Sportpolitische Farce zerstört Olympia-Traum

Geflüchteter Kanute Fazloula mit neuer Hoffnung auf Olympia Morgenmagazin 29.09.2020 01:59 Min. Verfügbar bis 29.09.2021 Das Erste

Geflüchteter Kanute Fazloula

Sportpolitische Farce zerstört Olympia-Traum

Von Peter Wozny, Nick Butler und Jörg Winterfeldt

Saeid Fazloula ist aus dem Iran geflüchtet und gehört zur erweiterten Weltspitze im Kanurennsport. Aber er kann noch so gut sein, der Weg zu Olympia ist ihm versperrt - weil Sportfunktionäre und der Iran es so wollen.

Es könnte romantischer zugehen, als draußen in Mühlburg, im Westen Karlsruhes. Dort übt Saeid Fazloula in einem künstlichen Seitenarm des Rheins täglich für seinen Traum. Er sitzt dann in seinem Kanu und treibt es mit energischen Schlägen vorbei an einer Landschaft, die bei aller Wasser-Anmut von Zweckdienlichkeit bestimmt wird: den Werkshallen und Schloten der Asphaltfirmen, Natursteinehändler, Betonbetriebe.

Fazloula, 28, stammt aus dem Iran, er floh 2015 vor Repressionen des Regimes. Wer ihn heute sprechen hört, mag kaum glauben, dass er sich erst fünf Jahre mit der deutschen Sprache vertraut gemacht hat. Er stockt nicht, er stammelt nicht, er versteht es, sich auszudrücken. Er hat sich bestens integriert, absolviert eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann und hat ein sportliches Zuhause im Kanuclub Rheinbrüder gefunden.

"Wofür machst Du das?"

Doch trotz aller Bemühungen droht Fazloula seinen größten Traum gerade aufgeben zu müssen: den der Teilnahme an den Olympischen Spielen. Kanu-Weltverband und Internationales Olympisches Komitee berufen sich auf Vorschriften, mit dem Ergebnis, dass Fazloula im Prinzip höchstens für den Iran bei Olympia starten dürfte, aber nicht für ein eigens vom IOC vor den Spielen von Rio 2016 kreiertes Flüchtlingsteam oder gar für Deutschland.

Für ihn bahnt sich eines dieser Schicksale an, das Sportlern droht, die solchen Sportfunktionären ausgeliefert sind, die an Wiederwahlen denken statt an Athletenwohl, die funktionieren, statt sich am Wohl junger Leute zu orientieren, die vor totalitären Regimen in die Knie gehen, statt sich für Ideale mit ihnen anzulegen. "Olympia ist für mich mein Traum. Ich paddele, aber zwischendurch frage ich mich: Ja, warum paddelst du?", sagt Saeid Fazloula, "die Fragen kommen halt in meinen Kopf, sind alle offen. Wofür machst du das?"

Schnappschuss vor dem Dom

Sein Schicksal nimmt 2015 seinen Lauf mit etwas, was in einer freien Welt nicht besonders bedeutungsvoll ist: Fazloula lässt sich am Rande der Kanu-Weltmeisterschaften in Mailand knipsen. Nicht irgendwo, nicht vor der Scala, sondern vor dem Dom. Die Behörden seiner Heimat interessiert allerdings nicht der touristische Aspekt der Basilika. Im Land der Mullahs zählte nur, was das Bauwerk verkörpert und was der Schnappschuss damit angeblich symbolisiert: Fazloulas Konvertierung zum Christentum.

Bei der Heimreise wurde er noch am Flughafen Teheran eher unvermittelt einkassiert. "Vor der Tür haben die eine Tüte auf meinen Kopf gemacht, und dann musste ich halt in ein Zimmer reingehen“, sagt er. Vergeblich, so sagt er, habe er versucht, dem Foto jede Aussage über seinen Glauben abzusprechen. "Ich habe gesagt: Nein, ich bin Moslem. Die haben gesagt: Okay, wir haben den Beweis. Hier, dein Bild. Was du gemacht hast – Wechsel der Religion - bedeutet bei uns Todesstrafe. Du kannst dich aus dem Leben verabschieden."

Nur unter strengen Auflagen durfte er in der Folge noch an den Start gehen. Bei einem Start entschied er sich dann für die Flucht über die Balkan-Route.

"Folter, Geständnis, Strafe"

Womöglich hätten viele Menschen das vor einem Monat noch für eine aufgebauschte Erzählung gehalten. Doch die Tragik der Aktualität hat gerade einen zynischen Beweis für die grausamen Verhältnisse in Fazloulas Heimat geliefert: Am 12. September teilte die iranische Justiz mit, der Ringer Navid Afkari sei trotz internationaler Proteste hingerichtet worden, weil er 2018 bei einer Demonstration gegen das schiitisch-islamistische Regime angeblich einen Sicherheitsmitarbeiter getötet habe. Verhandlung und Urteil waren umstritten.

Saeid Fazloula - IOC verwehrt weiter Olympia-Teilnahme Sportschau 27.09.2020 10:11 Min. Verfügbar bis 27.09.2021 Das Erste

Die internationalen Sportorganisationen reagierten zurückhaltend. Das Internationale Olympische Komitee etwa, gefragt, ob es das Land nun von den Spielen ausschlösse, beeilte sich zu versichern, dass das auf keinen Fall drohe. Schon in der Vergangenheit zeigten sich viele Sportverbände eher nachsichtig, wenn iranische Funktionäre auch schon mal auf der großen Bühne Sportler zu politischen Aktionen drängten: Über ein Dutzend Athleten aus dem Iran verzichteten beispielsweise binnen zwei Jahrzehnten lieber freiwillig auf direkte Kräftemessen mit Sportlern aus Israel. Stellte sich die Konstellation bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften, ließen sie sich von plötzlichen Krankheiten befallen oder gaben zuweilen sogar Absicht offen zu. Der Iran erkennt Israel nicht als legitimen Staat an.

