Positiv durch Hautkontakt - Doping-Experiment erschüttert Sportwelt

Geheimsache Doping: Schuldig - Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden können Sportschau 16.07.2021 52:06 Min. Verfügbar bis 16.07.2022 Das Erste

ARD-Doku "Geheimsache Doping: Schuldig"

Positiv durch Hautkontakt - Doping-Experiment erschüttert Sportwelt

Von Hajo Seppelt und der ARD-Dopingredaktion

Positiv nach flüchtigem Hautkontakt: Ein alarmierendes Experiment stellt das weltweite Anti-Doping-System infrage und schockiert Athletinnen und Athleten.

Simon Getzmann entkam seinem schlimmsten Albtraum nur aus purem Zufall. Eine positive Dopingprobe hatte das Leben des Schweizer Handball-Nationalspielers völlig auf den Kopf gestellt.

Er hatte aber nicht gedopt. Trotzdem stand er vor den Scherben seiner Karriere, drohte seine Existenzgrundlage zu verlieren, bekam psychische Probleme. In seiner Verzweiflung ließ er die letzte Tablette aus einer Schmerzmittel-Packung auf Fremdstoffe analysieren - und landete den wichtigsten Glückstreffer seines Lebens.

Die Pille enthielt wegen eines Produktionsfehlers Spuren des im Sport verbotenen Entwässerungsmittels Hydrochlorothiazid, das für seine positive Dopingprobe verantwortlich gewesen war. Mehr als ein Jahr später folgte der erlösende Freispruch, doch bei aller Erleichterung realisierte Getzmann auch: "Mein Fall zeigt: Man kann positiv sein, aber nicht dopen." Schuldig sein – ohne realistische Chance, die Unschuld zu beweisen.

Weltweit einmaliges Experiment

Getzmanns Geschichte ist nur ein Fall von mehreren, die in der aktuellen Doku der ARD-Dopingredaktion thematisiert werden. "Geheimsache Doping – Schuldig" zeigt, wie erschütternd einfach Sportler ungewollt zu Dopern werden können. Ein weltweit einmaliges Experiment der ARD-Dopingredaktion und des Instituts für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln beweist, dass selbst flüchtige Berührungen Sportler positiv machen können.

Die Forscher haben zwölf Probanden geringe Mengen verschiedener Anabolika mittels einer Trägersubstanz über die Haut verabreicht - durch kurze Berührungen an Hand, Nacken und Arm. Bei allen zwölf Probanden ergaben die Erstauswertungen der Proben durch das renommierte Kölner Dopingkontrolllabor massiven Dopingverdacht. Bis zu fünfzehn Tage nach der Verabreichung der extrem geringen Anabolika-Dosis waren im Labor die Spuren nachweisbar.

"Wenn die Proben von Athleten gestammt hätten, hätten wir Verdachtsmomente gehabt, denen wir nachgegangen wären und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit in zahlreichen der genommenen Proben einen positiven Befund erheben müssen", sagte Laborleiter Mario Thevis: "Dann hätten wir hier einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln, der auch entsprechend sanktioniert worden wäre. Der Sportler würde auf jeden Fall bestraft werden, möglicherweise bis zu vier Jahre."

Das "Ende des professionellen Sports"?

Die Ergebnisse des Experiments und der über vier Jahre andauernden Recherchen sorgen für Entsetzen bei Athleten. "Ohne jetzt zu apokalyptisch zu klingen: Ich stelle mir die Frage, ob das vielleicht ein Stück weit das Ende des professionellen Sports sein könnte", sagte Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno, der Teile der Doku gemeinsam mit weiteren deutschen Sportstars und Athletenvertretern vor der Veröffentlichung gesehen hat.

Die Filmvorführung mit den Athletinnen und Athleten ist auch Teil der Dokumentation. "Ich glaube das wird eine weltweite Debatte erzeugen", meinte Maximilian Klein von der Interessenvertretung "Athleten Deutschland". Thomas Röhler, Speerwurf-Olympiasieger, zeigte sich "geschockt", da die Dokumentation "in alle Richtungen extreme Auswirkungen" habe.

"Umkehr der Beweislast" umstrittener denn je

Der Nachweis, dass auf simple Weise Dopinganschläge durchgeführt und Athleten positiv gemacht werden können, bringt einen Eckpfeiler des weltweiten Anti-Doping-Systems ins Wanken: die Umkehr der Beweislast. Während im Strafrecht der Angeklagte erst dann als schuldig gilt, wenn ihm zweifelsfrei Vorsatz und Schuld nachgewiesen worden sind, dient im Sportrecht schon ein positiver Dopingtest als Schuldbeleg.

Der betroffene Sportler muss dann überzeugend darlegen, dass sein positiver Test nicht durch willentliches Doping zustande kam. Gelingt ihm das nicht, wird er gesperrt. Diese Umkehr der Beweislast war von maßgeblichen Instanzen wie der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) der und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) immer wieder als unverzichtbar bezeichnet worden.

"Sport müsste sich neues System suchen"

Experten halten diesen Grundsatz des Sportrechts angesichts der Ergebnisse des Experiments kaum noch für haltbar. Wenn es "so extrem" sei, dass die Verabreichung eines Dopingmittels "quasi nicht merkbar und als Sabotageakt möglich ist", dann würde das bedeuten, "dass mit der Sanktion eine Menschenrechtsverletzung vorliegen würde", sagte die Rechtsprofessorin Angelika Nußberger, bis 2019 Vizepräsidentin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der ARD.

"Die Folge wäre, dass dann die entsprechenden Regelungen geändert werden müssen. Man müsste diese Beweislastsituation anpassen, damit Sportler überhaupt eine Chance haben, einer Beschuldigung zu entgehen", sagte Nußberger: "Der Sport müsste sich dann ein neues System suchen."

Simon Getzmann würde selbst eine mögliche Neuordnung des Sportrechts nicht mehr weiterhelfen. In die Aufklärung seines Falles hat er mehr als 10.000 Euro investiert, die er trotz des Freispruchs nicht zurückbekommt. Wie auch immer geartete Wiedergutmachungen für fälschlich beschuldigte und gesperrte Athleten sieht das Sportrecht nicht vor.

Stand: 16.07.2021, 13:30

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