Überraschender Deal mit Ajan: IWF ernennt Ex-Präsidenten zum "Botschafter"

Tamás Aján

Trotz Vorwürfen und laufender Emittlung

Überraschender Deal mit Ajan: IWF ernennt Ex-Präsidenten zum "Botschafter"

Von Nick Butler, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

In der vergangenen Woche trat Tamás Aján nach 20 Jahren als Präsident des Gewichtheber-Weltverbandes auf Druck des IWF-Vorstands zurück. Nun kommt heraus: Die beiden wichtigsten Exekutivmitglieder handelten im Alleingang mit Aján einen überraschenden Deal aus.

Der Gewichtheber-Weltverband IWF macht im Zuge des Rücktritts von Tamás Aján überraschende Zugeständnisse an seinen langjährigen Präsidenten. Aján (81), der sein Amt nach 20 Jahren an der Spitze des Verbandes infolge der ARD-Dokumentation "Der Herr der Heber" auf Drängen des IWF-Vorstands niedergelegt hat, soll dem Gewichtheben als "Botschafter" erhalten bleiben – trotz laufender Ermittlungen und schwerer, bislang nicht widerlegter Vorwürfe. IWF-Generalsekretär Mohammed Jaloud bestätigte der ARD-Dopingredaktion, dass Aján den Ehrentitel tragen dürfe. Zudem soll Aján nach ARD-Informationen eine Abfindung in unbekannter Höhe erhalten.

Die Exekutive hat in der vergangenen Woche zugestimmt, dass Aján gemeinsam mit seinem Anwalt die Voraussetzungen für seinen Rücktritt aushandeln durfte, und zwar ausschließlich mit Generalsekretär Jaloud (Irak) und Interimspräsidentin Ursula Papandrea (USA), denen der Vorstand in dieser Sache alleinige Entscheidungsbefugnis erteilte. Zahlreiche Forderungen Ajáns lehnte das Duo angeblich ab, eine davon war eine Garantie für den Fortbestand des von Aján kontrollierten IWF-Büros in Budapest bis mindestens Ende kommenden Jahres. Doch den Kompromiss mit dem Botschafter-Titel gingen Papandrea und Jaloud ein. "Wir haben ihn zum Ehrenbotschafter ernannt, weil er seit 50 Jahren für die IWF tätig war", sagte Jaloud.

"Eine ganz schlechte Komödie"

Diese Entscheidung rief auch in der Exekutive Unverständnis hervor. "Das ist sehr enttäuschend, vor allem, weil noch eine Untersuchung gegen Aján läuft. Und weil er dem Gewichtheben so sehr geschadet hat", sagte das russische Vorstandsmitglied Maxim Agapitow der ARD. Christian Baumgartner, der Präsident des deutschen Gewichtheber-Verbandes BVDG und seit Jahren Aján-Gegner, bezeichnete den Vorgang als lächerlich: "Ich kann das nur sehr schwer ernst nehmen. Das ist eine ganz schlechte Komödie."

Interimspräsidentin Papandrea, die Ende Januar zunächst für den Zeitraum einer Untersuchung der in der ARD-Doku nachgezeichneten Verdachtsmomente durch den kanadischen Ermittler Richard McLaren eingesetzt worden war, hatte den Rücktritt Ajáns durch eine Umfrage innerhalb der 21 Personen umfassenden Exekutive forciert. Die Mehrheit der Vorständler sprach sich darin für einen Ausschluss des Ungarn aus, woraufhin Aján den Rücktritt einreichte. In einem Interview mit der Deutschen Welle behauptete er nun, sein Rücktritt sei aus freien Stücken erfolgt. "Ich wollte nicht noch ein Jahr dranhängen. Ich habe der jungen Generation die Tür geöffnet, damit sie die IWF übernehmen kann."

Noch keine Gegenbeweise von Aján

Papandrea hatte Aján kurz vor der Abstimmung im Vorstand noch schwere Vorwürfe gemacht. Der Ungar habe sie bei einem unangekündigten Besuch in der Verbandszentrale in Budapest massiv bedroht. Zudem habe er unerlaubte Geldüberweisungen veranlasst, trotz vorübergehender Suspendierung als IWF-Repräsentant an Konferenzen des Internationalen Olympischen Komitees teilgenommen und McLarens Ermittlern den uneingeschränkten Zugang zu den Verbandscomputern verweigert. Warum Papandrea und Jaloud gegenüber Aján überhaupt kompromissbereit waren, ist unklar. Zumal Aján bislang keinen der Verdachtsmomente gegen ihn nachhaltig ausräumen konnte. Der ARD warf er im Interview mit der Deutschen Welle mit Blick auf die Dokumentation lediglich pauschal "fake news" vor, ohne ins Detail zu gehen. 

Das Team des kanadischen Rechtsprofessors McLaren, das durch seinen Beitrag zur Aufklärung des russischen Staatsdopingskandals 2016 weltweit für Aufsehen gesorgt hatte, sollte eigentlich innerhalb von 90 Tagen bis Mitte April die in der ARD-Doku erhobenen Vorwürfe (u.a. Vetternwirtschaft, Dopingvertuschung und Korruption) aufarbeiten. Die Frist wurde wegen der Corona-Krise verlängert. Nun soll der Bericht am 4. Juni veröffentlicht werden.  

Stand: 22.04.2020, 14:54

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