Datenskandal belegt ähnliche Fälle wie Semenya

Datenskandal - sensible Informationen zahlreicher Leichtathleten veröffentlicht Sportschau 24.02.2019 06:12 Min. Verfügbar bis 24.02.2099 Das Erste

Leichtathletik

Datenskandal belegt ähnliche Fälle wie Semenya

Von Hajo Seppelt und Edmund Willison

Recherchen der ARD-Dopingredaktion belegen Datenschutzverstöße des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF. Zahlreiche Athletinnen lassen sich identifizieren und medizinischen Daten zuordnen.

Die Daten sind ein wenig versteckt. Es bedarf einer Recherche. Studien, Gutachten, Akten aus Disziplinarverfahren, zuweilen auch in Anhängen finden sich die Informationen. Aber wer sich die Mühe macht, findet in öffentlich zugänglichen Quellen erstaunliche Details, private Daten, medizinische Befunde von einigen der besten Leichtathletinnen der Welt. Zwar werden die Werte nicht direkt namentlich zugeordnet, aber ein Abgleich von Referenzangaben wie erzielten Leistungen, gelaufenen Zeiten, geworfenen Weiten, gesprungenen Höhen erlaubt die Zuordnung und Identifikation der Betroffenen.

Nach Recherchen der ARD-Dopingredaktion hat der Leichtathletik-Weltverband IAAF ermöglicht, dass die Rechte der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya und zahlreicher weiterer Athletinnen, darunter eine Deutsche, verletzt werden: Auch zur wissenschaftlichen Absicherung einer neuen Regel zum Startrecht hyperandrogener Athletinnen von der IAAF erhobene medizinische Daten wurden öffentlich zugänglich gemacht. Sportlerinnen mit abweichender sexueller Entwicklung droht damit, dass intime Details von ihnen, die sich in Studien und Gutachten befinden, publik werden.

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In empörender Weise gleichgültig"

Der Jurist Stefan Brink hat sich auf Datenschutz spezialisiert. Er ist der Experte des Bundeslandes Baden-Württemberg in dem Bereich. Brink sieht einen schwerwiegenden Bruch der Datenschutzregeln. „Da ist ganz offensichtlich unvorsichtig, nachlässig, in empörender Weise gleichgültig mit den Daten von Sportlern umgegangen worden", sagt er der ARD-Dopingredaktion.

Caster Semenya lief im vergangenen September beim Internationalen Stadionfest in Berlin ISTAF die 1000 Meter der Frauen

Caster Semenya lief im vergangenen September beim Internationalen Stadionfest in Berlin ISTAF die 1000 Meter der Frauen

Brink macht den Wert der Schutzvorschriften deutlich, indem er auf die Folgen hinweist: „In bestimmten Ländern dieser Welt ist es so, dass bestimmte Krankheiten oder bestimmte Verhaltensweisen, sexuelle Orientierung oder Unklarheiten bei der Zuordnung zu einem Geschlecht, ein echtes Problem darstellen, dass dort Verfolgungen stattfinden können auf der Basis, sei es von privaten Vereinigungen, sei es auch von staatlichen Stellen und damit sind solche Veröffentlichungen, die gemacht werden, natürlich umso gravierender“.

Demgegenüber erklärt der Weltverband IAAF, die veröffentlichten Daten seien so anonymisiert worden, dass keine individuellen Athletendaten identifiziert werden könnten. Doch einige der Bereiche, in denen die Testosteronwerte liegen, sind so klein, dass die genauen Werte kaum verschleiert werden. Die IAAF erklärt weiter, dass die Studien vor der Veröffentlichung in internationalen Fachzeitschriften Überprüfungsverfahren zum Schutz der Privatsphäre durchlaufen haben.

Dass bei der allgemeinen Suche nach einer abweichenden Geschlechtsentwicklung auf der IAAF-Website auch ein Athletenprofil angezeigt werde, liege an der Generierung der Ergebnisse durch die Suchmaschine "bing". Insofern Daten in Dokumenten aus Disziplinarverfahren enthalten seien, erklärt die Athletics Integrity Unit (AIU), die Betroffenen hätten keine Einwände gegen die Publikation in dieser Form gehabt.

Für den Leichtathletik-Weltverband sind die Vorgänge besonders heikel wegen der Vorgeschichte. Die IAAF ist ein gebranntes Kind durch ihren Umgang mit der Südafrikanerin Caster Semenya, als die 2009 anlässlich der WM in Berlin erstmals auf einer internationalen Bühne auftauchte.

