Sonderermittler McLaren zeichnet verheerendes Bild über Aján-Herrschaft

"Herr der Heber" - Sonderermittler bestätigt Vorwürfe gegen Aján Sportschau 07.06.2020 04:12 Min. Verfügbar bis 07.06.2021 Das Erste

Untersuchungsbericht nach ARD-Doku "Der Herr der Heber"

Sonderermittler McLaren zeichnet verheerendes Bild über Aján-Herrschaft

Von Nick Butler, Grit Hartmann, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Der kanadische Sonderermittler Richard McLaren bestätigte in seinem Untersuchungsbericht über die Regentschaft des langjährigen Präsidenten Tamas Aján im Gewichtheber-Weltverband IWF fast alle Vorwürfe aus der im Januar ausgestrahlten ARD-Dokumentation "Der Herr der Heber" - und fügte weitere hinzu.

McLaren belastete in seinem Bericht für den IWF dessen Ex-Präsidenten Aján schwer - auch mit bislang unbekannten Vorwürfen. Er wirft dem 81 Jahre alten Ungarn in seinem am Donnerstag (04.06.2020) veröffentlichten Report unter anderem Amtsmissbrauch, Korruption, Vetternwirtschaft, Wahlbetrug und Vertuschung positiver Dopingproben vor. Der Kanadier bestätigte die wesentlichen Verdachtsmomente, die die ARD-Dopingredaktion in der Dokumentation "Der Herr der Heber" Ende Januar nachgezeichnet hatte.

Die Ergebnisse McLarens gehen allerdings zum Teil über die der ARD-Dokumentation hinaus. So sei beispielsweise der Verbleib von insgesamt 9,27 Millionen Euro (10,4 Millionen Dollar) seit 2009 ungeklärt. Auch die ARD hatte über den ungeklärten Verbleib von mehreren Millionen Dollar berichtet, dies allerdings betraf Finanztransaktionen im Zeitraum vor 2009.

Richard McLaren

McLaren sprach mit Blick auf die IWF-Bilanzen von einem "Wirrwarr unvollständiger und ungenauer Zahlen". Es sei "absolut unmöglich" zu bestimmen, was "für rechtmäßige Ausgaben" verwendet worden sei. Bis heute würden Finanzunterlagen fehlen. Niemand sonst als Aján sei in der Lage gewesen, die Angelegenheiten der IWF im Detail nachzuvollziehen. Ajáns grundlegender Kontrollmechanismus sei die "Tyrannei des Geldes" gewesen.

Wahlfälschung und vertuschte Doping-Befunde

Neu ist zudem der Vorwurf der Wahlfälschung. Bei den beiden jüngsten Wahlkongressen 2013 und 2017 sei es zu massiven Stimmenkäufen für den Präsidenten und dessen Verbündete in der Exekutive gekommen, hieß es in dem Report. Für den Stimmenkauf habe Aján IWF-Gelder verwendet. Die betreffenden Wahlen waren die einzigen beiden, bei denen sich Aján Gegenkandidaten stellen musste.

Darüber hinaus habe die Untersuchung 40 positive Doping-Befunde festgestellt, die "in den Aufzeichnungen der IWF versteckt" worden seien. Entsprechende Proben von "Gold- und Silbermedaillengewinnern" bei Weltmeisterschaften seien "nicht behandelt" worden - das heißt: Die Doper durften einfach weiter starten. Zudem warf die McLaren-Kommission Ajàn vor, aus der IWF eine Autokratie gemacht zu haben. Der Ungar habe mit "eiserner Hand" regiert. IWF-Offizielle, die den Präsidenten "herausgefordert" hätten, seien "bestraft oder schikaniert" worden.

"Irreparabler Schaden" droht

Die IWF sei eine Organisation, "die der Wiederbelebung und grundlegenden Wiederherstellung ihrer Prinzipien bedarf", resümierte McLaren. Würden die zuletzt eingeleiteten Reformen nicht konsequent umgesetzt, drohe der IWF "irreparabler Schaden".

IWF-Interimspräsidentin Ursula Papandrea zeigte sich nach Lektüre des Reports "tief besorgt". Der Verband habe aber nun die Chance, die "klar benannten Probleme" anzugehen. "Mein Ziel ist, eine bessere Organisation zu erschaffen. Wir wollen in eine neue Ära von Transparenz, Verantwortung und guter Unternehmensführung eintreten", sagte Papandrea. Zu weiteren möglichen Schritten gegen Aján oder im McLaren-Report belastete Funktionäre, die noch immer der IWF-Spitze angehören, wollte sich die Funktionärin aus den USA im Rahmen einer Online-Pressekonferenz nicht äußern. Sie betonte lediglich, dass Ajáns Verhalten in den vergangenen Jahren "absolut inakzeptabel und möglicherweise kriminell" gewesen sei.   

Támas Aján

Támas Aján

Die IWF hatte McLaren nach der Ausstrahlung der ARD-Sendung als Sonderermittler eingesetzt. Aján, der über 50 Jahre Führungsposten innerhalb des olympischen Verbandes bekleidet und die IWF 20 Jahre lang geführt hatte, war auf Druck des IWF-Vorstands von seinem Präsidentenamt zurückgetreten, hat aber bis zuletzt alle Vorwürfe zurückgewiesen. Papandrea (USA) und Generalsekretär Mohammed Jaloud (Irak) hatten Aján trotz dessen Verwicklungen zum "Ehrenbotschafter" ernannt, zudem soll für den Ungarn eine finanzielle Abfindung vereinbart worden sein. Laut IWF-Beschluss leitet Papandrea den Weltverband bis zum nächsten Wahlkongress, der voraussichtlich 2021 stattfinden wird.  

Aján hatte nach der Ausstrahlung der ARD-Sendung auch seine Ehrenmitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) niedergelegt. Das IOC hatte ebenfalls eine Untersuchungskommission eingesetzt. McLaren, der durch seinen Beitrag zur Aufklärung des russischen Staatsdopingskandals 2016 weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, sollte eigentlich innerhalb von 90 Tagen bis Mitte April die Sachlage aufklären. Die Frist wurde wegen der Corona-Krise verlängert.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Stand: 04.06.2020, 19:01

Darstellung: