Die wichtigsten Fakten zur Hormon-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes

Semenya kämpft gegen Startverbot bei Leichtathletik-WM

Testosteron-Limit

Die wichtigsten Fakten zur Hormon-Regel des Leichtathletik-Weltverbandes

Die umstrittene Regel, die Athletinnen wie Südafrikas Olympia-Siegerin Caster Semenya das Starten verbietet, ist derzeit ein Fall für die Gerichte. Die wichtigsten Infos zur Hormon-Regel.

Was besagt die umstrittene Regel des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF?

Athletinnen, die den Testosteron-Grenzwert von 5 Nanomol pro Liter Blut überschreiten, dürfen bei internationalen Wettkämpfen nur dann starten, wenn sie ihren Testosteronspiegel unter diesen Grenzwert senken. Diese Absenkung bedingt die Einnahme von Medikamenten, die den Testosteronspiegel mindestens sechs Monate vor einem Wettkampf unter den Grenzwert drücken. Von der Regel betroffen sind allerdings nur Läuferinnen der Distanzen zwischen 800 m und einer Meile (1.609 Meter).

Gibt es noch andere Möglichkeiten der Hormonkontrolle als eine medikamentöse?

Ja. Möglich ist auch eine andauernde, irreversible Methode der Absenkung des körpereigenen Hormonhaushalts mittels einer sogenannte Gonadektomie, bei der mitunter vorhandene innenliegende Hoden operativ entfernt werden. Dieser Eingriff wurde beispielsweise bei der ehemaligen Spitzenathletin Annet Negesa aus Uganda durchgeführt.

Wen betrifft die Regel?

Betroffen sind Läuferinnen, die ein X- und ein Y-Chromosom besitzen und damit männliche genetische Merkmale aufweisen, deren Geschlechtsentwicklung allerdings atypisch verläuft und zu sogenannter Intersexualität führt. Dieser Begrifft fasst zahlreiche klinische Phänomene zusammen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Experten gehen davon aus, dass nur etwa eines von 5.000 Neugeborenen entsprechende hormonelle Entwicklungsstörungen vorweist. Die IAAF erwähnt in einer Studie dagegen eine Häufung in der Leichtathletik, sieben von 1.000 Frauen würden dort XY-Chromosomen aufweisen.

Wieso hat die IAAF die Regel überhaupt eingeführt?

Sportlerinnen mit den entsprechenden Merkmalen produzieren vermehrt das männliche Geschlechtshormon Testosteron. Nach Meinung der IAAF resultiert aus einem erhöhten Testosteronspiegel auch ein größeres Leistungsvermögen – eine noch immer umstrittene Aussage.

Sah die Regel immer so aus?

Nein. Die erste Regel für "Frauen mit Hyperandrogenämie“, eingeführt am 1. Mai 2011, galt noch für alle Leichtathletinnen. Der Grenzwert betrug noch zehn Nanomol/Liter. Diese Regel kippte der Internationale Sportgerichtshof CAS im Jahr 2015 nach einer Klage der Sprinterin Dutee Chand. Die Inderin darf heute trotz eines über dem Grenzwert liegenden Testosteronwertes über die Sprintdistanzen an den Start gehen. Die Richter begründeten ihr Urteil unter anderem damit, dass sie Zweifel an der Darstellung der IAAF hätten, dass ein erhöhter körpereigener Testosteronspiegel zu einem unfairen Vorteil führe.

Was tat die IAAF danach?

Sie gab mehrere Studien in Auftrag, die sich genau mit dieser Frage befassten. Das Ergebnis: Der Vorteil liege zwischen 1,8 und 4,5 Prozent, allerdings nur in bestimmten Disziplinen. Also änderte die IAAF ihre Regel und bezog sie nur noch auf Läuferinnen, die auf den Strecken von 400 m bis zur Meile an den Start gehen. Damit war auch 800-m-Olympiasiegerin und -Weltmeisterin Caster Semenya betroffen. Die Südafrikanerin zog gegen die angepasste Regel ebenfalls vor den CAS.

Wie entschied der CAS im Fall Semenya?

In einem der umstrittensten Urteile seiner Geschichte entschied der CAS mit 2:1-Richterstimmen gegen Semenya und für die Hormon-Regel. Der CAS bestätigte sogar, dass die Regel diskriminierend sei, wertete aber den Punkt der Chancengleichheit stärker. Das Urteil stieß weltweit auf Kritik. Sogar der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen hatte sich zuvor gegen die IAAF und für Semenya ausgesprochen.

Warum ist der Fall so umstritten?

Die immer wieder viel diskutierte Kernfrage lautet: Warum wird bei Frauen eine bestimmte natürliche Anomalie reglementiert, andere - immer wieder erwähnt wird etwa die Körpergröße bei Basketballerinnen - dagegen nicht? Darüber hinaus halten Experten Eingriffe in den Hormonhaushalt des Menschen für riskant, Regeln von Sportverbänden rechtfertigten diese nicht. Die IAAF verweist dagegen vor allem auf die Integrität des Frauensports, die es zu schützen gelte.

"Kampf ums Geschlecht - Die verstoßenen Frauen des Sports" Sportschau 27.09.2019 01:00:36 Std. Verfügbar bis 27.09.2020 Das Erste

Stand: 27.09.2019, 11:00

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