sehr anspruchsvoll." Schließlich müsse er ansatzlos und gut platziert sein.

Stuhlschiedsrichter stoppt Struff

Der deutsche Tennisspieler Jan-Lennard Struff beim Aufschlagen

So sieht's normalerweise aus: Struff schlägt auf

Auch Jan-Lennard Struff hat ihn eingesetzt - in einem seiner wichtigsten Spiele des Jahres. Wimbledon, dritte Runde, vierter Satz, der Gegner heißt Michail Kukuschkin. Struff führt 40:0, als er den Unterarm-Aufschlag versucht. "Es hat mich schon Überwindung gekostet", sagt er zu sportschau.de.

Der Stuhlschiedsrichter allerdings bremst ihn aus, Kukuschkin sei noch nicht bereit gewesen. Struff versucht es erneut - wieder schreitet der Schiedsrichter ein, mit der gleichen Begründung. "Dabei habe ich den Ball vorher mehrfach getickt. Aber der Schiedsrichter meinte, Kukuschkin habe rechtzeitig die Hand gehoben" - das gängige Zeichen, wenn ein Returnspieler noch nicht fertig ist.

Struff versucht es sogar noch ein drittes Mal - aber der Überraschungseffekt ist weg und "der Aufschlag war schlecht gespielt", sagt er. "Fast hätte ich sogar das Aufschlagspiel noch verloren." Am Ende gewinnt Kukuschkin knapp in vier Sätzen.

Kyrgios täuscht Unterarm-Aufschlag an

Struff hat auch die andere Seite erlebt: ATP-Turnier in Madrid, erste Runde, der Gegner heißt Kyrgios. Drei Mal schlägt der Australier von unten auf, aber Struff ist darauf eingestellt. "Ich habe alle Punkte gewonnen", sagt er. Auch die Partie geht mit 7:6, 6:4 an Struff.

Aber Kyrgios geht im selben Spiel schon einen Schritt weiter - mit Erfolg. "Ein, zwei Mal hat er den Aufschlag von unten angetäuscht und dann doch von oben geschlagen", erzählt Struff. "Man geht dann einen Schritt nach vorne und dann kommt doch der harte Aufschlag - das wirft einen komplett aus der Bahn." Kyrgios' nächster Tabubruch. Unfair oder legitim? "Ich finde es okay, man sollte das entspannt sehen", sagt Struff. Vielleicht wird 2020 ja das Jahr des angetäuschten Aufschlags von unten.

Stand: 18.12.2019, 08:30

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