Coronahilfen Profisport - Fristverlängerung auf dem schwierigen Weg zum Geld?

Einsamer Fan beim THW Kiel neben Pappaufstellern

Topf mit 200 Millionen Euro

Coronahilfen Profisport - Fristverlängerung auf dem schwierigen Weg zum Geld?

Von Marcus Bark

Der Bund stellt 200 Millionen Euro zur Verfügung, um den Profivereinen durch die Coronazeit mit größtenteils leeren Hallen und Stadien zu helfen. Die Klubs bräuchten das Geld dringend, aber der Weg ist schwierig. DOSB-Chef Alfons Hörmann forderte eine Fristverlängerung für die Anträge, das Ministerium erteilte eine Absage.

Die Handball-Bundesliga stieg am Donnerstag (08.10.2020) in den dritten Spieltag ein. Die TSV Hannover-Burgdorf gewann gegen den Aufsteiger HSC 2000 Coburg mit 27:23. In die große Halle auf dem Messegelände in Hannover, die mehr als 10.000 Zuschauer fasst, hätten 2.000 hineingedurft. Es kamen aber nur 1.247. "Wir müssen auch erst wieder für das Zutrauen der Fans sorgen", zeigte Eike Korsen Verständnis für die Zurückhaltung in einer Phase der Pandemie, in der die Infektionszahlen deutlich steigen.

Der Geschäftsführer der TSV Hannover-Burgdorf freute sich vor Corona über etwa 6.700 Besucher im Schnitt bei Heimspielen. Anfang März wurde die Saison unterbrochen, Ende April abgebrochen. Vier Heimspiele hätte die TSV noch bestritten. Es fehlen also die Einnahmen aus dem Verkauf von mehr als 25.000 Eintrittskarten.

Kompensation für entgangene Eintrittsgelder

So ähnlich erging und ergeht es nahezu allen Klubs in Deutschland.  Die Politik hat daher  den Topf "Coronahilfen Profisport" mit 200 Millionen Euro gefüllt, aus dem die Mindereinnahmen abgefedert werden sollen. Vereinfacht sieht das so aus: Jeder Verein aus dem professionellen und semi-professionellen Bereich kann einen Antrag beim Bundesverwaltungsamt (BVA) stellen. Ausgenommen sind die 36 Fußballklubs aus der Bundesliga und 2. Liga.

In diesem Antrag teilen die Vereine dem BVA mit, wie viel Eintrittsgeld sie zwischen dem 1. April und 31. Dezember 2019 eingenommen haben. Demgegenüber stellen sie die Einnahmen aus dem gleichen Zeitraum in 2020, müssen also bis Ende des Jahres Schätzungen vornehmen. Bis zu 80 Prozent einer höchstwahrscheinlichen Differenz können als Coronahilfe aus dem Topf beantragt werden, maximal jedoch 800.000 Euro. Die Frist endet am 31. Oktober 2020.

Unsicherheit und viele Fragen

Die Sportschau schickte mehr als 150 Vereinen aus verschiedenen Sportarten wie Eishockey, Handball, Basketball und Volleyball einen Fragebogen zu den Coronahilfen, auch sämtlichen Drittligisten des Fußballs. Der Rücklauf war mäßig.

DOSB-Chef Hörmann: "Eigentliche Krise kommt 2021 - Olympia in Tokio als Rettungsspiele" Sportschau 08.10.2020 19:18 Min. Verfügbar bis 08.10.2021 Das Erste

Rasta Vechta antwortete - sogar mit konkreten Zahlen. Der Basketball-Bundesligist nahm demnach von April bis Dezember 2019 etwa 1,1 Millionen Euro an Eintrittsgeldern ein. Selbst wenn die nächste Saison der BBL wie geplant im November 2020 startet und Zuschauer zugelassen sein werden, dürfte die Differenz so hoch sein, dass Vechta annähernd die maximale Summe beantragen kann. Im Gespräch mit der Sportschau rechnete Stefan Niemeyer mit etwa 750.000 Euro.

Kosten für Hygienekonzept können nicht geltend gemacht werden

Der Geschäftsführer von Rasta Vechta führte allerdings auch Sorgen aus, die viele Vereine im Zusammenhang mit den "Coronahilfen Profisport" umtreibt. Die Richtlinien, so Niemeyer, ließen an vielen Stellen Fragen offen, führten zu Unsicherheit.  Zudem fehle es an Gerechtigkeit.

Beispiel: In der Rechnung für die Antragstellung ist allein das Eintrittsgeld maßgeblich. Sonderausgaben für die Erarbeitung und Umsetzung des Hygienekonzeptes - etwa mehr Ordner in den Hallen - dürfen nicht geltend gemacht werden. So droht im schlimmsten Fall gar ein Minus, obwohl ein Verein staatliche Hilfen erhalten hat.

Vechtas Boss Niemeyer: Ohne Fans mehr Geld Sportschau 09.10.2020 08:42 Min. Verfügbar bis 09.10.2021 Das Erste

Rein wirtschaftliche Forderung: "Lasst bitte keine Zuschauer zu!"

Niemeyers bittere Schlussfolgerung: "Wenn wir sicher sein könnten, dass wir diesen Zuschuss in voller Höhe bekämen, müsste ich rein aus kaufmännischer Sicht sagen: Lasst bitte keine Zuschauer zu! Das wäre für Rasta Vechta rein wirtschaftlich die günstigste Lösung." Allein schon um die Beziehung zu den Fans nicht zu gefährden, sei das aber keine Option.

Da es so viele offene Fragen zu den alten Richtlinien gab, wandten sich viele Klubs an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Das Antragsverfahren wurde daraufhin zwischenzeitlich gestoppt. Der Dachverband wandte sich mit einem Brief, der der Sportschau vorliegt, an das Bundesinnenministerium.

"Geht inhaltlich an unbürokratischer Unterstützung vorbei"

In der Bitte um eine Überarbeitung legte der DOSB die Probleme der Klubs dar. Es heißt beispielsweise: "Voraussetzung zur Erlangung der Beihilfe ist, dass der beantragende Verein zum 31. Dezember 2019 kein Unternehmen in Schwierigkeiten (…) ist. Der DOSB gibt zu bedenken, dass die allermeisten Vereine keine Unternehmen sind, die auf die Erzielung von Gewinnen abzielen. Das Eigenkapitalkriterium (…) ist deshalb in den meisten Fällen sachlich unpassend."

Oder auch: "Einige Vereine haben zur Linderung akuter Liquiditätsengpässe KfW-Schnellkredite in Anspruch genommen. Diese Kredite müssen zurückgezahlt werden. Gleichwohl sind die KfW-Schnellkredite (…) bei der Gewährung der Coronabeihilfe voll anzurechnen."

Das Fazit des DOSB: "Die aktuell vorliegende Richtlinie geht aus unserer Sicht inhaltlich teilweise an den im Eckpunktepapier enthaltenen Ideen einer unbürokratischen Unterstützung der semiprofessionellen und professionellen Vereine vorbei."

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Bislang nur knapp 15 Millionen Euro abgerufen

Tatsächlich wurden die Richtlinien überarbeitet und Ende September neu veröffentlicht. In einigen Punkten kam die Politik den Vereinen und Verbänden entgegen. So wird nun bei der Berechnung der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage nur das "Coronajahr" 2020 einbezogen. Zuvor wurden Klubs schlechter gestellt, die von Juli bis Juli bilanzieren und daher mögliche Gewinne aus dem ersten Halbjahr 2019/20 einbeziehen mussten. Doch die Klubs sind auch nach den Anpassungen zögerlich.

Auf Anfrage der Sportschau teilte das Bundesverwaltungsamt mit, dass bis Mittwoch (07.10.2020) um 11 Uhr erst 45 Anträge eingegangen seien. Die Summe der beantragten Hilfen lag knapp unter 15 Millionen Euro. "Die Zahlen bestätigen: Es ist für die Vereine sehr schwierig und komplex, und viele Vereine werden davon letztlich kein Gebrauch machen können", sagte DOSB-Chef Alfons Hörmann der Sportschau.

