Kritik an Testosteronregel in der Leichtathletik

Podium der 800 Meter der Frauen in Rio 2016

Report von Human Rights Watch

Kritik an Testosteronregel in der Leichtathletik

Nötigung, risikoreiche, medizinisch unnötige Eingriffe, kompromittierte ärztliche Ethik – ein neuer 128-Seiten-Bericht von Human Rights Watch sowie neue interne Menschenrechtsempfehlungen des IOC bringen den Leichtathletik-Weltverband in Bedrängnis.

Die Anklageschrift folgt einem wissenschaftlichen Aufbau. Sie ist übersichtlich gegliedert. Und jeder Vorwurf ist durch Zeugenaussagen belegt. Auf 128 Seiten haben die Menschenrechtsexperten von Human Rights Watch dokumentiert, welche Folgen die Testosteronregel des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics für betroffene Athletinnen hat. Heruntergebrochen haben sie ihre Erkenntnisse auf einen prägnanten Satz einer betroffenen Athletin, mit dem die Human-Rights-Watch-Experten den Report überschrieben haben, den sie an diesem Freitag (04.12.2020) der Öffentlichkeit vorstellen: "Sie vertreiben uns aus dem Sport."

Parallel droht World Athletics, vom Internationalen Olympischen Komitee in die Zange genommen zu werden. Der Weltverband darf sich von einem am Mittwoch veröffentlichten IOC-Empfehlungspapier von unabhängigen Menschenrechtsexperten angesprochen fühlen, ohne darin namentlich erwähnt zu sein. Sollte das mächtige Komitee den Empfehlungen tatsächlich folgen, wird es Verbänden an den Kragen zu gehen, die mit ihren Vorschriften Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen.

Für den Human-Rights-Watch-Bericht haben die Rechercheure in 18 Monaten 13 betroffene Athletinnen interviewt, deren Aussagen sie im Bericht anonymisiert wiedergeben, sowie zwei Trainer gesprochen. Anhand der Gespräche zeichnen sie ein Bild, das die ganze Tragweite des Regelwerks offenlegen soll. Bislang hat sich das öffentliche Interesse in erster Linie auf die Südafrikanerin Caster Semenya konzentriert. Sie musste ihre intimsten Details schon als junge Frau beim internationalen Durchbruch während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin an die Öffentlichkeit gezerrt sehen. Dass Funktionäre seinerzeit untersuchen ließen, ob die junge Wunderläuferin überhaupt Frau genug ist, um in weiblichen Wettbewerben zu starten, geriet durch Indiskretionen zum öffentlichen WM-Thema.

Human Rights Watch erhebt Vorwürfe gegen Leichtathletik-Verband Mittagsmagazin 04.12.2020 02:14 Min. Verfügbar bis 04.12.2021 Das Erste Von Jörg Winterfeldt/Hajo Seppelt

Caster Semenya ISTAF Berlin

Caster Semenya beim ISTAF Meeting in Berlin 2018.

Das strittige Reglement von World Athletics wendet sich an Athletinnen, die laut WA-Definition einen Unterschied in der sexuellen Entwicklung (DSD) aufweisen, also deren zirkulierender Testosteronspiegel im Serum fünf nmol/L oder mehr beträgt und androgensensitiv ist. Diese Regeln, heißt es jetzt in dem Human-Rights-Watch-Bericht, führten zu "risikoreichen, medizinisch unnötigen Eingriffen", "kompromittierter ärztlicher Ethik", "Nötigung", "Diskriminierung", "Schikanierung und Ächtung von Athletinnen", "öffentlicher Demütigung".

Human Rights Watch: "Regelungen sofort aufheben“

Human Rights Watch knöpft sich für gewöhnlich Staaten vor. Die Menschenrechtler legen sich mit totalitären Regimen an, sie kämpfen für unterdrückte Menschen in China oder Saudi-Arabien. "Ziel dieses Berichts ist, die Geschichten der unzähligen Frauen zu erzählen, die unter diesen Regelungen leiden, und World Athletics aufzufordern, die Regelungen sofort aufzuheben", sagt Kyle Knight, bei Human Rights Watch in New York für den Bericht verantwortlich. "Wichtigstes und dringendstes Ziel ist, das Internationale Olympische Komitee aufzufordern, öffentlich unmissverständlich zu sagen, dass Regelungen wie diese keinen Platz im modernen Sport haben."

Dass weit mehr Frauen betroffen sind und der südafrikanische Star Semenya in den Möglichkeiten ihrer Wehrhaftigkeit zudem einen Ausnahmefall insofern darstellte, dass sie durch die großen Erfolge gleich auf namhafte Unterstützer und Sponsoren zählen konnte, belegt nun der neue Bericht. Alle betroffenen Frauen stammten von der Südhalbkugel, größtenteils aus finanziell schwächeren Verhältnissen. Im vergangenen Jahr hatte bereits die ARD-Dokumentation "Kampf ums Geschlecht" das tragische Schicksal der aus Uganda stammenden Läuferin Annet Negesa dargestellt. Sie hatte sich auf fachliches Anraten einer Operation zur Entfernung innenliegender Hoden unterzogen, ohne genau verstanden zu haben, worum es dabei ging oder welche körperlichen Folgen das mit sich bringen könnte.

Jetzt haben zahlreiche andere Sportlerinnen Human Rights Watch aus ihrer ganz persönlichen Sicht ihre Erfahrungen mit Prozeduren aufgrund der Testosteronregel geschildert. "Ich wollte es wissen. Ich wollte die Ergebnisse wissen. Es ist gut, sich selbst zu kennen. Ich wollte wissen, wer ich bin. Warum testen sie mich? Sie testen keine anderen Mädchen...", zitiert der Bericht eine Athletin. "Ich wollte wissen, warum sie mich ins Krankenhaus gebracht und mir die Kleidung ausgezogen haben. Ich wollte es wissen, aber sie haben mir diese Antwort nicht gegeben. Während der Zeit, in der ich zur Schule ging, habe ich also keine guten Leistungen erbracht. Ich wollte wissen, wer ich bin." Solche, ganz subjektiven Empfindungen nutzt der Bericht immer wieder, um seine Forderungen zu belegen.

Stand: 04.12.2020, 13:00

Darstellung: