Neues belastendes Material erhärtet ARD-Vorwürfe gegen IWF

IWF-Präsident Tamás Aján

"Geheimsache Doping - Der Herr der Heber"

Neues belastendes Material erhärtet ARD-Vorwürfe gegen IWF

Von Hajo Seppelt, Grit Hartmann, Nick Butler und Jörg Mebus

Der ARD-Dopingredaktion liegt neues belastendes Material gegen den Gewichtheber-Weltverband IWF vor, das die in der Dokumentation "Geheimsache Doping – Der Herr der Heber" getroffenen Aussagen erhärtet.

Dies betrifft auch die Darstellung, wonach der Verbleib von mindestens 5,5 Millionen Dollar aus Zahlungen des Internationalen Olympischen Komitees IOC aus Vermarktungsgewinnen Olympischer Spiele an die IWF ungeklärt ist. Dies bestätigten weitere direkt in die Vorgänge involvierte Funktionäre.

"Wir wissen bis heute nicht, was mit all diesem Geld passiert ist", sagt Michael Cayton. Der Finanzexperte ist ehemaliges Vorstandsmitglied des US-Gewichtheber-Verbandes. Cayton gehörte zu den Beschwerdeführern, die 2011 die Vorfälle rund um zwei Schweizer Bankkonten und das darauf liegende Vermögen, das viele Jahre nicht in den IWF-Jahresbilanzen aufgetaucht war, bei der IOC-Ethikkommission angezeigt haben. Der ARD-Dopingredaktion sagte Cayton: "Der Verbleib von rund fünf Millionen Dollar ist nicht geklärt worden."

Casadei und ein bitteres Fazit

Auch Marino Casadei, der frühere Generalsekretär des Europäischen Gewichtheberverbandes, lässt keinen Zweifel an den damaligen Vorgängen: Tamás Aján, der Präsident der IWF, "hat unsere Fragen nach den Ausgaben von den Schweizer Bankkonten nicht beantwortet; er hat keine originalen Dokumente dazu vorgelegt", sagte er der ARD-Dopingredaktion am Telefon. Casadei gehörte zu einem IWF-internen Prüfkomitee, das die Existenz der Schweizer Bankkonten im Jahr 2009 aufgedeckt hatte und von Aján Erklärungen forderte. Sein Fazit heute: "Wir wissen noch immer nicht, warum dort Millionen fehlten."

Ähnlich hatten sich Antonio Urso, Präsident des Europäischen Gewichtheber-Verbandes und Mitglied im IWF-Vorstand, sowie Christian Baumgartner, der Präsident der deutschen Gewichtheber, in der TV-Dokumentation geäußert. Auch sie hätten IWF-intern nie eine schlüssige Erklärung über den Verbleib dieser Millionen aus den IOC-Zuweisungen an die IWF bekommen.

Verschwundene Millionen Sportschau 04.01.2020 01:32 Min. Verfügbar bis 04.01.2021 Das Erste

IOC kennt Großteil der Dokumente

Die IOC-Ethikkommission hat sich entgegen der aktuellen IWF-Darstellung nie mit dem Fall auseinandergesetzt, eine offizielle Klärung der Vorwürfe gab es nicht. Dies geht auch aus einem 44-seitigen Urteil (CAS2011/A2474) des Internationalen Sportgerichtshofs CAS hervor, der sich im Jahr 2012 mit dem Fall befasst hat. Unter anderem Antonio Urso hatte gegen das IOC geklagt, weil es den Fall nicht an die Ethikkommission gegeben hatte. In dem Urteil heißt es wörtlich: "Der IOC-Präsident (damals Jacques Rogge, d. Red.) weigerte sich, den Fall an die Ethikkommission zu verweisen." Der CAS hatte sich damals in der Sache für nicht zuständig erklärt.

