FBI ermittelt gegen langjährigen Heber-Präsidenten Aján

IWF-Präsident Tamas Ajan steht im Zentrum zahlreicher Korruptionsvorwürfe

Druck auf Gewichtheber steigt

FBI ermittelt gegen langjährigen Heber-Präsidenten Aján

Von Grit Hartmann und Nick Butler

Teil 2/2 - Sportminister bedankt sich per Brief bei Aján für Dopingvertuschung

Die Verzögerung von Dopingsperren durch den Präsidenten eines Weltverbandes dürfte jene bestätigen, die den Sportverbänden jede Glaubwürdigkeit bei der Betrugsbekämpfung absprechen. Auch die WADA, wo Aján bis Ende 2018 im Foundation Board saß, schneidet nicht sonderlich gut ab: Sie sollte eigentlich als Monitoring-Institution wirken – hat aber bei der IWF versagt.

Brisanz gewinnt das Ganze noch durch die Fortsetzung der Aserbaidschan-Affäre. Der ARD-Dopingredaktion liegt auch ein Brief von Sportminister Azad Rahimow vor – ein Dankeschön an Aján aus dem November 2016: "Wir sind dankbar für Ihre Absicht, ... die Entscheidung über die Suspendierung des aserbaidschanischen Gewichtheber-Teams aufzuschieben".

Aserbaidschans Sportminister Azad Rahimov

Aserbaidschans Sportminister Azad Rahimov

Rahimow fürchtete um die Teilnahme seiner Heber an den Islamischen Solidaritätsspielen 2017 in Baku. Progressive IWF-Funktionäre hatten nämlich Mitte 2016 einen Beschluss durchgesetzt, wonach Nationen mit vielen Dopern künftig ganz gesperrt werden sollten. Aber Baku verließ sich zu Recht auf Aján: Erst im Herbst 2017, weit nach den Islamischen Spielen, verordnete die IWF neun Nationen eine Zwangspause, darunter auch Aserbaidschan.

Eine weitere Vorzugsbehandlung Ajáns für die vermögenden Freunde am Kaspischen Meer? Der deutsche Heber-Präsident Christian Baumgartner, der lange für konsequentere Antidoping-Politik der IWF gekämpft hat, ist geschockt und vermutet: "Damit liegt man sicher nicht falsch."

Ob es Gegenleistungen für Aján gab, werden Ermittler klären müssen. Auffällig allerdings: Sein Sohn bekam im Jahr 2016 einen Job bei einer aserbaidschanischen Firma – ein Handelsregistereintrag weist ihn als Direktor von Silk Way Italia aus. Die Mutter Silk Way  Holding – sie gehört Vertretern der aserbaidschanischen Elite - ging aus einer höchst intransparenten Privatisierung von Teilen der staatlichen Airline AZAL hervor. Eben jener Airline, deren Boss Jahangir Askerow ist, der Gewichtheber-Präsident von Aserbaidschan. Zufall? Aján hat Fragen dazu nicht beantwortet.

Solche Vorgänge lassen ahnen, was womöglich hinter den potenziellen Doping-Fällen im Reich der Gewichtheber steckt, die bis heute nicht geahndet wurden. 72 Fälle untersucht die WADA noch. Und offensichtlich kann sie auf Hilfe der alten IWF-Seilschaften in der Exekutive nicht zählen. Auch, weil ja vor allem eine Frage offen ist: Hat Aján womöglich von nationalen Verbänden Geld genommen für die Vertuschung von Dopingfällen?

Spuren in die USA

Solche Fragen interessieren derzeit auch staatliche Fahnder brennend. Inzwischen mischt dabei ein Akteur mit, mit dem nicht unbedingt zu rechnen war: das FBI. Dem Vernehmen nach haben sich Anknüpfungspunkte zu Ermittlungen in Ungarn ergeben – dort untersuchen Korruptionsbekämpfer vor allem die Geldflüsse im Bargeld-Reich von Aján. 10,4 Millionen US-Dollar (9,23 Millionen Euro) gelten auf den IWF-Konten als "nicht nachweisbar". Unklar ist, was tatsächlich fehlt, mit anderen Worten: ob und gegebenenfalls wie viel in privaten Taschen des Heber-Patrons gelandet sein könnte.

Spuren führen offenbar in die USA. In der Gewichtheber-Familie war es kein Geheimnis, dass Aján regelmäßig an Floridas Golfküste urlaubte, wo seiner Familie eine Luxus-Immobilie gehört. Doch zur Überraschung der amerikanischen Ermittler verfügte Aján seit Jahrzehnten auch über eine US-Sozialversicherungsnummer - eine Voraussetzung für die Eröffnung von Bankkonten in den USA und nun der direkte Weg, Geldströmen auf die Spur zu kommen.

Dabei geht das FBI konkreten Fragen nach: Wohin, zum Beispiel, verschwand das Geld, das Aján während der WM 2015 in Houston/Texas persönlich in bar eingesammelt haben soll? Angeblich handelte es sich um rund 100.000 Dollar, unter anderem Akkreditierungs- und Lizenzgebühren. Kenner der FBI-Ermittlungen sagen, das Geld sei nicht auf den IWF-Konten in Ungarn gelandet.

Auch seltsame Geschäfte zwischen dem IWF-Hauptquartier und südamerikanischen Heber-Verbänden sollen das Interesse des FBI geweckt haben. Es stellt sich die Frage, wer da noch mit im Boot saß.

Für Aján und womöglich auch für die Altlasten in der IWF-Exekutive bergen diese Ermittlungen wohl einige Sprengkraft, wenn man den Fußball-Weltverband FIFA als Maßstab nimmt: Dort jedenfalls griffen die Amerikaner bekanntlich durch, wo andere nur weggeschaut haben.

Stand: 14.11.2020, 13:00

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