Homophobie im Fußball: Symbolik allein reicht nicht

Eine Eckfahne in Regenbogenfarben

Homophobie im Fußball: Symbolik allein reicht nicht

Von Ronny Blaschke

Die Solidarität von mehr als 800 Fußballern hat Wellen geschlagen. Doch sie überdeckt auch die fehlende Vielfalt in Klubs und Verbänden. Nicht die Appelle für ein Coming-out sind entscheidend, sondern Trainerausbildung und Selbstkritik von Sponsoren. Ein Kommentar.

"Ihr könnt auf uns zählen!" Diese Zeile hat Berühmtheit erlangt. Mehr als 800 Fußballer und Fußballerinnen haben in einem Appell des Magazins "11 Freunde" schwulen Spielern ihre Solidarität zugesichert. In sozialen Medien haben sich hunderte Fans, Funktionäre und Aktivisten dem Aufruf angeschlossen. Auf den ersten Blick scheint der Fußball so liberal wie noch nie zu sein, das Coming-out eines aktiven Spielers könnte näher rücken. Auf den zweiten Blick wird deutlich: Es ist alles wie immer.

Seit anderthalb Jahrzehnten, seit der WM 2006 in Deutschland, läuft die Suche nach dem schwulen Promikicker. Das Schema ist stets das gleiche: Spieler X betont seine Unterstützung für ein Coming-out, Spieler Y widerspricht und Spieler Z lästert über seine Vorredner. Aktuell rät der langjährige Kapitän des Nationalteams, Philipp Lahm, von einem Coming-out ab. Die Spirale der Spekulationen dreht sich weiter: Müssen Spieler Scheinehen führen? Wie würden Fans reagieren? Was sagen Sponsoren? Auf junge Profis, die über ein Coming-out nachdenken, dürfte dieser Stammtisch wie eine Drohung wirken.

Rassistische Strukturen im Fußball

"Ihr könnt auf uns zählen!" Dieser Slogan klingt nach einer guten Absicht, doch er mildert auch das schlechte Gewissen einer Branche und schiebt die Verantwortung weiter. Nicht der schwule Spieler sollte die Bürde haben, die Bundesliga zu liberalisieren. Gesellschaftliche Vielfalt beginnt nicht erst mit dem Coming-out. Gesellschaftliche Vielfalt sollte das Fundament sein und dann in der Folge ein Coming-out möglich machen.

Es mag sein, dass der offene Rassismus und die Hassgesänge gegen Homosexuelle aus den Stadien verschwunden sind. Doch von einem diskriminierungsfreien Fußball kann keine Rede sein. In den Trainerteams und Chefetagen der Vereine gibt es so gut wie keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Eine Studie zeigt, dass Fußballkommentatoren schwarze Fußballer häufiger mit Kraft und Athletik in Verbindung bringen, weniger mit Disziplin und Spielintelligenz.

In den Ultra-Szenen sind Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund klar unterrepräsentiert. Von den 500 Führungspositionen im Profifußball sind nur 28 mit Frauen besetzt. Auch die meisten Sponsoren und Sportmedien werden von weißen Männern geleitet. Und in dieser eindimensionalen Welt sollten ausgerechnet schwule Profis den Beweis antreten, dass es auch Alternativen gibt?

Das Anrüchige dominiert die Debatte

Vielen Spielern und Medien scheint nicht klar zu sein, dass Homophobie nicht erst bei Beleidigung und Gewalt ansetzt. Im Jahr 2008 brachte der Trainer Christoph Daum in einem Interview Homosexualität indirekt mit Pädophilie in Verbindung. 2011 sendete die ARD einen Tatort, in dem der Satz fiel: "Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul, einschließlich Trainerstab." Daraufhin sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff: "Ich finde es schade und ärgerlich, dass die Prominenz der Nationalelf missbraucht wird, um irgendein Thema zu entwickeln oder einen Scherz zu machen. Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf."

2012 äußerte sich ein schwuler Profi anonym im Magazin "Fluter". In den Reaktionen dominierte der Verdacht, dass das Interview eine Fälschung sei. Alle Beispiele luden das Anrüchige mit Bedeutung auf. Auch so kann der Eindruck entstehen, dass Homosexuelle weniger wert seien.

Ob Symbolik daran etwas ändern kann? Der FC Bayern hat seine Arena mehrfach in Regenbogenfarben strahlen lassen. Ende Januar erinnerte der Klub an seinen früheren Präsidenten Angelo Knorr, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wegen seiner Homosexualität verhaftet wurde. Wenige Tage nach dem Gedenken flog der Rekordmeister zur Klub-WM nach Katar, wo Homosexuelle mit Verfolgung rechnen müssen. Gleichgeschlechtliche Sexualität wird in 69 Ländern strafrechtlich verfolgt, in einigen mit Todesstrafe. Viele Klubs und Sponsoren, die sich in Deutschland mit Schwulen und Lesben solidarisieren, wollen nicht auf die Umsätze in jenen Ländern verzichten.

Emanzipatorische Netzwerke wachsen

Wenn Bundesligaklubs das Thema Diversität ernst nähmen, dann würden sie ihre Einstellungspolitik überdenken und – ähnlich wie Wirtschaftskonzerne – auch eine Frauenquote zulassen. Dann würden sie auf Titelseiten ihrer Magazine auch mal ein schwules Paar abbilden. Wenn der DFB das Thema ernst nähme, dann würde er neben seiner neuen Anlaufstelle auch verpflichtende Elemente in die Trainerausbildung aufnehmen. Dann würde er Schiedsrichter dazu anhalten, auch bei homophoben und sexistischen Rufen das Spiel zu unterbrechen.

Wenn Medien das Thema Homophobie ernst nähmen, dann würden sie den Fußball nicht mehr als Sport für harte Männer inszenieren, in dem das Feminine als Schwäche ausgelegt werden kann. Noch immer betonen manche Funktionäre, dass Homosexualität Privatsache sein sollte. Doch es stört sie weniger, wenn Partnerinnen von Spielern als "Sexbomben" oder "liebevolle Mütter" gelten.

Es ist höchste Zeit, von der Forderung nach dem Coming-out abzurücken. Jenseits der Profiklubs sollten verbürgte Biografien das Thema prägen. Zwei Dutzend "Queer Football Fanclubs" versammeln inzwischen rund 1.200 homo-, bi- und transsexuelle Fans. Das Berliner Netzwerk "Fußballfans gegen Homophobie" hat sein Banner in viele Länder geschickt, auch nach Mexiko und in die USA. Seit den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver öffneten bei etlichen Spielen auch "Pride Häuser" für queere Fans. Und 2026 könnten die "Gay Games" mit 10.000 Teilnehmenden in München stattfinden. Emanzipatorische Netzwerke wie diese brauchen keine gönnerhaften Tipps der Sportindustrie, denn sie bestimmen längst ihre eigenen Regeln.

Stand: 25.02.2021, 07:00

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