Wahl ohne Gegenkandidat: Der ewige Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Bach vor Wiederwahl Mittagsmagazin 09.03.2021 03:09 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 Das Erste Von Hajo Seppelt, Nick Buttler, Jörg Winterfeldt

Olympia

Wahl ohne Gegenkandidat: Der ewige Präsident Thomas Bach

Von Hajo Seppelt, Nick Butler und Jörg Winterfeldt

Thomas Bach steht am Mittwoch vor seiner Wiederwahl als Anführer des Internationalen Olympischen Komitees. Intern aufs Höchste gelobt, extern nicht unbedingt hoch angesehen.

Die Verhältnisse sind rechtzeitig geklärt. Am Montag (08.03.2021) regelte Thomas Bach beim virtuellen Treffen mit seinem Vorstand alle nötigen Vorbereitungen. An diesem Dienstag beginnt die 137. Vollversammlung seines Internationalen Olympischen Komitees, und an diesem Mittwoch wird der 67-Jährige als Präsident für weitere vier Jahre wiedergewählt.

Wobei man das Wählen nicht zu wörtlich nehmen darf. Es fehlt nicht nur jeder Gegenkandidat und jede Spannung, sondern auch jegliches Störgeräusch und jeder Oppositionsansatz.

Deswegen läuft es für Bach sogar noch lässiger als für den ihm offenbar recht freundschaftlich verbundenen Wladimir Putin. Nach acht Jahren Herrschaft hat der "Herr der Ringe" sein Fußvolk bestens im Griff.

Der Krisenmanager

Kein Wunder: Zwei Drittel der 101 wahlberechtigten Mitglieder rückten unter seiner Führung ins IOC. Und so klangen die Ergebenheitsnoten nach seiner Ankündigung einer zweiten Kandidatur wie der eigenwillige Führerkult in Einparteienstaaten: "Ich habe die enorme Führungsqualität, die Sie bieten, wirklich anzuerkennen und zu schätzen gelernt", flötete da Bachs Vize John Coates aus Australien; "Sie haben uns mit Leidenschaft und Herz geführt" die frühere Schwimmerin Kirsty Coventry aus Zimbabwe. "Niemand kann Sie ersetzen", mahnte Khunying Patama Leeswadtrakul aus Thailand.

Prompt mutmaßten erste externe Kritiker, der ewige Präsident Bach könne irgendwann die Olympische Charta ändern lassen wollen, die bisher ein Limit bei zwei Amtszeiten und zwölf Jahren festsetzt. Schließlich hat Putin so einen Coup kürzlich erst erfolgreich vorgemacht.

IOC-Präsident Bach vor Wiederwahl: Thank you, Mr. President sport inside 07.03.2021 08:37 Min. Verfügbar bis 07.03.2022 WDR Von Robert Kempe

Die überbordende Untergebenheit seiner Mitglieder verdankt der Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim nicht einem außerordentlichen Charisma, sondern eher seiner Tauglichkeit als Krisenmanager. Nach der Ära des belgischen Chirurgen Jacques Rogge, eines Moderators, der Meinungsvielfalt förderte, sind die IOC-Mitglieder offenbar dankbar, in Bach einen zupackenden Macher an der Spitze zu haben.

Wo "das Wählen wohl eher weniger wichtig ist"

Kaum ein Vorgänger hatte schließlich vergleichbar viele Krisen zu meistern: Korruption, Corona, Kandidatenstädte-Schwund und natürlich russisches Staatsdoping. Bach hat das IOC durch alle noch so schweren Fahrwasser hindurch geleitet, stets im Stile eines Anwalts – nicht unbedingt glanzvoll oder prinzipientreu, Hauptsache unversehrt.

Das eigenartige Demokratieverständnis im Komitee spielte ihm dabei in die Karten. "Das IOC ist demokratisch im Sinne eines alten Klubs, wo man erwartet, von seinen Anführern angeleitet zu werden und das Wählen wohl eher weniger wichtig ist", sagt der Doyen Richard Pound, - sonst eher notorischer Kritiker – voll des Lobes über Bach: "Seine Auffassung von Führung ist, dass er sie übernimmt. Und dazu zählt nicht nur das Umsetzen von Ideen, sondern auch deren Entwicklung und Formulierung, das Gestalten."

Unmut der Athleten

Und so hat er sich verbal stets als härtester Sanktionierer des russischen Betrugs hingestellt, während in der Praxis jede Strafmaßnahme bis zur Unkenntlichkeit verwaschen wurde. Außerhalb des Komitees hat soviel diplomatische Inkonsequenz entsprechende Wirkung, in Kreisen bestimmter Athleten in der Öffentlichkeit ist es mit Bachs Standing nicht sehr weit her. "Für mich ist er Teil des Dopingsystems", schimpfte der Diskurswurf-Olympiasieger Robert Harting, "ich schäme mich für Thomas Bach."

Sein hemdsärmeliger Umgang mit der Flaute von demokratischen Bewerberstädten, die vor den IOC-Knebelverträgen und den Milliardeninvestitionen frühzeitig die Waffen streckten, stieß nicht allseits auf Gegenliebe. Seit neuestem werden Ausrichterstädte plötzlich eher ernannt als in einem Auswahlprozess ausgesiebt. So soll Brisbane aller Voraussicht nach die Sommerspiele 2032 erhalten – Kritiker vermuten darin eine Geste der Dankbarkeit Bachs an seinen loyalen Vize Coates.

Ärger in Deutschland

Bachs eigene Nation hingegen schaut in Sachen Olympiabewerbung wohl in die Röhre. Anders als etwa einst bei Vorvorgänger Juan Antonio Samaranch, der als eine Art Vermächtnis seiner Heimatstadt Barcelona die Spiele 1992 hinterließ. Der deutsche Interessent Rhein-Ruhr schien von veränderten Voraussetzungen überhaupt nicht in Kenntnis zu sein. "Ich ärgere mich, dass für mich so schwer nachvollziehbar ist, welche Kriterien denn jetzt entscheidend waren, also wie dieser Prozess gelaufen ist. Das wirkt auf mich ein bisschen schwer, schwer nachvollziehbar", klagt nicht nur der Chef von Athleten Deutschland, Max Hartung.

Die nächste Tücke lauert direkt nach Bachs Wiederwahl, wenn der Mann mit traditionell guten Verbindungen in die arabische Welt und nach Russland die Winterspiele in Peking eröffnet. Dann richten sich alle Augen auf den Umgang des Komitees mit Menschenrechten. Und wenn der Pragmatismus des Managers erneut über die Prinzipientreue triumphiert, droht klar zu werden, dass alle Ankündigungen des IOC zur Stärkung der Menschenrechte kaum mehr als hohle Phrasen waren.

Stand: 09.03.2021, 10:52

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