Das IOC ist seit langem in Besitz eines Großteils der Dokumente, die Grundlage des ARD-Films waren. Das gilt für Dokumente in Bezug auf die Vorgänge rund um die Schweizer Bankkonten: Viele waren Bestandteil der Beschwerde von Gewichtheber-Funktionären an die IOC-Ethikkommission im Jahr 2011, die auch der ARD vorliegt. Howard Stupp, damals Direktor in der IOC-Rechtsabteilung, bestätigte in einem Schreiben vom 20. Mai 2011 auch den Empfang dieser Unterlagen. Auch umfangreiche Statistiken unter anderem zu den IWF-Dopingtests bei Gewichthebern weltweit und zu Dopingstrafen gegen Nationalverbände hat das IOC nach ARD-Informationen zugesandt bekommen – im November 2017.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Darüber hinaus wies der Chef der US-Anti-Doping-Agentur USADA, Travis Tygart, erneut darauf hin, dass die Federführung bei der Durchführung der Dopingtests anlässlich der Gewichtheber-WM 2015 in Houston/Texas bei der USADA gelegen habe, nicht bei der ungarischen Agentur HUNADO. Die IWF hatte demgegenüber behauptet, die Kontrollen, aus denen 24 Dopingfälle resultierten, seien in Kooperation mit der von ihr beauftragten HUNADO durchgeführt worden. Tygarts Aussagen werden durch den Inhalt eines Vertrags gestützt. Der Kontrakt, in den die ARD-Dopingredaktion über einen IWF-Insider Einblick erhielt, war für diese WM zwischen der IWF und der USADA geschlossen worden.

Aufgedeckte Dopingfälle auf Arbeit der USADA zurückzuführen

Unter anderem unter Punkt eins des Vertrages wird eindeutig die Aufgabe der USADA definiert: "Im Rahmen dieser Vereinbarung wird die USADA als SCA (Sample Collection Authority/für die Probeentnahme zuständige Behörde, d. Red.) […] die Dopingkontrolldienste bei der Veranstaltung durchführen." Somit ist klar, dass die 24 positiven Dopingfälle vor allem auf die Arbeit der USADA zurückzuführen sind. Auch die IWF selbst rechnet in ihren internen Statistiken, die der ARD ebenso vorliegen, sämtliche Tests während der WM 2015 der USADA zu – und nicht der HUNADO.

Gewichtheben-WM in Houston 2015: Auszug aus Vertrag mit der USADA

Während der WM in Houston 2015 war die US-Anti-Doping-Agentur Federführer bei Dopingtests - wie dieser Vertrag zeigt.

Die ungarische Anti-Doping-Agentur HUNADO widersprach der ARD-Berichterstattung, dass ihre Kontrolleure aus Moldawien Fremdurin mitgebracht hatten. Richtig ist: Bei den Proben von drei moldawischen Gewichthebern, die am 13. Oktober 2014 von den ungarischen Kontrolleuren getestet worden waren, ergab sich im Kölner Doping-Kontroll-Labor Verdacht auf Urinmanipulation. Ein Jahr später, bei der WM 2015 in Houston, flogen dieselben Athleten – Ghenadie Dudoglu, Artiom Pipa und Iurie Bulat – als Doper auf. Da der moldawische Verband beim Weltsportgerichtshof CAS gegen den Houston-Befund vorgehen wollte, untersuchte das Kölner Labor auch ältere Proben dieser drei Athleten und stellte dabei Verdachtsmomente in den Proben von 2014 fest.

In der Dokumentation "Geheimsache Doping - Der Herr der Heber" hatte ein Undercover-Team mit dem moldawischen Mannschaftsarzt Dorin Balmus gesprochen. Dieser gab an, um positive Dopingtests zu vermeiden, sei bei Dopingkontrollen mit Doppelgängern gearbeitet worden. Diese hätten statt der Athleten Urin abgegeben. Kontrolleure seien dafür bezahlt worden, "nicht so genau in den Pass zu schauen".

Stand: 07.01.2020, 18:31

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