Annet Negesa - Leiden im Namen der Gerechtigkeit

Ex-Läuferin Annet Negesa: Nach Hormon-Operation gezeichnet.

Der Fall Negesa

Annet Negesa - Leiden im Namen der Gerechtigkeit

Von Olga Sviridenko, Edmund Willison, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Die ehemalige ugandische Weltklasse-Läuferin Annet Negesa unterzog sich 2012 einer Operation mit dramatischen Folgen - ausschließlich aufgrund der umstrittenen Hormon-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Nun erhebt sie schwere Vorwürfe gegen den leitenden IAAF-Arzt.

Sie wirkt sachlich, beherrscht, fast kontrolliert. Doch irgendwann im Gespräch mit der ARD stockt ihre Stimme. Eine Träne läuft ihre Wange herunter. Da ist so vieles, was sie in sich verborgen hat in den vergangenen sieben Jahren.

Annet Negesa war mal Ugandas schnellste Läuferin über die 800-Meter-Distanz. Heute ist ihr Gang schleppend. Die 28-Jährige hat Schmerzen, vor allem in den Gelenken. Schon längeres Stehen quält sie.

Kampf ums Geschlecht - der Fall Annet Negesa Sportschau 27.09.2019 04:08 Min. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Das liegt nicht daran, dass sie zu viel trainiert hätte. "Das hat alles nach der Behandlung angefangen", sagt die frühere Weltklasse-Athletin. Eine Operation hat ihr Leben verändert. Eine Operation im Namen der Gerechtigkeit.

Ende Mai 2012 sprühte Negesa vor Energie. Die 800 Meter rannte sie beim World-Challenge-Meeting in Hengelo in 1:59,08 Minuten. Ugandischer Landesrekord. Damit gehörte sie zu den Endlauf-Kandidatinnen für die Olympischen Spiele ein paar Monate später in London. Doch dort sollte sie nie an den Start gehen.

"Weißt du was, sie haben dich von Olympia ausgeschlossen!" Es war ihr Manager, der ihr die böse Botschaft überbrachte, am Telefon, ein paar Wochen nach dem Meeting in Hengelo. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte bei ihr im Zuge einer Dopingkontrolle einen erhöhten Testosteron-Gehalt festgestellt, der allerdings nicht mit Doping zu begründen war.

Ihr Androgenspiegel war von Natur aus erhöht. Von einer hormonellen Störung, einer Hyperandrogenämie, war die Rede. Da der Testosterongehalt im Blut der Mittelstrecklerin über dem Grenzwert lag, sperrte die IAAF sie. Der Verband verwies auf sein Hormon-Regelwerk, mit dem er für Gleichberechtigung auf der Laufbahn sorgen will.

Angeblich eine „einfache Sache“

Annet Negesa war kerngesund. Aber ihren Sport durfte sie nicht weiter fortsetzen. Im Oktober 2012 lud sie der französische Arzt Stephane Bermon ihrer Darstellung zufolge zu Voruntersuchungen nach Nizza ein. Bermon war damals Mitglied der Medizinischen Kommission der IAAF, heute ist er ihr Medizinischer Direktor. "Sie brachten mich in einen Raum, und dort steckten sie mich für ein paar Minuten in eine Maschine. Danach kam ich in einen anderen Raum für weitere Untersuchungen, sie vermaßen meine Brust", sagt Negesa rückblickend. "Ich hatte große Angst."

Andererseits wollte sie schnell wieder laufen. An den Start gehen. Gewinnen. Auch Geld verdienen. Um es in das kleine Dorf Boaji im Südosten von Uganda zu schicken, zu ihren Eltern. Sie unterstützte auch ihre vier Brüder und vier Schwestern. Und der Eingriff, mit dem das wieder möglich wäre, sei nicht mehr als eine "einfache Sache". So habe man ihr das dargestellt, sagt Annet Negesa.

Und sie glaubte das.

Tatsächlich ist eine Gonadektomie, die operative Entfernung der innenliegenden Hoden, die bei der Athletin festgestellt worden waren und die das Testosteron produzierten, alles andere als ein simpler Eingriff ohne Folgen. "Sie sagten mir, dass ich ein bisschen schlapp sein würde. Aber danach würde ich mich erholen", erzählt die Läuferin, und: "Es gab keine Optionen. Da war nur eine Option: die Behandlung so durchzuführen, wie sie es gesagt haben."

