Diskriminierung im Fußball: Der komplizierte Weg zur Bestrafung

Ein Ball auf einem Ascheplatz

Dauerthema auch im Amateurbereich

Diskriminierung im Fußball: Der komplizierte Weg zur Bestrafung

Von Paul Materne

Die vier Amateurfußballverbände in Nordrhein-Westfalen haben in den letzten drei Jahren 2.000 Fälle von Rassismus und Antisemitismus dokumentiert. Doch die Dunkelziffer ist laut Experten bedeutend höher. Woran liegt es, dass die Verbände dieses Dauerthema nicht in den Griff bekommen?

Wie wird eine diskriminierende Beleidigung erfasst?

Der klassische Weg geht über den Spielberichtsbogen, den der Schiedsrichter ausfüllt. Der Schiedsrichter muss rassistische und antisemitische Äußerungen gegenüber Spielern im Spielberichtsbogen vermerken. Hier gibt es am Ende des Bogens ein Feld in dem "Sonstige Vorkommnisse" eingetragen werden - es wird aber nicht differenziert nach Art der Diskriminierung.

Rassismus im Amateursport: ein ungelöstes Problem Westpol 06.12.2020 UT DGS Verfügbar bis 06.12.2021 WDR

Dieser Bogen wird anschließend an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) übermittelt, dieser informiert daraufhin den zuständigen Landesverband. Der Landesverband ist daraufhin verpflichtet, dem Vorfall nachzugehen und Betroffene und Zeugen zu befragen.

Hohe Dunkelziffer bei Diskriminierungen in NRWs Amateurfußball

Sportschau 06.12.2020 03:49 Min. Verfügbar bis 06.12.2021 ARD


Im letzten Schritt geht der Spielberichtsbogen mit der rassistischen oder antisemitischen Beleidigung vor das Sportgericht und dort wird dann ein Urteil verhängt. Es gibt aber auch Fälle, wo diese Diskriminierungen nicht in dem Bogen landen. Zum Beispiel wenn die Beleidigung nach dem Spiel in der Kabine fällt.

Erst seit Anfang des Jahres 2020 gibt es dafür eine NRW-weite Anlaufstelle des Westdeutschen Fußballverbands für alle Mitglieder und Vereine. Auch Zuschauer können sich bei diesen Anlaufstellen oder bei der Polizei melden, wenn sie eine diskriminierende Äußerung mitbekommen.

Wie wird eine diskriminierende Beleidigung bestraft? 

Der Westdeutsche Fußballverband betont auf Anfrage des WDR, er stehe für eine "Null-Toleranz Strategie". Landet ein Fall vor dem Sportgericht würden Spieler, die sich rassistisch und antisemitisch geäußert haben, mit einer Strafe von mindestens 500 Euro rechnen und für mindestens fünf Wochen gesperrt. In der Realität sieht das teils aus: In diversen Spielberichten, die der WDR ausgewertet hat, hat sich gezeigt, dass oft geringere Strafen verhängt werden.

Womit hängt das zusammen? Thaya Vester ist Kriminologin an der Universität Tübingen und hat zum Thema Diskriminierung im Amateurfußball promoviert. Sie hält den Diskriminierungsparagraphen des Westdeutschen Fußballverbands grundsätzlich für sehr fortschrittlich. Zum einen muss aber laut ihren Erfahrungen bei jedem Fall differenziert werden, ob eine Strafe reduziert werden darf - zum Beispiel, wenn der Täter vorher selber provoziert wurde. Zum Anderen zierten sich Sportrichter oft, die hohen und harten Strafen zu verhängen. Deshalb werde eine diskriminierende Äußerung oft "nur" als Beleidigung gewertet und daher geringer bestraft, sagt Vester.

Was müsste sich ändern?

Michael Neumann vom Landesportbund NRW setzt sich dafür ein, dass die Diskriminierungsfälle noch mehr in den Fokus gerückt werden. Er hilft Betroffenen und führt eigenständige Statistiken. Er wünscht sich eine gezielte Studie über Diskriminierungen im NRW-Sport, um die Lage noch besser überblicken zu können.

Auf Anfrage vom WDR betont die NRW-Landesregierung wiederum, dass die bereit gestellten finanziellen Mittel von etwa 42 Millionen Euro bis 2022 auch dazu genutzt werden könnten, "vom Landessportbund identifizierte, defizitäre Verhältnisse im Sport zu bearbeiten".

Für Thaya Vester von der Uni Tübingen ist es allerdings auch wichtig, dass die Unparteiischen noch besser aus-und fortgebildet werden – denn sie sind auf dem Platz immer noch die "wichtigste Instanz".

Stand: 06.12.2020, 13:00

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