Ermittler: Geschenke gegen Doping-Vertuschungen beim Biathlon-Weltverband

Ehemaliges Führungsduo der IBU: Anders Besseberg und Nicole Resch

Biathlon-Skandal

Ermittler: Geschenke gegen Doping-Vertuschungen beim Biathlon-Weltverband

Von Hajo Seppelt, Nick Butler und Jörg Winterfeldt

Der Biathlon-Weltverband legt seine interne Untersuchung zum Skandal vor. Fazit: Der langjährige Präsident Besseberg und seine Generalsekretärin Resch hätten Russland und seine Athleten systematisch bevorzugt - und davon profitiert.

Über die Jahre hat sich Jonathan Taylor zu einer Art juristischer Allzweckwaffe der internationalen Sportorganisationen entwickelt. Die strukturellen Probleme vieler Sportverbände und ihrer Funktionäre liefern dem Sportjuristen aus London regelmäßigen Nachschub.

Die Mandanten stehen Schlange, damit Taylor bei ihnen Unregelmäßigkeiten aufdeckt, von Amtsmissbrauch über Vetternwirtschaft bis zur handfesten Korruption. Nach Aufträgen vom Welt-Leichtathletikverband "World Athletics" oder der Welt-Anti-Doping-Agentur war der Sportjurist am Donnerstag (28.01.2021) für die Internationale Biathlon-Union vor die Kamera geladen.

Skandal-Analyse der IBU auf 220 Seiten

Thema der virtuellen Pressekonferenz: die Inhalte aus Taylors neuester Skandal-Analyse. Auf 220 Seiten hat er mit seinem Team zu Papier gebracht, inwiefern die 2018 abgesetzte Verbandsspitze um den aus Norwegen stammenden, langjährigen Verbandsboss Anders Besseberg und die damalige deutsche Generalsekretärin Nicole Resch ihre Pflichten schuldhaft verletzt hat.

Korruptions-Skandal im Biathlon: Interne Ermittlungen liefern Beweise Mittagsmagazin 28.01.2021 02:14 Min. Verfügbar bis 28.01.2022 Das Erste

Seinen Bericht hält Taylor für exemplarisch: "Wir denken, dass es auch für andere Sportarten nützlich wäre, ihn zu lesen, um zu verstehen, was passiert, wenn man schlechte Kontrollen der Verbandsführung hat, keine Amtszeitbeschränkungen hat, wenn Präsidenten und die Spitze des internationalen Verbandes nicht davon abgehalten werden, volle Macht auszuüben, ohne richtige Transparenz, ohne richtige Kontrollen."

Norwegische Polizei ermittelt auch gegen ehemaligen IBU-Präsidenten

Im Ergebnis enthält das Konvolut "Beweise für systematisches, korruptes und unethisches Verhalten an der Spitze der IBU ein Jahrzehnt lang (2008 bis 2018) und mehr". Taylor hat mit seinen Leuten dafür laut eigener Darstellung 70.000 Dokumente durchgearbeitet und 60 Zeugen gehört. Die beiden Beschuldigten lehnten eine Befragung durch die Kommission ab.

Allerdings konnte Taylor offenbar für den Bericht auf das Ermittlungsmaterial der österreichischen Strafverfolger und im Falle Bessebergs auch auf die Erkenntnisse der norwegischen Wirtschaftskriminalität- und Korruptionsermittler von "Økokrim" zurückgreifen, darunter Vernehmungsprotokolle.

Offenbar auch abgehörte Telefongespräche, die vermutlich aus rechtlichen Gründen in Deutschland nicht veröffentlicht werden, indem sie geschwärzt wurden. Die polizeilichen Ermittlungen laufen unabhängig von der verbandsinternen Untersuchung in Wien und Oslo weiter.

Ex-IBU-Präsident Besseberg im Fokus der Anschuldigungen

Insbesondere die Vorwürfe gegen den Gründungspräsidenten des Biathlon-Weltverbandes haben es in sich. "Anders Besseberg bevorzugte und schützte konsequent russische Interessen in praktisch allem, was er tat", heißt es in der Taylor-Untersuchung. Statt etwa gegen seinen russischen Vizepräsidenten Alexander Tichonow vorzugehen, habe er ihn unterstützt, als Tichonow von einem russischen Gericht schuldig gesprochen worden ist, zu den Hintermännern eines versuchten Mordanschlags auf den Gouverneur eines Verwaltungsbezirks gehört zu haben.

