Druck im Leistungssport: Diese unendliche Last

Hürden

Sportpsychologie

Druck im Leistungssport: Diese unendliche Last

Von Johannes Doerfert

Leistungssportler sind einem immensen Druck ausgesetzt: Medien, Vereine und Fans erwarten von ihnen Höchstleistungen im Wochentakt. Dieser Druck kann für die Athleten gravierende psychische Konsequenzen haben.

"Ich wollte die Welt einreißen. Ich war extrem unter Druck. Und bis ich entspannt war, hat es fast bis zum Spielende gedauert", erinnert sich Fredi Bobic an sein erstes Bundesligaspiel. Der heutige Sport-Vorstand von Eintracht Frankfurt kennt sich aus mit Druck im Sport – als aktiver Profi erfuhr er ihn in 285 Bundesligapartien, seit drei Jahren nun als Verantwortlicher des hessischen Klubs. Und deshalb weiß er auch: "In der Bundesliga muss sich einiges verändern."

Bobic meint die Strukturen, den Umgang im Leistungssport mit dem Thema Druck. Denn eines ist klar: Zehn Jahre nach dem Suizid von Robert Enke hat sich im Sport noch nicht viel getan auf diesem Gebiet.

Psychologen ja, Psychiater nein

Valentin Markser ist Sportpsychiater und therapierte den depressiven Robert Enke über mehrere Jahre. Früher war er als Handballtorhüter des VfL Gummersbach selber Leistungssportler. Für ihn ist entscheidend: "Ähnlich wie im körperlichen Bereich, wo Sportmediziner und Physiotherapeuten zusammenarbeiten, müssen wir im seelischen Bereich von vornherein sportpsychologisches Training und auch sportpsychiatrische Beratung anbieten." Sportpsychologen würden bereits von sechs Bundesligisten eingesetzt, sie hätten jedoch vor allem die Aufgabe, die Leistung der Athleten zu optimieren. Die Psychiater hingegen würden die seelische Gesundheit der Spieler fördern – eine Facette, die trotz Enkes Suizid bislang kaum im Fokus der Vereine auftaucht. Weder im Fußball noch in anderen Sportarten.

Valentin Markser: "Mentale Stärke ist nicht gleich seelische Gesundheit" Sportschau 28.11.2019 01:49 Min. Verfügbar bis 28.11.2020 Das Erste

Dabei nehmen die Athleten in unserer auf Leistungsfähigkeit getrimmten Gesellschaft eine Sonderrolle ein. Das Wort Leistungssport sagt es ja bereits: Sport zum Zwecke der Leistungserbringung. Und ob die Athleten das erfüllen, wird kritisch und erbarmungslos hinterfragt – von Medien, die am nächsten Tag reißerische Schlagzeilen verbreiten, von Vereinen, die über die Vertragsverlängerung entscheiden – und von Fans.

Schmähgesang gegen einen 18-Jährigen

Ein Negativbeispiel für die unmittelbare Kritik an einem jungen Sportler ereignete sich Anfang November beim Zweitligaspiel zwischen Bochum und Nürnberg. Nachdem Nürnbergs 18-jähriger Torhüter Benedikt Willert aufgrund von Verletzungen der vier ersten Schlussmänner zu seinem Debüt kam und zwei unglückliche Gegentore bekam, schmähten die Bochumer Fans ihn mit dem Gesang "Fünfter Torwart – jeder weiß warum". Bochums Torhüter Manuel Riemann brachte sie schließlich zum Schweigen.

Über die psychologischen Folgen solcher Gesänge lässt sich nur spekulieren, Fakt ist: Von den Fans ist es unfair und unsensibel. Doch es zeigt die Problematik: Das Publikum sieht die Sportler nur als Leistungserbringer. Sie werden inszeniert als kämpferische Helden – Blicke ins Innenleben der Athleten sind äußerst selten.

