Der belarussische Sport stellt sich gegen Lukaschenko

Sportler demonstrieren in Belarus

Proteste in Belarus

Der belarussische Sport stellt sich gegen Lukaschenko

Von Robert Kempe

In Belarus versucht Staatspräsident Alexander Lukaschenko, die Massenproteste mit brutaler Gewalt zu unterdrücken. Er ist gleichzeitig höchster Sportfunktionär des Landes und der Sport wichtige Säule seines Machtsystems. Doch immer mehr Sportlerinnen und Sportler beziehen klar Position gegen den Diktator.

"Die Sportler sind mit dem Volk", steht in großen roten Buchstaben auf einem weißen Banner inmitten der Proteste, zu denen sich am Sonntag (30.08.2020) wieder Hunderttausende auf den Straßen der belarussischen Hauptstadt Minsk versammelt hatten. Einer, der das Transparent in der Hand hält, ist der Volleyball-Nationalspieler Artur Udrys.

Seitdem Staatspräsident Alexander Lukaschenko die Proteste brutal niederschlagen lässt und immer mehr Berichte von Folter in den Gefängnissen öffentlich werden, geht auch Udrys demonstrieren. Niemand in der Bevölkerung sei gerade vor Lukaschenko sicher, erzählt er der Sportschau: "Ich bewundere all die Menschen, die mit den Protesten begonnen haben. Ich habe mir gedacht, dass es gefährlich ist auf die Straße zu gehen, aber nicht, wie schlimm das werden kann."

Belarus - Diktatur auch im Sport Sportschau 30.08.2020 32:46 Min. Verfügbar bis 30.08.2021 Das Erste

Der Nationalspieler gehört zu den 400 Vertretern des belarussischen Sports, die einen offenen Brief unterzeichnet haben. Sie fordern Neuwahlen, ein Ende der Gewalt seitens der Sicherheitskräfte sowie die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Athleten, Betreuer und Trainer - alle meldeten sich

"Ich dachte am Anfang nicht mal, dass wir mehr als 20 Unterzeichner finden", so Alexander Apeikin, einer der Mitinitiatoren des Briefes. Doch bald stand sein Handy nicht mehr still. Athleten, Betreuer und Trainer meldeten sich und schlossen sich den Forderungen an, erklärt Apeikin, Handballmanager des belarussischen Erstligisten Vityaz Minsk.

Immer mehr Vertreter des Sports unterschreiben die Forderungen. Zu den Unterzeichnern gehört auch die Freestyle-Olympiasiegerin Anna Guskowa, der ehemalige Torhüter der Fußball-Nationalmannschaft, Wassily Khomutowski, und die erfolgreiche Schwimmerin Aljaksandra Herassimenja. "Dass die Sportler sich so klar positionieren, kann man nicht hoch genug einschätzen", sagt Pawel Latuschko.

Immer wieder Ziel von Polizeiaktionen

Der 47-Jährige war lange Zeit Kulturminister unter Lukaschenko und Botschafter des Landes in Frankreich. Jetzt ist er Mitglied des sogenannten Koordinierungsrates, ein Gremium, das von der Protestbewegung gegründet wurde und mit Präsident Lukaschenko verhandeln will. Gegen die Mitglieder des Rates wird strafrechtlich wegen Bedrohung der nationalen Sicherheit ermittelt. Immer wieder sind sie Ziel von Polizeiaktionen.

Und auch die Sportler, Betreuer und Funktionäre, die den Protestbrief gegen Lukaschenko unterschrieben haben, stehen jetzt massiv unter Druck. Die Mehrheit ist bei Institutionen des Staates angestellt und von Lukaschenko abhängig. Denn der ist nicht nur Staatspräsident, sondern seit Jahrzehnten auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Belarus. Sein Sportsystem will er jetzt wieder auf Linie bringen. Viele Akteure aus dem Sport berichten von großem Druck der Staatsmacht.