Bestechungsvorwürfe gegen Tichonow habe er ebenfalls nicht untersuchen lassen. Taylors Leute haben auch "umfangreiche Zuwendungen der Russen an Herrn Besseberg festgestellt, insbesondere in Form von kostenlosen Jagdausflügen und den Diensten von Prostituierten".

Uhren-Geschenke und Jagdeinladungen

Bei diversen Funden im Zuge von Durchsuchungen haben sich weitere Verdachtsmomente auf Korruption feststellen lassen. "Die Polizei beschlagnahmte außerdem dreizehn Uhren in der Wohnung von Herrn Besseberg", schreibt Taylor im Bericht, "vier davon stammten von bestimmten Sportveranstaltungen, die anderen neun Uhren waren Luxusmarken wie RAM (2), Omega Broad Arrow, Ulysee Nardin (2), Huboldt Geneve, Poljot und zwei unbekannte Marken."

Wenigstens eine Uhr sei ein Geschenk von Tichonow gewesen. Besseberg habe auch gegenüber der Polizei bestätigt, dass er verschiedene Jagd- und Angeleinladungen sowie Trophäen von russischen Beamten erhalten hatte, darunter Einladungen zur Jagd in Chanty-Mansijsk (drei bis vier Mal) und Tjumen (zwei bis drei Mal). Und er habe eingeräumt, nie für die Ausrüstung, Unterkunft oder Trophäen im Rahmen dieser Reisen bezahlt zu haben.

Besseberg soll WADA belogen und Russland bevorzugt haben

Olympiasieger Jegenij Ustjugow

Soll trotz auffälliger Blutwerte startberechtigt geblieben sein: Biathlet Jewgenij Ustjugow.

Im Gegenzug habe er zur Not auch mal zugunsten der Russen die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) belogen oder seinen Vorstand hintergangen. An aktiver Dopingverfolgung im Allgemeinen, bei Russen im Besonderen, sei er nie interessiert gewesen. Als Russland aufgrund des systematischen Staatsdopings keine Großwettbewerbe mehr ausrichten sollte, habe Besseberg dafür gesorgt, dass Tyumen in Russland trotzdem eine WM bekam.

Außerdem seien beträchtliche Mengen Bargeld in unterschiedlichen Währungen bei ihm gefunden worden, aber nur selten Abhebungen von seinen laufenden Konten. "Er bestreitet jegliche Bestechung oder andere unlautere Interessen", sagt Taylor, "aber es gibt genügend Beweise, und wenn man diese Schlüsse ziehen wollte, könnte man das tun."

Auch Generalsekretärin Resch soll beteiligt gewesen sein

Bei Resch gehen die Vorwürfe in eine ähnliche Richtung, allerdings abgeschwächt. Auch sie bestreitet offenbar jegliches Fehlverhalten. Sie habe anfangs sogar versucht, sich Besseberg zu widersetzen. Gleichwohl habe auch sie Reisen unternommen, etwa nach New York und zwei Mal nach Moskau, für die sie Urlaub bei der IBU eingereicht, aber trotzdem nie privat gezahlt habe.

Ermittler: Resch unterstützte gedopte Athleten

Auch habe sie Geschenke erhalten, exklusive Weine, Essenseinladungen. Im Gegenzug listet der Bericht Verfehlungen auf, die Resch angelastet werden: So finden sich sogar Fotos von einer Epo-Spritze mit Blutrückständen, die bei einem Weltcup gefunden worden seien, ohne dass Resch jemals versucht habe, sie einem Athleten zuzuordnen.

Als der Kanadier Jim Carrabre aus der Medizinischen Kommission allzu skeptisch nachfragte, habe sie die Kritiker kurzerhand bloßgestellt und isoliert. Insbesondere den Russen Evgeniy Ustyugov habe sie trotz auffälliger Blutwerte in Sotschi bei Olympia 2014 starten lassen. Und bei drei wegen Dopings aufgeflogenen russischen Athletinnen aus der Sotschi-Staffel, sagt Taylor, "arbeitete sie undercover, nachdem die ihren Prozess verloren hatten, um diese drei Biathletinnen zu unterstützen und ihnen zu helfen, indem sie ihnen strategische und andere rechtliche Ratschläge gab". 

Stand: 28.01.2021, 11:20

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