Der deutsche Triathlon-Meister, der keiner ist

Triathlon: Deutscher U23-Meister kürzt ab

Finals Berlin 2019

Der deutsche Triathlon-Meister, der keiner ist

Von Wigbert Löer, Jörg Winterfeldt, Josef Opfermann und Hajo Seppelt

In Lausanne startet heute die Triathlon-WM. Im Saarland sitzt Tim Hellwig, seit einigen Wochen deutscher U23-Meister. Hellwig trägt diesen Titel zu Unrecht. Hier sagt er warum.

Das T-Shirt ist schwarz, weiße Schrift, vier Worte: "Alles geben, nichts nehmen." Es ist die Botschaft der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA). Wladimir Klitschko hat sie in einer Kampagne vertreten, Anni Friesinger, Jonas Reckermann und Hans Sarpei. Weltmeister, Olympiasieger, ein Fußballprofi von Schalke 04. Und nun auch ein junger Triathlet. Tim Hellwig, 20 Jahre alt, Kaderathlet. Deutscher U23-Meister.

Tim Hellwig hat sich bei einer Plakataktion der NADA auch ein anderes Statement zu eigen gemacht: "Damit ehrliche Leistung belohnt wird." Was bislang nur in Triathlon-Kreisen bekannt ist: Derselbe Tim Hellwig hat die Regeln verletzt. Er ist deutscher U23-Meister der Triathleten, dürfte es aber eigentlich gar nicht sein. Sein Verband, die Deutsche Triathlon Union (DTU), ließ das über Wochen unerwähnt.

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Der Vorfall an der Boje

4. August 2019, die Finals in Berlin, deutsche Meisterschaften in insgesamt zehn Disziplinen. Bei den Triathleten starten Profis und Nachwuchs gemeinsam. Das Feld ist noch gut beisammen, als es sich der ersten Boje nähert. Hellwig, gestürzt vor dem Reinspringen, holt auf. Er schwimmt links, mit silberfarbener Kappe.

Triathlon: Deutscher Juniorenmeister Tim Hellwig kürzt ab Sportschau 29.08.2019 00:13 Min. Verfügbar bis 29.08.2020 Das Erste

Es ist voll, es spritzt, es wird hektisch, als die kraulenden Schwimmer nach links ziehen, um die gelbe Boje zu umkurven. Hellwig, das zeigen die Fernsehbilder, gerät dabei weit nach links. Zwischen der Boje und dem Feld ist kein Platz, keine Lücke, um zügig hindurch zu kraulen. Direkt vor der Streckenmarkierung taucht der Athlet ab - und etwas weiter links wieder auf. Damit hat er die Boje rechts liegen lassen. Er hat abgekürzt. Zügig krault Hellwig weiter.

Nach 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometern auf dem Rad und einem Fünf-Kilometer-Lauf liegt Hellwig, der für den saarländischen Verein DJK SG St. Ingbert startet, am Ende in der U23-Wertung auf Platz eins. Johannes Vogel, der in Potsdam trainiert, wird nur Zweiter. Protest legt niemand ein.

"Eine Sache, die halt nicht in Ordnung war"

An diesem Donnerstag (29.08.2019) beginnt die Triathlon-WM in Lausanne. Hellwig ist nicht in die Schweiz gereist, er ist verletzt. Wie hat er selbst den Wettkampf um die deutsche Meisterschaft in Berlin erlebt? Die ARD-Dopingredaktion erreichte ihn im Saarland.

"Ich bin nie mit der Einstellung reingegangen, vor der ersten Boje, da tauchst du schnell ab", sagte Hellwig. Vor der Boje, wo auch noch ein gelbes Surfbrett mit einer Frau von der DLRG darauf schwamm, habe er dann überlegt, wie er da jetzt noch drum herum komme. "Dann bin ich eben runter und habe die Boje gesucht."

Dass er tauchte, abkürzte und damit betrog, blieb an jenem Finalsonntag nicht unbemerkt. Hellwig selbst sagt, ihm sei es erst am Abend im Hotel klar geworden. Mit dem Teamleiter und Mannschaftskollegen sprach er da noch einmal über das Rennen und auch über die kritische Situation an der Boje. Sie schauten daraufhin gemeinsam in der Mediathek des ZDF die Fernsehbilder an. "Dann habe ich auch gesehen, dass das ja wirklich ein Abkürzen von mir war. Eine Sache, die halt nicht in Ordnung war. Ein Fehler."

Ein Blogger bricht das Schweigen

Tim Hellwig sagt, er habe noch am Abend dem Drittplazierten geschrieben, dass es ihm leid tue. Am nächsten Morgen habe er sich beim Vizemeister Johannes Vogel entschuldigt. "Ich habe ihm gesagt, dass ich dafür hätte disqualifiziert werden müssen." Und als sich am nächsten Morgen auch noch der Bundestrainer Faris Al-Sultan meldete, habe er auch diesem gesagt, "dass er mich auf jeden Fall disqualifizieren kann". Danach allerdings sei dann "nicht mehr darüber geredet" worden.

Der Triathlon-Blogger Niclas Bock berichtete vergangenes Wochenende zuerst über den Fall Hellwig. Für Bock ist es eher ein Fall Deutsche Triathlon-Union. Er warf dem Verband Untätigkeit vor. Wettkampfrichter habe man etwa bei der Boje positionieren müssen. "Ergänzend dazu muss es eine Möglichkeit geben, dass auch aufgrund von vorliegendem Bild- und Videomaterial nachträglich noch Regelverstöße mit der angemessenen Sanktion belegt werden können."

"Versuchen, daraus zu lernen"

Nachträglich. Damit spielt der Blogger Bock auf die Sportordnung der DTU an. Darin heißt es: "Sind alle Teilnehmer im Ziel, wird das vorläufige Ergebnis durch Aushang bekanntgegeben. (…) Ab dieser Bekanntgabe haben alle Athleten die Möglichkeit, das vorläufige Ergebnis 30 Minuten auf seine Richtigkeit zu überprüfen und Protest hiergegen einzulegen. Ein Protest nach Ablauf der Frist ist unzulässig."

Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin gingen in der halbstündigen Protestfrist keine Beschwerden ein. Damit erklärt die DTU-Spitze, dass Tim Hellwig weiterhin deutscher Meister ist. Der Verband habe auch erst nach Ablauf der 30 Minuten von dem Vorfall erfahren, sagte die DTU-Sprecherin Eva Worthmann der ARD-Dopingredaktion. Man habe dann das Gespräch mit den Kampfrichtern gesucht und mit dem Athleten. Und man habe überlegt, wie solche Vorkommnisse in Zukunft zu vermeiden seien. "Fehler passieren, die werden auch in Zukunft passieren", sagte die Sprecherin, "aber als Verband versuchen wir natürlich, daraus zu lernen."

Kritik am Verband

Die DTU hätte den absurden Sachverhalt selbst öffentlich machen können, sobald sie davon erfahren hatte. Das hat sie nicht getan. Sie hat stattdessen unfaires Verhalten gedeckt und letztlich die Integrität des sportlichen Wettbewerbs nicht geschützt. Dabei ist genau das der Kern ihrer Aufgabe.

Mancher Beobachter kann das nicht nachvollziehen. Paul Lambertz, Anwalt für Sportrecht in Düsseldorf, spricht der ARD-Dopingredaktion gegenüber von "mehr oder weniger Totschweigen". Dass der Bundestrainer Faris Al-Sultan involviert war und dennoch nichts kommuniziert wurde, hält Lambertz für falsch. "Spätestens wenn der so etwas mitbekommt, dann muss man doch sagen: Hier ist ein Fehler passiert. Wir können es nicht mehr gerade ziehen, aber hätten wir das gesehen, wäre der Athlet disqualifiziert worden." Michael Lehner, Anwalt für Sportrecht aus Heidelberg, sieht das ähnlich. "Der Verband muss in solch einem Fall aktiv werden, muss die Situation erklären", sagt Lehner.

Verschiedene Sichtweisen

Der Fachanwalt Lambertz weist auch darauf hin, dass die 30-Minuten-Einspruchsfrist laut Sportordnung ja nur für die Athleten gelte. "Ich sehe aber nicht darin, dass diese 30 Minuten auch für den Verband gelten." Die DTU selbst hätte demnach einschreiten können bei der deutschen Meisterschaft, die per Abkürzung errungen wurde.

Hier ist der Sportrechtler Michael Lehner anderer Auffassung. Auch er sieht in der Aktion an der Boje eine Regelverletzung, die aber eben erstmal nicht entdeckt worden sei. Und es habe auch keinen Protest gegeben. "Das muss man dann eben hinnehmen", sagt Lehner. "Sonst müsste man ja nach jedem Rennen etliche Regelverstöße nachträglich ahnden. In den Wettbewerben, in denen die Windschattenregelung gilt, kommt es zum Beispiel oft zu etlichen solchen Verstößen."

Der deutsche U23-Meister selbst lässt durchblicken, dass er damit einverstanden gewesen wäre. "Ich geh‘ in ein Rennen rein und will den Gegner fair schlagen und nicht irgendwie mit unerlaubten Mitteln", sagt Tim Hellwig. Als Meister fühle er sich ohnehin nicht. "Ich habe mir an der ersten Boje den ganzen Titel, das ganze Rennen kaputt gemacht." Den Pokal, den er bei den Finals überreicht bekam, hat er in einer Schublade verstaut.

Stand: 29.08.2019, 14:49

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