Konferenz Safe Sport International

Initiative gegen Gewalt im Sport fordert: Athletenrechte beachten

Von Andrea Schültke

Auf einer internationalen Konferenz haben 350 Teilnehmende über die Ursachen und Folgen von Gewalt im Sport sowie Handlungsstrategien dagegen diskutiert. Wichtigste Erkenntnis: Athletinnen und Athleten müssen eingebunden sein, wenn es um Strategien gegen Gewalt im Sport geht.

Safe Sport International (SSI) ist eine noch junge Organisation, die sich weltweit gegen Gewalt im Sport einsetzt - körperliche, seelische und sexualisierte Gewalt. Gerade hat die Organisation ihre zweite internationale Konferenz zum Thema veranstaltet. 350 Teilnehmende aus aller Welt diskutierten über Ursachen und Folgen von Gewalt im Sport sowie Handlungsstrategien dagegen.

Athletinnen und Athleten einbinden

Athletinnen und Athleten sind in erster Linie Menschen. Sie haben Rechte. Sportlerinnen und Sportler sind einzubinden, wenn es um Strategien geht, die ihren Sport sicherer machen. Diese Feststellung zog sich wie ein roter Faden durch die Konferenz.

Bei jedem Vortrag und jedem Workshop waren es die Hauptakteure des Sports, die am Ende ihre Sichtweise zum Vorgetragenen dargestellt, ihr Fazit gezogen und Anregungen gegeben haben. Einer von Ihnen: Maximilian Klein vom Verein "Athleten Deutschland". "Am Ende geht es natürlich auch um die Sportlerinnen und Sportler. Deshalb ist es auch wichtig, auch deren Erfahrungswissen aktiv in so einen Diskurs einzubringen", sagt Klein im Gespräch mit sportschau.de.

Maximilian Klein: "Extrem stark, dass man versucht hat, Athletinnen und Athleten möglichst gut einzubinden" Sportschau 15.03.2021 00:53 Min. Verfügbar bis 16.03.2022 Das Erste

Verein "Athleten Deutschland" fordert Anlaufstelle

Für die unabhängige Athletenvertretung in Deutschland hatte Klein vor kurzem in einem Impulspapier die Idee einer unabhängigen Anlaufstelle für Safe Sport in Deutschland skizziert. Bei der Konferenz sah er diese Idee bestätigt. "Alle Akteure stehen vor der gleichen Herausforderung. Es gibt aus der Wissenschaft und aus der Praxis viele Stimmen, die sagen, solche unabhängigen Strukturen sind unabdinglich."

Stimmen von Betroffenen aus Wissenschaft und Sportorganisationen haben sich für eine solche unabhängige Anlaufstelle ausgesprochen, an die sich Menschen, die im Sport Gewalt erfahren haben, wenden können, um dort die Unterstützung zu bekommen, die sie benötigen.

Berichte von Betroffenen

Rachael Denhollander | Bildquelle: Paul Sancya/AP

Wie wichtig ein sicheres Umfeld im Sport ist, machten während der Konferenz die Erfahrungsberichte wie etwa von Rachael Denhollander deutlich: Die Juristin aus den USA war die erste von hunderten Turnerinnen, die die Übergriffe durch US-Teamarzt Larry Nasser öffentlich gemacht hatte. Sie hat sich intensiv mit traumatischen Störungen als Folge sexualisierter Gewalt auseinandergesetzt und beschrieb Strategien von Betroffenen, damit umzugehen.

"Manche tragen nachts Gürtel, damit niemand ihnen die Kleider ausziehen kann. Oder sie gehen mit Tennisschuhen ins Bett um im Ernstfall schnell weglaufen zu können." Andere Betroffene, so Denhollander, verbarrikadierten im Schlafzimmer jede Nacht Türen und Fenster, um sich halbwegs sicher zu fühlen. Damit Kinder im Sport nicht durch Übergriffe traumatisiert würden, müsse ihr Schutz wichtiger sein als Geld oder Medaillen, so die ehemalige Sportlerin.

Sarah G. Klein | Bildquelle: Leila Navidi/AP/picture-alliance

Auch Sarah G. Klein war Turnerin. Wie Rachael Denhollander gehört sie zur "Army of Survivors". So nennen sich die Frauen, die sexuelle Übergriffe durch den ehemaligen US-Teamarzt Larry Nasser erfahren haben. Klein trainierte unter John Geddart, der vor Kurzem bei seiner Festnahme Suizid begangen hatte. Geddart sei noch viel, viel schlimmer gewesen als Nassar, urteilte die frühere Turnerin: "Uns wurde beigebracht, wie Roboter zu sein. Wir sollten nur Ja oder Nein sagen."

Beide Männer seien gefeiert worden, weil sie für Medaillen im US-Turnen gesorgt hätten, so Sarah G. Klein. Heute setzt sich die renommierte Anwältin für Betroffene sexualisierter Gewalt ein und gegen Verjährungsfristen. Dann könnten Geschädigte auch Jahrzehnte nach sexuellen Übergriffen noch vor Gericht gehen.

Die brasilianische Schwimmerin und Olympiateilnehmerin Joanna Maranhao berichtete von Übergriffen durch ihren Trainer seit sie neun Jahre alt war, von einem Selbstmordversuch, Therapie und wie sie gelernt habe, das Schwimmen wieder zu lieben. So konnte sie von 2004 in Athen bis 2016 in ihrer Heimat Brasilien an vier Olympischen Spielen teilnehmen.

Entmündigendes Trainerverhalten als Ursache

Der organisierte Sport aus Deutschland und die Sportpolitik waren bei der virtuellen Veranstaltung soweit erkennbar nicht vertreten, wohl aber Wissenschaftlerinnen aus Köln, Wuppertal und Ulm. Sie präsentierten erste Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie zum Verhältnis zwischen Trainer und Athlet bzw. Athletin.

So sei ein entmündigendes Trainerverhalten häufig Ursache von psychologischer Gewalt, die mehr als 60 Prozent der befragten Athletinnen und Athleten erfahren hätten. Wissenschaftler und Wissenschaflerinnen vor allem aus den USA und Kanada stellten ebenfalls Ergebnisse ihrer Forschung vor.

"Dieses Wissen muss nutzbar gemacht werden", so Maximilian Klein von der unabhängigen Interessenvertretung "Athleten Deutschland". Es dürfe keine "selbstreferenzielle Blase" werden, aus der nicht viel herausdringe.

Maximilian Klein: "Wissen auch für Athletengruppen und Athletenvertretungen nutzbar machen" Sportschau 15.03.2021 00:52 Min. Verfügbar bis 16.03.2022 Das Erste

Aufruf zum Handeln

Immer wieder ging es während der SSI-Konferenz um die Möglichkeit, Athletinnen und Athleten zu stärken und ihnen auf diversen Ebenen eine Stimme zu geben.

Handlungsaufforderung Safe Sport International | Bildquelle: Safe Sport International

Die Konferenz endete mit einem gemeinsamen Aufruf zum Handeln: "Sehen Sie Athleten zuerst als menschliche Wesen. Respektieren Sie deshalb die Rechte der Athleten, ihre Stimmen und ihre Sichtweisen und entwickeln Sie gemeinsam mit ihnen Schutzkonzepte."

Maximilian Klein: "Unser größerer Kontext ist die menschenrechtliche Verantwortung des Sports" Sportschau 15.03.2021 00:34 Min. Verfügbar bis 16.03.2022 Das Erste