Man hätte ihren Testosteronspiegel mit Medikamenten senken können. Das legt die IAAF mittlerweile hyperandrogenen Sportlerinnen nahe. Negesa sagt, das sei ihr nie vorgeschlagen worden. Der IAAF-Arzt Bermon war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

"Wie Versuchskaninchen"

Der Franzose Bermon war Mitautor einer Studie über Hyperandrogenämie, die 2013 veröffentlicht wurde. Darin geht es um vier Sportlerinnen, die sich der gleichen Operation wie Negesa unterzogen hatten. Die Namen der vier Frauen werden darin nicht genannt. Nach Aussage eines weiteren Autors der Studie soll zudem ein Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) als Berater dabei gewesen sein. Die Athletinnen seien behandelt worden "wie Versuchskaninchen. Sie waren Teil eines Experiments", sagt Payoshni Mitra. Die indische Aktivistin berät Negesa.

Annet Negesa weiß nicht, ob sie Teil dieser Studie war. Sie berichtet, dass sie Ende 2012 in der ugandischen Hauptstadt Kampala operiert wurde, nachdem Stephane Bermon sie in Nizza untersucht hatte.  Das Krankenhaus in Nizza war eines derjenigen, die auch an der Studie beteiligt waren. Negesa stimmte dem Eingriff zu, offenbar bestärkt von den Ärzten, die ihr zur Operation geraten haben sollen, aber auch geblendet von der Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr auf die Laufbahn. Die Mediziner sagten ihr, erinnert sich Negesa, es handele sich nur um eine "Injektion". Sie würden ihr "das Testosteron herausziehen". Das taten sie aber nicht. "Ich wachte morgens auf, und ich hatte Schnitte."

Der Eingriff war so folgenschwer, dass Negesa heute sagt, er habe ihr Leben zerstört. Das empfand sie auch damals so, schon bald nach der OP. In den Leistungssport konnte sie nicht wieder zurückkehren. Sie lief nie wieder einen internationalen Wettkampf. Negesa hatte nach ihrem Aufenthalt im Krankenhaus mit irrsinnigen Schmerzen zu kämpfen. Später war sie ständig erschöpft, bekam chronische Kopfschmerzen. Sie wurde depressiv. Sie habe, so sagt sie, keinerlei hormonelle Nachsorge erhalten. Die ist im Zuge solcher Eingriffe dringend erforderlich.

Aus Dokumenten, die ihre Aussage stützen, geht hervor, dass das Krankenhaus in Uganda auf eine "Rücksprache mit Dr. Bermon" gewartet habe, um mit einer Hormontherapie zu beginnen. Von den Ärzten, sagt Negesa, habe sie nie wieder gehört.

"Wenn ich schon sterben muss, dann lieber zuhause"

"Ich habe meinem Körper befohlen, stark zu sein, damit ich nach Hause konnte", sagt sie rückblickend. Ihr Studium in Kampala am Fachbereich Globale Entwicklung musste sie abbrechen. Ihr Körper und ihr Geist rebellierten unter dem dauerhaften Hormonmangel. Zudem wurde das Geld knapp. Ihr Verband kümmerte sich nicht mehr um sie, seit sie nicht mehr laufen konnte. Negesa wollte nur noch weg aus der Hauptstadt, zurück in ihr Heimatdorf. "Wenn ich schon sterben muss, dann lieber zuhause", das seien damals ihre Gedanken gewesen, sagt sie. An diesem Moment des Interviews muss sie weinen.

Ihre Familie hielt zu ihr, viele Freunde wendeten sich ab. Sie war nicht mehr die strahlende Sportheldin, Ugandas Athletin des Jahres 2011, die auf dem Sprung zu den Olympischen Spielen war. "Ich war sehr depressiv. Ich wollte nur noch allein sein", sagte Annet Negesa. Uganda gehört zu den Ländern, in denen Frauen wie sie besonders gefährdet sind, angefeindet und verfolgt werden.

Nun hat sie ihr Schweigen gebrochen. Annet Negesa will sich nicht mehr verstecken. Anderen Athletinnen wolle sie Mut machen, sagt sie. "Ich habe einen langen Weg hinter mir, eine lange Reise. Und, weil ich weiß wie hart es ist, möchte ich nicht, dass andere Sportlerinnen das gleiche durchmachen müssen."

***

 IAAF-Präsident Sebastian Coe bestreitet auf ARD-Anfrage, dass Operationen ohne medizinische Indikation Bestandteil der Regelumsetzung des Weltverbandes seien. Er betonte aber die Notwendigkeit von Medikationen zur Senkung des Testosteronspiegels, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Ob Coe wusste, dass der heutige IAAF-Chefarzt Bermon den Athletinnen eine Operation empfahl, ist unklar.

Stand: 27.09.2019, 11:00

Darstellung: