Ex-Athletinnen leiden unter Folgen von Hormon-Operationen

"Kampf ums Geschlecht - Die verstoßenen Frauen des Sports" Sportschau 27.09.2019 01:00:36 Std. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Schwere Vorwürfe gegen IAAF-Arzt

Ex-Athletinnen leiden unter Folgen von Hormon-Operationen

Von Jörg Mebus, Olga Sviridenko, Edmund Willison und Hajo Seppelt

Es geht um hormonelle Eingriffe, vollzogen nur aufgrund von Regularien der Weltverbände, und um mangelhafte Nachsorge: Dies hat bei ehemaligen Weltklasse-Sportlerinnen zum Karriereende und zu massiven gesundheitlichen Folgeschäden geführt. Die frühere Spitzenläuferin Annet Negesa erhebt in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen Stephan Bermon, heute leitender Arzt des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. In mehreren Interviews mit der ARD-Dopingredaktion berichtet die Athletin aus Uganda ausführlich über ihren Eindruck, dass man sie über die weitreichenden Folgen des Eingriffs im Unklaren gelassen habe.

Ihr größter Sieg - Negesa wird Junioren-Weltmeisterin 2011

Ihr größter Sieg: Bei der Junioren-WM in Daegu 2011 holte Annet Negesa Gold für Uganda.

Bei der 800-m-Spezialistin Negesa, die vor den Olympischen Spielen 2012 als Kandidatin für den Endlauf gehandelt wurde, waren kurz vor den Wettkämpfen in London hohe natürliche Testosteronwerte festgestellt worden. Die IAAF hatte sie daraufhin gesperrt. Um wieder die Starterlaubnis zu erhalten, seien ihr in Absprache mit dem Arzt Bermon im Rahmen einer sogenannten Gonadektomie die innenliegenden Hoden entfernt worden, die die erhöhte Testosteronproduktion bewirkt hatten.

Athletinnen sprechen erstmals über Operationen und mangelnde Nachsorge

Neben Negesa spricht in der ARD eine weitere ehemalige Spitzenathletin, die der gleichen Behandlung unterzogen wurde. Sie möchte wegen möglicher Konsequenzen in ihrem Heimatland anonym bleiben. Die beiden Frauen sind die weltweit ersten Profi-Sportlerinnen, die über die schweren, einzig aufgrund von Hormon-Vorgaben der internationalen Verbände vorgenommenen Operationen öffentlich sprechen.

Die ARD zeigt ihre Geschichte am Freitag um 16.10 Uhr in der Dokumentation "Kampf ums Geschlecht - Die verstoßenen Frauen des Sports". In Uganda und zahlreichen weiteren Ländern werden Frauen wie Annet Negesa angefeindet.

Kampf ums Geschlecht - der Fall Annet Negesa Sportschau 27.09.2019 04:08 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Die Ex-Läuferin Annet Negesa erhebt massive Vorwürfe gegen IAAF

Unters Messer für den Sport: Nach einer Hormon-Operation kämpft Ex-Läuferin Negesa mit lebenslangen Folgen.

"Sie haben mir gesagt, es sei eine Art Injektion, sie würden mein Testosteron herausziehen. Aber das ist nicht das, was sie gemacht haben. Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich Schnitte", sagte Negesa. Ebenso wie Negesa behauptet auch die andere Athletin, dass ihr die Ärzte lediglich eine Operation als Option genannt habe, um weiter ihren Sport betreiben zu dürfen: "Ich hatte keine Wahl."

Wegen angeblich vollkommen unzureichender medizinischer Nachsorge sowie körperlicher und seelischer Schäden infolge der Eingriffe konnten beide Athletinnen nach eigener Darstellung nie wieder Leistungssport treiben. Dabei sei ihnen im Vorfeld der Gonadektomie, so berichteten die Sportlerinnen, der Eingriff von den Ärzten als harmlos beschrieben worden.

Die erhöhten Testosteron-Werte waren bei Dopingtests aufgefallen. Danach wurden die Sportlerinnen, die sich zuvor über die bei ihnen vorliegende Geschlechtsvariation nicht im Klaren waren, mit dem Sachverhalt konfrontiert.

Depressionen und Osteoporose

"Ich habe oft daran gedacht, mich umzubringen", sagte die Athletin, die anonym bleiben will: "Sie haben mein Leben gestohlen, meine Existenz. Einfach so haben sie meinen Traum weggenommen. Ich wünschte, dass ich damals in ihren Händen gestorben wäre, weil man sie dann zur Verantwortung gezogen und bestraft hätte."

Die Athletin, die die ARD zu einem deutschen Hormonspezialisten begleitet hat, leidet heute aufgrund des jahrelangen Hormonmangels an Knochenschwund (Osteoporose) sowie unter Depressionen.

Der französische Arzt Bermon ist Mitautor einer Hormon-Studie, die von Kliniken in Nizza, Montpellier und Monaco durchgeführt wurde und an der auch ein Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees IOC als Berater beteiligt gewesen sein soll. "Vier jungen Elitesportlerinnen", so heißt es in der Studie, sei "eine Gonadektomie vorgeschlagen" worden. Mittelstreckenläuferin Negesa, 2011 Afrika-Meisterin über 800 m und Ugandas "Athletin des Jahres", könnte eine davon gewesen sein.

Weltärztebund-Präsident übt scharfe Kritik

Frank Ulrich Montgomery, der Präsident des Weltärztebundes WMA, kritisierte das Vorgehen. "Es handelt sich hierbei um Eingriffe, die nicht medizinisch indiziert sind. Wenn diese Operationen ausschließlich aus Gründen der sogenannten Fairness oder aus Gründen der Anweisung der Sportverbände geschehen, halte ich das für höchst problematisch", sagte Montgomery der ARD.

Fairness allein sei "kein Grund, in den Hormonhaushalt des Menschen einzugreifen. Man muss auch mal die Risiken sehen, die dabei entstehen."  Mit Blick auf die Studie und die Operationen meint die britische Sportsoziologin Payoshni Mitra, die auf die Betreuung von intersexuellen Athletinnen spezialisiert ist: "Sie wurden behandelt wie Versuchskaninchen. Sie waren Teil eines Experiments.“"

IAAF-Präsident Sebastian Coe bestreitet auf ARD-Anfrage, dass Operationen ohne medizinische Indikation Bestandteil der Regelumsetzung des Weltverbandes seien. Er betonte aber die Notwendigkeit von Medikationen zur Senkung des Testosteronspiegels, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Ob Coe wusste, dass der heutige IAAF-Chefarzt Bermon den Athletinnen eine Operation empfahl, ist unklar.

Kampf ums Geschlecht - der Fall "Lara" Sportschau 27.09.2019 04:00 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Zu Bermon habe sie nach der Operation keinen Kontakt mehr gehabt, sagt Negesa. Der Arzt reagierte auch auf mehrfache ARD-Nachfragen nicht. Bermon gehörte schon zum Zeitpunkt der Operation der medizinischen Kommission der IAAF an.

Unter anderem hatte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen die Hormon-Regel der IAAF verurteilt. Der Internationale Sport-Gerichtshof CAS und das Schweizer Bundesgericht wiederum hatten zuletzt die hochumstrittene Regel, die einen Testosteron-Grenzwert für Frauen vorsieht, nach einem Einspruch von Superstar Caster Semenya (28) bestätigt und ebenfalls auf die Chancengleichheit verwiesen – trotz internationaler Kritik.

800-m-Olympiasiegerin und -Weltmeisterin Semenya aus Südafrika weigerte sich, ihren nach IAAF-Definition zu hohen Testosteronspiegel medikamentös zu senken und darf deshalb nicht mehr auf ihrer Spezialstrecke starten.

Stand: 27.09.2019, 09:00

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