Erstmals auf internationaler Bühne lief Semenya 2009 bei der WM in Berlin. Sofort entbrannte eine Debatte über ihr Äußeres

Erstmals auf internationaler Bühne lief Semenya 2009 bei der WM in Berlin. Sofort entbrannte eine Debatte über ihr Äußeres

Nach Diskussionen über einen extremen Leistungsschub, Semenyas tiefe Stimme und ihren ungewöhnlich muskulösen Körperbau hatten Leichtathletik-Funktionäre dafür gesorgt, dass durch Indiskretionen ein der Athletin verordneter Geschlechtstest öffentlich wurde. Noch bevor die aus einem abgelegenen Dorf stammende, damals 18-Jährige ihren ersten Weltmeistertitel gewinnen konnte, prasselten so Verdächtigungen auf sie ein, sie sei möglicherweise mehr Mann als Frau.

Ohne Eierstöcke und Gebärmutter

Caster Semenya hatte vergangene Woche vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) um die Fortsetzung ihrer Karriere gekämpft. Die IAAF hat im August 2018 eine kontrovers diskutierte Richtlinie verabschiedet, die sogenannte hyperandrogene Athletinnen auf der Basis wissenschaftlicher Studien zu medizinischen Behandlungen zwingt, um ihren natürlicherweise vorhandenen erhöhten Testosteronspiegel zu senken.

Andernfalls dürften diese Frauen, von denen einige keine Eierstöcke und Gebärmutter, aber XY-Geschlechtschromosomen und innenliegende Hoden aufweisen, auf den Strecken zwischen 400 und 1.500 Metern künftig nur noch bei den Männern starten. Semenya klagt dagegen vor dem CAS. Binnen eines Monats wollen die Sportjuristen ein Urteil über die Zulässigkeit der neuen Regel fällen.

Sie geht gegen die neuen Richtlinien des Weltverbandes vor: Caster Semenya vor ihrer Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne

Sie geht gegen die neuen Richtlinien des Weltverbandes vor: Caster Semenya vor ihrer Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne

Um ehrlich zu sein, es geht nicht nur um mich. Ich habe alles erreicht, was ich im Leben brauche”, sagte Semenya neulich bei einem öffentlichen Auftritt bei einem Kongress, „wenn ich diese Sache weitergehen lasse - was passiert dann mit der nächsten Generation? Du weißt, dass es sie auslöscht. Was geschieht mit den jungen Mädchen, die noch laufen wollen, sich aber vielleicht in der gleichen Situation befinden wie ich.”

Abweichende sexuelle Entwicklung

Recherchen der ARD-Dopingredaktion haben ergeben, dass weit mehr Athletinnen betroffen sind, als bisher durch die auf Semenya beschränkte öffentliche Diskussion vermuten lässt. Von neun Athletinnen mit abweichender sexueller Entwicklung, deren Dokumentation die ARD-Dopingredaktion kennt, weisen fünf nahezu exakt identische hyperandrogene Faktoren auf wie Semenya. Bisher sind die weiteren Fälle allerdings öffentlich noch kein Thema gewesen.

Es ist ein kompliziertes Verfahren, das vor allem ethische Fragen berührt. Eine Güterabwägung ist nötig, die sich womöglich niemals gerecht treffen lässt: Welche Eingriffe in die Integrität ihrer Körper, in ihre Beschaffenheit und ihre Entwicklung kann ein Sportverband Athletinnen zumuten, nur um sportlich faire Wettbewerbe zu gewährleisten?

Wie kompliziert sich die Betrachtung selbst im Athletenkreise verhält, belegt der Bewusstseinswandel, den die frühere australische Mittelstreckenläuferin Madeleine Pape der ARD-Dopingredaktion beschrieben hat. 2009 einst schon im Vorlauf der WM krachend an der Dominanz Semenyas gescheitert, erinnert sich die in den USA lebende und Psychologie studierende Pape:

Ich weiß, dass ich mich damals ungerecht behandelt fühlte. Dass sie zu leicht gewonnen hatte und dass die anderen Frauen im Rennen, naja, eine ungerechte Situation hatten, weil sie nicht die Chance hatten zu gewinnen." Nach ihrem Studium hat sie umgedacht: „Für mich zählt, wenn ich sie als Frauen außerhalb des Sports empfinde, dann sind sie für mich auch Frau und Schwester im Sport.“

Die IAAF beteuert, aus Fehlern von 2009 im Umgang mit Semenya gelernt und längst die nötigen Vorkehrungen getroffen zu haben, so dass von ihrer Seite keine sensiblen Daten durchsickern können. „Wir haben völlig andere Durchführungsbestimmungen, als es 2009 gab, und zwar genau so, wie es sein sollte“, hatte der Präsident der IAAF, Sebastian Coe, noch kürzlich in Berlin am Rande eines Besuchs im Bundestag gegenüber der ARD-Dopingredaktion gesagt, „die medizinische Vertraulichkeit muss geschützt werden. Es ist ein absolutes Muss in allem, was wir tun.“

Stand: 24.02.2019, 16:00

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