Sport als Machtinstrument

"Es wird gefordert, dass die Menschen ihre Unterschriften zurücknehmen", betont Handballmanager Apeikin, der kurz nach Veröffentlichung des Briefes das Land verließ. Er hatte Signale aus Lukaschenkos Sicherheitsapparat erhalten, dass es für ihn zu gefährlich werde. Sport sei für den langjährigen Staatspräsidenten ein Machtinstrument, so Apeikin. "Sehr vielen Unterzeichnern wird derzeit gedroht. Viele haben die finanzielle Unterstützung der Regierung verloren." Gut 20 Personen wurde bereits gekündigt.

Um ihnen zu helfen, hat Apeikin zusammen mit Mitstreitern nun eine Stiftung ins Leben gerufen. Und man will über das Schicksal der protestierenden Sportler informieren, dafür hat sich Apeikin an über 450 Sportverbände gewandt. Auch an das Internationale Olympische Komitee (IOC), das sich gegenüber der Sportschau nicht zur Situation in Belarus und Alexander Lukaschenko äußert, der als höchster Sportfunktionär des Landes auch Mitglied der Olympischen Bewegung ist. Auch der Zusammenschluss aller Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) schweigt.

Schweigen als Ermutigung für das Regime

Genauso wie die Internationale Eishockey-Föderation, die im kommenden Jahr in der belarussischen Hauptstadt die Weltmeisterschaft austragen will. Das Schweigen des internationalen Sports sieht das Regime des Eishockey-Fans Lukaschenkos offenkundig als Ermutigung. So erklärte Roman Golowtschenko, Premierminister von Belarus, noch vergangene Woche, dass man weiter aktiv die Eishockey-WM im nächsten Jahr vorbereite.

Krumakchy Minsk - "Wir sind gegen Gewalt" - steht auf den Shirts von Krumakchy Minsk

"Wir sind gegen Gewalt" - steht auf den Shirts von Krumakchy Minsk

"Ich denke, in dem Fall geht es auch hier um eine moralische Entscheidung: Was möchte der internationale Sport tolerieren oder möchte er sich von dem, was in Belarus derzeit passiert, distanzieren und sagen, dass es nichts mit dem Sport zu tun hat?", meint Pawel Latuschko vom Koordinierungsrat. "Für uns hier gibt es keinen Weg zurück."

Willkürlich gejagt und festgenommen

Währenddessen ist die Lage im Land weiter angespannt. Willkürlich werden Menschen gejagt und festgenommen. Am Wochenende traf es auch zwei Spieler des Fußball-Zweitligisten Krumkachy Minsk. Wie bei keinem anderen Fußballverein haben sich die Spieler des im Volksmund "Raben" genannten Teams zu den Protesten bekannt.

Vor dem Pokalspiel am Dienstagabend (01.09.2020) stand der Verein wiederholt im Fokus der Polizei. Weiß-Rote Fahnen - das Sinnbild der Proteste - sowie regierungsfeindliche Parolen würden Festnahmen nach sich ziehen, hieß es in einer Anordnung.

Krumkachys Bekenntnis zu den Protesten

Krumakchy Minsk: Maria Kalesnikawa steht auf der Tribüne

Oppositionsführerin Maria Kalesnikawa inmitten der Fans von Maria Kalesnikawa.

Kurz nach Anpfiff des Spiels gegen den Erstligisten Dynamo Minsk stellten Krumkachys Fußballer das Spiel ein, applaudierten 100 Sekunden mit ihren Fans zur Erinnerung an die Festgenommenen. Krumkachy gewann 2:0 gegen den Favoriten. Für den Zweitliga-Klub das Spiel des Jahres.

Rund um das Stadion gab es zahlreiche Festnahmen. Schon beim Aufwärmen trugen die Spieler T-Shirts auf denen Stand "Wir sind gegen Gewalt" und dazu die Namen der Spieler , die derzeit in Haft sind. Auf der Tribüne verfolgte das Spiel Maria Kalesnikawa, die derzeit wohl prominenteste Oppositionspolitikerin in Belarus.

Stand: 02.09.2020, 10:18

Darstellung: