Die Ethik der Doping-Ärzte

Doping-Symbolbild

Nach weiterer Doping-Razzia

Die Ethik der Doping-Ärzte

Von Hajo Seppelt, Jörg Winterfeldt, Wolfgang Bausch und Anne Armbrecht

Nachdem sich inzwischen mehrere deutsche Ärzte mit Vorwürfen konfrontiert sehen, beim Doping assistiert zu haben, fordern Politiker und Doping-Jäger eine schärfere Bestrafung der Hintermänner der Doping-Netzwerke.

Nach den Vorwürfen gegen einen weiteren deutschen Arzt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen die Anti-Doping-Gesetzgebung hat die Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestags, Dagmar Freitag (SPD), ein Umdenken im Umgang mit Doping-Hintermännern gefordert. Wie zum Beispiel Ärzten.

"Nie wieder den ärztlichen Beruf ausüben"

"Beihilfe zum Doping ist eine Straftat nach dem deutschen Gesetz und das ist für mich zwangsläufig, dass so jemand nie wieder den ärztlichen Beruf ausüben dürfte", sagte die SPD-Politikerin der ARD-Dopingredaktion für Fälle rechtskräftiger verurteilter Ärzte. "Aus meiner Sicht kann das nur zum Entzug der Approbation führen."

Am Dienstag (30.07.2019) vergangener Woche hatten Ermittler in der Nähe von Rosenheim das Haus des deutschen Arztes Ulrich Haegele durchsucht und mehrere Datenträger beschlagnahmt. Der Mediziner steht im Verdacht, Dopingmittel für Spitzenathleten beschafft zu haben.

Schmidt sitzt in Untersuchungshaft

Haegele war von 2006 bis vor Kurzem für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) tätig. Er ist der zweite deutsche Arzt, der im Rahmen der "Operation Aderlass" beschuldigt wird. Im Zentrum der Ermittlungen steht der Erfurter Arzt Mark Schmidt, der seit Ende Februar in Untersuchungshaft sitzt.

Ernsthafte berufliche Konsequenzen hatten überführte Doping-Ärzte in der Vergangenheit allerdings in der Regel nicht zu befürchten. Als etwa 2007 die Doping-Affäre um das Radsportteam Telekom aufkam, wurde gegen die Mannschaftsärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid zwar ermittelt. Auch verloren beide ihre Anstellung an der Uniklinik in Freiburg. Doch praktizieren dürfen die Mediziner bis heute. Ebenso wie viele Ärzte, die zu DDR-Zeiten in das staatliche Dopingsystem verwickelt waren.

Hoffnung auf Lösungen im Regelwerk

Auch deshalb drängt die Politikerin Freitag nun auf härtere Konsequenzen – und erhält Unterstützung von der Nationalen Doping-Agentur (NADA). Bei der NADA hoffen sie auf eine internationale Regelverschärfung. "Aktuell ist ja die Überarbeitung des Welt-Anti-Doping-Codes gegeben, und wir haben da auch nochmal adressiert, dass diese Hinterleute, diese kriminellen Machenschaften im Hintergrund noch stärker sanktioniert werden sollen", sagt der Vorsitzende Lars Mortsiefer dem ARD-Morgenmagazin, "und wir hoffen, dass das Regelwerk auch dahingehend Lösungen findet."

Operation Aderlass: Mediziner soll Dopingmittel beschafft haben Sportschau 03.08.2019 04:40 Min. Verfügbar bis 03.08.2020 Das Erste

Der Jurist Mortsiefer weist zudem auf eine weitere Problematik des bisherigen Anti-Doping-Rechts hin: Sollten Mediziner, die Dopingmittel verabreichen, nicht für sportliche Großveranstaltungen akkreditiert werden, sondern etwa nur in der Heimat Athleten eines Verbandes betreuen, dann treffen Sanktionen bisher nur Athleten.

Hatte mit seinen Aussagen eine Dopingaffäre losgetreten, die nun den deutschen Arzt Ulrich Haegele in den Fokus der Ermittlungen bringt: Johannes Dürr.

Hatte mit seinen Aussagen eine Dopingaffäre losgetreten, die nun den deutschen Arzt Ulrich Haegele in den Fokus der Ermittlungen bringt: Johannes Dürr

"Das Anti-Doping-Regelwerk sieht auch dort vor, wenn dann ein solcher Mediziner bestraft wurde, strafrechtlich, standesrechtlich oder sportrechtlich, ist dem Athleten auch der Umgang mit einem solchen Athletenbetreuer verwehrt", sagt Mortsiefer, "was es aber schwierig macht, weil es im Endeffekt dem Athleten die Pflicht aufgibt, sich zu informieren." Um ganz sicher zu sein, müsste der Athlet sich zum Beispiel ein polizeiliches Führungszeugnis seines behandelnden Arztes zeigen lassen.  

"Irgendwann einen dritten und vierten Fall"

Dass nun ein zweiter deutscher Arzt durch einen Anfangsverdacht in den Fokus der Ermittler geraten ist, hat weder Mortsiefer noch Dagmar Freitag überrascht. "Ich gehe davon aus, dass wir irgendwann einen dritten und vierten Fall haben. Ob jetzt im Kontext der ‚Operation Aderlass‘, das will ich dahingestellt lassen. Aber auch das würde mich jedenfalls nicht überraschen", sagte die Sportausschuss-Vorsitzende. Dopende Sportler seien schließlich auf ein funktionierendes Netzwerk im Hintergrund angewiesen. "Besorgen kann man sich das Zeug noch relativ einfach, da ist man nicht auf einen einzelnen Dealer angewiesen. Aber die sach- und fachgerechte Anwendung liegt in der Regel eben in der Hand eines Arztes."

Folglich müsste man in Zukunft noch genauer auf die Mediziner schauen, die im Spitzensport tätig sind. "Die Verbände haben da eine Aufgabe – und die Politik in ihrem Rahmen natürlich auch." Als Gesetzgeber sei man zuständig, dass Delikte entsprechend geahndet werden können. Darüber hinaus sieht die Politik den Sport in der Pflicht. Allein: Dessen Wille scheint begrenzt. "Es ist so schwierig an alle Beteiligten heranzukommen, weil da natürlich eine Art Schweigegelübde herrscht", sagt Freitag.

Haegele räumt ein: Bedarf an Dopingmitteln sei vorhanden

Bei der Aufklärung sind die Anti-Doping-Kämpfer daher auf Whistleblower angewiesen. Um es denen künftig leichter zu machen, fordert die Sportausschuss-Vorsitzende eine Erweiterung des Anti-Doping-Gesetzes: Eine Kronzeugenregelung soll her. "Ich glaube, das würde uns in der Frage sehr helfen, dass Leute wirklich mal die Karten auf den Tisch legen, und dann bekommen wir auch diejenigen an den Wickel, die dabei helfen, andere zu betrügen."

Auch die "Operation Aderlass" war durch die Aussagen eines Aktiven ausgelöst worden. Der Skilangläufer Johannes Dürr hatte im Januar 2019 in der ARD-Dokumentation "Die Gier nach Gold" selbst Doping gestanden. Später gab der Österreicher gegenüber Ermittlern an, der Erfurter Arzt Mark Schmidt habe ihn beim Blutdoping unterstützt.

Razzien bei der Nordischen Ski-WM

Es folgten Razzien während der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld Ende Februar. Mehrere Personen wurden damals festgenommen. Einige kamen inzwischen wieder frei. Schmidt sitzt weiter in München in Untersuchungshaft. Insgesamt werden 21 Sportler aus acht Nationen belastet, Kunden von Schmidt gewesen zu sein, darunter Leichtathleten, Eisschnellläufer, Skilangläufer, Biathleten und Radfahrer.

Auch den Arzt Ulrich Haegele hat Dürr nun als Zeuge, wie auch sein ehemaliger Cheftrainer Gerald Heigl, belastet, das Blutdopingmittel Epo besorgt zu haben. Der Mediziner weist jegliche Vorwürfe zurück. "Ich habe in meinem ganzen Leben nie EPO-Präparate oder irgendsowas gekauft oder bestellt, und ich hab sie nicht verkauft", sagte er in der ARD. Aber auch der Arzt glaubt sogar, dass ein Bedarf an Dopingmitteln im Umfeld seiner Arbeit durchaus vorhanden war. Auf die Frage, ob er mal angesprochen worden sei, ob er EPO besorgen könne, antwortete Haegele: "Also angesprochen nicht, aber es war sicher irgendwo die Hoffnung da von Leuten."

Stand: 05.08.2019, 18:50

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