Update: Auf eine erneute Nachfrage der Sportschau hin teilte das Bundesinnenministerium (BMI) mit, dass bis einschließlich Montag (12.10.2020) inzwischen 56 Anträge gestellt worden seien: Beantragte Summe: 16.893.698,27 Euro. Acht der Anträge seien schon positiv beschieden worden. An die entsprechenden Klubs würden insgesamt 3.280.406,62 ausgezahlt, im Schnitt also etwa 410.000 Euro pro Klub. Weiter schreibt das Ministerium: "Weiterhin haben sich bisher 210 Bevollmächtigte (für das Antragsverfahren, d. Red.) akkreditiert. Das BMI geht daher von einer deutlichen Zunahme der Zahl der Anträge und der Bewilligungsbescheide in den nächsten Wochen bis zum 31.10.2020 aus."

DOSB fordert Verlängerung der Frist

Alfons Hörmann verhandelt seit Monaten mit der Politik über die Hilfen und begrüßt sie grundsätzlich als "sehr bedeutend". Allerdings werde wegen der Unsicherheit und der schwierigen Antragstellung "wohl nur ein Bruchteil des gesamten Volumens" von 200 Millionen Euro abgerufen: "Vieles ist greifbar, aber praktisch nicht umsetzbar. Damit wird aus der Corona-Schnellhilfe eben kein wirksames Programm an der Basis."

Hörmann forderte im ausführlichen Interview mit der Sportschau auch deshalb, dass die Frist über den 31. Dezember hinaus verlängert wird: "Der eigentliche Teil der wirtschaftlichen Krise findet nicht im Jahr 2020 statt, sondern wird 2021 auf uns zukommen." Mit Verweis auf die hohe Anzahl der akkreditierten Bevollmächtigten und der daraus resultierenden Erwartung vieler weiterer Anträge erteilte das BMI diesem Wunsch eine Absage: "Für eine Fristverlängerung besteht daher kein Bedarf."

Um auch entgangene Ticketeinnahmen für das Jahr 2021 geltend zu machen, bedürfe eines neuen Beschlusses des Bundestages, so das BMI. Darüber könne die Bundesregierung nicht entscheiden.

DEL braucht mehr Geld, als sie aus dem Topf bekommen kann

Verständnis brachte DOSB-Chef Hörmann für die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) auf, die ihren Saisonstart erneut verschoben hat, weil die Rahmenbedingungen so ungewiss seien und die finanzielle Unterstützung des Staates nicht ausreiche. Selbst wenn jeder Klub der DEL die maximale Hilfe bekäme, wären das nur 14 Mal 800.000 Euro, also 11,2 Millionen Euro. Gernot Tripcke, Geschäftsführer der DEL, hatte schon im September erklärt, dass den Klubs 60 Millionen Euro fehlten, um seriös in eine Saison starten zu können.

DEL-Geschäftsführer Tripcke: "Kein Mensch kann Garantien geben!" Sportschau 02.10.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 02.10.2021 Das Erste

Die Eishockeyklubs werden ihre Spieler für die großen Kader erst dann wieder einstellen oder aus der Kurzarbeit zurückholen, wenn sie mit dem Training beginnen. Das ist ein Unterschied zu anderen Sportarten. In dieser Vielfalt steckt auch eine Schwierigkeit der "Coronahilfen Profisport", die Frank Bohmann als Geschäftsführer für seine Handball-Bundesliga so bewertet: "Sie sind mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, aber sie mildern auch nur die Verluste ab."

Hörmann: "Es brennt an vielen Stellen lichterloh"

Wichtig sei es, das sagte auch DOSB-Chef Hörmann, dass in absehbarer Zeit wieder in vollen Hallen und Stadien gespielt werden könne: "Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Vereinen, dass es an vielen Stellen lichterloh brennt."

Stand: 14.10.2020, 11:00

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