BVB untersagt Heimreise: Müssen Sancho und Bellingham in Dortmund bleiben?

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Weihnachten in Dortmund

BVB untersagt Heimreise: Müssen Sancho und Bellingham in Dortmund bleiben?

Von Jannik Schlüter

Jadon Sancho und Jude Bellingham müssen die Weihnachtstage ohne ihre Familie verbringen. Wegen der verschärften Corona-Situation in Großbritannien hat Borussia Dortmund seinen Spielern eine Reise nach England untersagt. Doch darf der Verein das überhaupt?

Es spreche nichts dagegen, "dass Erling Haaland nach Norwegen reist oder Jadon Sancho nach England, erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc noch in der vergangenen Woche. Inzwischen aber wurde der Reiseverkehr von Großbritannien nach Deutschland wegen der neuartigen Virus-Mutation voraussichtlich bis zum 6. Januar gestoppt. Und das hat auch Folgen für die englischen Profis in Diensten von Borussia Dortmund: "Demzufolge können wir den Spielern nicht erlauben, über die Weihnachtstage nach England zu reisen", sagte Zorc darum am Montag (21.12.2020) auf einer Pressekonferenz.

Zwar dürften Sancho und Bellingham nach England ausreisen, doch eine Rückkehr nach Deutschland wäre für beide frühestens am 1. Januar möglich. Erst dann dürfen laut Auswärtigem Amt zumindest "Personen mit Wohnsitz und Aufenthaltsrecht in Deutschland wieder befördert werden". Das aber auch nur, wenn die Reiseverbindung vorher genehmigt worden ist. Wegen der nur sehr kurzen Weihnachtspause in der Bundesliga steigt die Mannschaft des BVB aber bereits am 29. Dezember wieder ins Training ein. Heißt für Sancho und Bellingham: Weihnachten in Dortmund statt auf der Insel.

Doch kann der BVB die Reise überhaupt verbieten?

Das klingt angesichts der Pandemielage durchaus vernünftig, aber darf ein Verein seinen Spielern die Heimreise an Weihnachten einfach verbieten? "Grundsätzlich kann jeder Spieler seine Freizeit gestalten wie er es möchte", erklärt der Arbeits- und Sportrechtler Lennard Martin Lürwer von der internationalen Anwaltskanzlei CMS. "Es ist nicht zulässig, einem Sportler sämtliche Reisen wahllos zu untersagen, nur weil der Verein das nicht gerne hat." Aber: "Hier sind die Sondersituation und die besonderen arbeitgeberseitigen Interessen zu beachten."

Weil die Inzidenz in ganz Großbritannien mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner beträgt und im Süden Englands eine neue Variante von Covid-19, die offenbar noch eine größere Ansteckungsgefahr besitzt, entdeckt wurde, wurde am Montag ein Beförderungsverbot nach Deutschland bis zum 6. Januar ausgesprochen. Einreisende müssen einen maximal 48 Stunden vor der Einreise durchgeführten, negativen Covid-19-Test mitführen und sich danach in eine zehntägige Quarantäne begeben. Genau dies könnte der ausschlaggebende Grund sein, den Spielern die Reise zu untersagen.

Abwägung vor dem Arbeitsgericht

Entscheidend ist laut Lürwer in diesem Fall das arbeitgeberseitige Direktionsrecht. Demnach kann der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer im Rahmen des Arbeitsvertrags bestimmte Aufgaben zuweisen. Der Arbeitnehmer muss, um seine Hauptpflicht aus dem Arbeitsvertrag zu erfüllen, die richtige Arbeit am richtigen Ort zur richtigen Zeit leisten. "Wenn der Arbeitgeber vorgibt, dass am 29. Dezember wieder trainiert wird, und der Spieler nicht erscheint, ist das eine Verletzung seiner vertraglichen Pflichten", sagt Rechtsanwalt Lürwer. "Bei einem Vertragsverstoß steht es dem Verein zu, arbeitsrechtliche Maßnahmen einzuleiten oder eine Vertragsstrafe zu verhängen. Selbstverständlich steht es dem Spieler frei, sich gegen diese Maßnahmen gerichtlich zur Wehr zu setzen. Das ist in der Praxis aber sehr selten der Fall."

Sollte es dennoch dazu kommen, würden die Interessen des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers gegenübergestellt werden. "Meine Einschätzung ist, dass das Verbot zulässig ist", so Lürwer.

"Übers Ziel hinausgeschossen"

Der Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV), Dr. Gregor Reiter, hält das Direktionsrecht dagegen in diesem Fall nicht für anwendbar. "Ich würde anders beurteilen: Das Persönlichkeitsrecht des Arbeitnehmers geht vor." Ab Freitag, dem ersten Weihnachtstag, sei de facto arbeitsfreie Zeit. "Da können Arbeitgeber Arbeitnehmer eigentlich nicht aufhalten. Das wäre ein Eingriff in das Grundrecht und dementsprechend unzulässig. In der Vergangenheit wurde immer zugunsten der Spieler entschieden." Reiter fasst zusammen: "Borussia Dortmund ist da etwas übers Ziel hinausgeschossen."

Der BVB erklärte auf Sportschau-Anfrage, dass der Verein bezüglich der Corona-Pandemie in engem Austausch mit seinen Mitarbeitern stehe. Ins Detail gehen wollte der Klub im konkreten Fall jedoch nicht. "Was wir intern mit unseren Angestellten besprechen, bleibt selbstverständlich vertrauensvoll zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer", teilte die Borussia schriftlich mit.

Sancho und Bellingham werden sich dem Reiseverbot wohl beugen und den Dortmundern am 3. Januar im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg in der Bundesliga zur Verfügung stehen.

Stand: 23.12.2020, 14:53

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