Saeid Fazloulas Problem sind ein Haufen nicht koordinierter, zuweilen auch schlampig formulierter Rechtsvorschriften in den Regularien vieler Sportorganisationen bis hinauf zum IOC. Der Internationale Kanuverband nämlich lässt ihn längst problemlos für Deutschland starten, obwohl er zwar anerkannter Flüchtling ist, aber noch keinen deutschen Pass besitzt. Die Dauer seines Aufenthalts reicht den deutschen Behörden noch nicht aus, sein Antrag auf Einbürgerung wurde abgelehnt.

Bei Olympia aber müsste er einen deutschen Pass vorweisen können, um für Deutschland starten zu dürfen. Das IOC sieht für Athleten wie ihn seit vier Jahren ein Flüchtlingsteam vor. Eingeführt 2016 als Reaktion auf die großen Flüchtlingsströme. "Wir wollen damit ein Zeichen der Hoffnung an alle Flüchtlinge auf der ganzen Welt senden", sagte damals der deutsche IOC-Boss Thomas Bach in einem salbungsvollen Lieblingsduktus.

"Politische Dinge"

Bei Fazloula flackerte das Zeichen der Hoffnung allenfalls kurz auf. Er hatte es 2016 auf die Kandidatenliste des Teams geschafft, nicht mehr allerdings auf die Starterliste. "Kurz vor Olympia habe ich einen Anruf bekommen von einem Mitarbeiter des DOSB, der mir nur mitgeteilt hat, Saeid wäre von der Liste wieder runtergenommen worden. Ja, das hätte mit politischen Dingen zu tun, und mehr wüsste er aber nicht“, sagt Detlef Hofmann, in Karlsruhe bei den Rheinbrüdern Fazloulas Mentor und Förderer.

Er ist sich sicher, dass nicht sportliche Leistungen sondern Fazloulas Heimat den Anlass bot: "Für mich steht das ganz eindeutig fest, dass natürlich der Iran da irgendwo im Hintergrund interveniert hat. So nach dem Motto: Das kann nicht sein. Der Iran ist kein Land, aus dem man fliehen muss und da vielleicht den einen oder anderen politischen Druck schon ausgeübt hat."

Der Deutsche Olympische Sportbund hat daraufhin einen zweiten Versuch unternommen und Fazloula für das Flüchtlingsteam in Tokio vorgeschlagen. Dieses Mal tritt der neue Saboteur von Fazloulas Traum offener auf: der Internationale Kanu-Verband ICF. "Er hat Deutschland nun auf internationaler Ebene vollumfänglich vertreten (…)", schreibt der Verband, "dies bedeutet, dass er nach den Statuten der ICF ein sportliches Heimatland hat."

"Nicht möglich ohne iranische Zustimmung"

Nahezu kafkaesk mutet an, was Thomas Konietzko, Chef des deutschen Kanuverbandes und Vizepräsident des Weltverbandes, zum Ausweg für Fazloula benennt: den Iran. "Im Moment müssen wir uns an die Regeln halten, die wir haben“, sagt er, "und da war die Interpretation eben so, dass ein Start für das Refugee-Team nicht möglich ist ohne iranische Zustimmung.“

Der Zynismus, dass der Geflüchtete sich den olympischen Segen bei dem Regime holen soll, vor dem er geflohen ist, entstammt einer Regelungslücke: Bei knapp zwei Dritteln der 33 bei den Sommerspielen vertretenen Weltsportverbände fehlen, wie bei den Kanuten, auch fast fünf Jahre nach Einführung des olympischen Flüchtlingsprogramms klare Regeln für Geflüchtete. Nur zehn Verbände haben bereits feste Startregeln. Im Taekwondo etwa startet Dina Pouryounes seit Jahren international für die Niederlande und bei Olympia im Flüchtlingsteam.

Doch bei Fazloula bilden die ICF-Statuten nur die halbe Wahrheit. Der andere Teil beruht auf einer außergewöhnlichen, ein wenig eigentümlich erscheinenden Sonderexpertise des Verbandes. Während Fazloula nach seiner Flucht über die Balkanroute in Deutschland als Flüchtling anerkannt ist und Zeugen für seinen abenteuerlichen Weg auftreiben kann, bezweifelt die ICF seine Geschichte, die Legitimität seines Status. "Unsere Nachforschungen (…) haben uns zu der Schlussfolgerung geführt, dass Saeid den Iran nach der Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb aus freien Stücken verlassen hat, um in Deutschland zu leben.”

Wer nun glaubt, dass die allmächtige Herrin über die fünf Ringe einen Weg aus dem sportpolitischen Labyrinth weist, der irrt. Auch das IOC sieht sich nicht zuständig für einen Ausweg aus der abstrusen Situation. Die Taktik liegt offenkundig darin, vor allem mögliche Verantwortung zu delegieren. "Der Grund, warum Herr Fazloula im Moment nicht (…) in Frage kommt, ist die fehlende Unterstützung des Internationalen Kanuverbandes (ICF) (…)“, antwortet das Komitee, "sollte die ICF ihre Haltung zu Herrn Fazloula ändern, wäre das IOC natürlich bereit, seine Position zu überdenken."

Es klingt ein wenig, als würde der brave Saeid Fazloula in Karlsruhe sagen: Sollte der Iran eine Demokratie werden, bin ich natürlich bereit, meine Position zu überdenken.

Stand: 27.09.2020, 19:07

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