Mit Druck und Erwartungshaltung umzugehen, das musste auch Frank Stäbler lernen. Der 30-jährige Ringer erinnert sich an seine Situation vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016: "Ich war 2015 Weltmeister geworden und dachte: Wenn du das einmal geschafft hast, läuft alles einfacher. Da habe ich mich unglaublich getäuscht. Vor Olympia habe ich erst diesen gesellschaftlichen Druck gespürt, die Erwartungshaltung meines Umfelds. Das hat mir zu schaffen gemacht." Stäbler wagt in dieser Situation einen Schritt, der noch von wenigen gemacht wird – und sucht sich zur psychologischen Unterstützung einen Mentaltrainer: "Ich wollte mal sehen, ob mir das hilft. Ob ich vielleicht noch ein oder zwei Prozent an Leistung rausholen kann. Im Nachhinein waren es nicht ein oder zwei, sondern zwanzig Prozent."

Frank Stäbler: „Der Leistungssport ist extrem transparent“ Sportschau 28.11.2019 01:44 Min. Verfügbar bis 28.11.2020 Das Erste

Die sportpsychologische Facette erscheint so langsam auf der Agenda von Sportlern und Vereinen – schließlich haben beide ein Interesse daran, die maximale Leistung herauszuholen. Für Sportpsychiater Markser ist das jedoch zu kurz gegriffen: "Alle haben doch ein Interesse daran, dass der Sportler nicht nur seine Wettkampfpersönlichkeit stärkt – und das ist ja die sportpsychologische und mentaltechnische Seite – sondern auch seine Gesamtpersönlichkeit, damit er auch nach der Karriere gesund sein kann und länger aktiv ist." Und dafür brauche es Sportpsychiater, erklärte er vor kurzem am Rande einer Podiumsdiskussion zum Thema Druck im Leistungssport.

Erfolg kann den Druck verstärken

In den Nachwuchsleistungszentren von Fußballvereinen sind Sportpsychiater schon verpflichtend. Denn laut Markser werden die jungen Fußballer schon hier mit dem Druck konfrontiert: "Man vergisst, dass nicht nur Scheitern oder Verlieren seelische Belastung darstellt, sondern auch Erfolg! Verwöhnung im Sinne eines Millionenvertrags für einen 16-Jährigen ist eine Riesennummer, eine Riesenbelastung – das verändert so ziemlich alles." Doch im Profibereich sind Sportpsychiater weiterhin ein Tabuthema.

Dabei haben zahlreiche Sportler bereits über ihre Reaktionen auf die Belastung gesprochen, die in verschiedenen Sportarten unterschiedlich ausfallen: Fußballer Per Mertesacker erzählte 2018 von Brechreiz und Schlafstörungen vor Spielen. Die russische Eiskunstläuferin Julia Lipnizkaja, die mit 15 Jahren Olympiasiegerin wurde, beendete ihre Karriere aufgrund von Magersucht mit gerade einmal 19 Jahren. Diagnose: Anorexia athletica – eine speziell bei Athleten ausgeprägte Krankheit, die vor allem in ästhetischen Sportarten auftritt.

Psychische und physische Gesundheit gleichsetzen

Und zu jenen Krankheiten zählt auch die Depression, jene psychische Krankheit, die sich auch auf die körperliche Leistungsfähigkeit auswirkt. Eine Studie der Uni Leipzig in Schweden und Dänemark zeigte 2018: 17 Prozent der Fußballer in beiden Ländern hatten Symptome einer Depression. Der Wert in der deutschen Gesamtgesellschaft beläuft sich im Laufe eines Lebens zwar auf ein ähnliches Ergebnis – in der Untersuchung zeigten jedoch schon viele junge Spieler Anzeichen für eine Depression.

Und der Druck auf die Athleten nimmt weiter zu: immer mehr Spiele und Wettbewerbe, ein immer engeres Regelkorsett und allgegenwärtige Medienaufmerksamkeit – ein Abtauchen ist für Sportler kaum mehr möglich. Deshalb fordert Sportpsychiater Markser: "Wir müssen so weit kommen, dass eine seelische Belastung genauso behandelt werden kann, wie eine Muskelfaserverletzung oder eine Gelenkkapselverletzung."

Fredi Bobic: "Man kann noch viel mehr machen" Sportschau 28.11.2019 01:13 Min. Verfügbar bis 28.11.2020 Das Erste

Stand: 29.11.2019, 09:51

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