Vorwurf der Mauschelei: Sanfte Sperre für Schwedin Bahta

Läuferin Meraf Bahta aus Schweden gesperrt

Leichtathletik

Vorwurf der Mauschelei: Sanfte Sperre für Schwedin Bahta

Von Hajo Seppelt und Shea Westhoff

Bei der Leichtathletik-EM 2018 verpasste 10.000-Meter-Läuferin Alina Reh den Sprung aufs Podium knapp hinter Meraf Bahta. Doch die Schwedin verstieß mehrfach gegen Anti-Doping-Auflagen. Ihr Verfahren wurde erst lange verschleppt, nun wohlmeinend abgeschlossen: Ihre EM-Bronzemedaille darf Bahta behalten.

Alina Rehs Hoffnungen auf die nachträgliche Bronzemedaille haben sich zu Beginn der Woche erledigt. Im August des vergangenen Jahres lief die Ulmerin bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin über 10.000 Meter auf dem undankbaren vierten Platz ein, knapp hinter der Schwedin Meraf Bahta. Doch bei der Kontrahentin kamen erhebliche Unregelmäßigkeiten ans Licht: Mehrmals hatte sie zuvor gegen Anti-Doping-Auflagen verstoßen. Es war unklar, ob ihr die Medaille überhaupt zusteht.

Zwar wurde Bahta am Montag vom obersten Sportrat in Schweden rückwirkend für ein Jahr von allen Wettkämpfen ausgeschlossen. Doch die Sanktion wirkt seltsam wohlmeinend mit der Übeltäterin, fügt sie sich doch so elegant in den Terminkalender, dass kaum noch ein wirklicher Strafcharakter erkennbar bleibt: Die Laufzeit der Sperre setzte ausgerechnet am eher willkürlich gewählt wirkenden Datum des 1. September 2018 ein – also unmittelbar nach dem EM-Finale in Berlin. Bahta darf dadurch nicht nur ihre EM-Bronze-Medaille behalten, sie könnte auch bei der WM in Doha in diesem Jahr starten.

Damit steht endgültig der Verdacht im Raum, die Schweden hätten eine ihrer Medaillenhoffnungen protegiert. Zahlreiche Experten hatten im vergangenen Jahr bereits moniert, dass Bahta überhaupt starten durfte, schließlich datierte ihr letzter Verstoß von Ende Mai. Angesichts eines nahenden Großereignisses wäre ein beschleunigtes Verfahren zum Schutz der Integrität des Wettbewerbs angemessen gewesen. Dafür hätten die zehn Wochen bis zu Bahtas EM-Start reichen müssen. Doch so ausgiebig sich die zuständigen schwedischen Autoritäten damals Zeit ließen, so nachsichtig urteilten sie durch gleich zwei Instanzen nun.

So darf eine Athletin ihre Medaille behalten, obwohl ihr nachgewiesen wurde, drei Mal innerhalb eines Jahres gegen Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen zu haben – und damit eigentlich ihr Startrecht bei der EM verwirkt zu haben. "Für mich ist das ein blöder Ausgang", sagt die leidtragende Deutsche Alina Reh über das Urteil zum Fall Bahta. "Sie kam gut davon, muss ich sagen. Wir sprechen von den internationalen Meisterschaften, da hätte ich mir etwas Konsequenteres gewünscht."

Eine denkbar günstig angesetzte Sperre

Alina Reh und Meraf Bahta

Die Deutsche Alina Reh bleibt trotz Bahtas Sperre Vierte der EM

Das Finale über 10.000 Meter bei den Leichtathletik-Europameisterschaften im vergangenen Jahr war die größte Bühne, die Reh bis dahin betreten durfte. Mit ihren 21 Jahren war die schwäbische Langstreckenläuferin die jüngste Teilnehmerin im Feld, hatte gerade eine Fraktur im Wadenbein auskuriert. "Dass sie unter den Voraussetzungen den vierten Platz erreichte, war eine große Leistung, das darf man nicht vergessen", sagt Jürgen Austin-Kerl, ihr Trainer beim SSV Ulm 1846. Er schwankt zwischen Resignation und Groll: Er habe die schwedische Entscheidung nicht wirklich wahrgenommen, versuche das auszublenden. "Aber was der Verband dort gemauschelt hat, finde ich sehr merkwürdig."

Das Urteil des schwedischen Sportrats mutet in der Tat so ausgefallen an, dass es sich wieder ideal einfügt in den auffällig nachgiebigen Prozess um Bahta. Denn nicht nur kann sie ihre Bronzemedaille aus dem vergangenen Jahr behalten. Fest steht auch: Sie darf ihre Vorbereitungen auf die anstehende Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha fortsetzen – diese beginnen unmittelbar nach ihrer Sperre im September 2019. Vorsichtig ausgedrückt: Hätte die Athletin ein Jahr Sperre selbst terminieren dürfen, sie hätte vermutlich exakt den nun gewählten Zeitraum ausgesucht.

Schon ihre Teilnahme an der Europameisterschaft 2018 war vielen ein Rätsel. Bereits im Vorfeld waren Anschuldigungen publik geworden, die Langstreckenläuferin hätte dreimal gegen Anti-Doping-Auflagen verstoßen: Am 23. Juni 2017 hatte sie ihren Aufenthaltsort im Meldesystem verspätet eingereicht, am 25. Januar und am 24. Mai 2018 befand sich Bahta zweimal nicht an dem Ort, den sie im Meldesystem angegeben hatte. Damals schauten Kontrolleure unangekündigt bei ihr vorbei, ohne sie anzutreffen. Drei klare Regelverstöße innerhalb eines Jahres. Die Konsequenz ist normalerweise eine Sperre von zwei Jahren, um zu verhindern, dass sich dopende Athleten durch eine Beeinträchtigung der Kontrollen ihrer Überprüfung und Strafe entziehen können.

Langwieriges Verfahren

Doch das sportrechtliche Verfahren zog sich – manche sprachen gar von Verschleppung. Erst am 4. Januar dieses Jahres folgte die Entscheidung der einberufenen Dopingkommission: nicht schuldig. Ohne Begründung.

Gegen das Urteil legte die schwedische Anti-Doping-Agentur Berufung vor dem Sportrat ein, der letzten Beschwerdekammer. Und wieder agierten die Verantwortlichen zögerlich: Üblicherweise legt der Sportrat seine Urteile einmal im Monat vor, entsprechend zeitnah war seine abschließende Entscheidung erwartet worden. Diesmal allerdings sollte ein halbes Jahr ins Land gehen.

Am 24. Juni schließlich das endgültige Urteil: schuldig. Doch die Sperre spart ausgerechnet die relevanten Wettkämpfe aus. Das wirft die Frage auf, ob in Bahtas Fall überhaupt von einer Strafe die Rede sein kann.

Krister Malmsten ist Vorsteher des Gremius im Sportrat, das in Bahtas Fall entschieden hat. Er sagt: "Wenn der Ankläger, also die Anti-Doping-Agentur, eine bestimmte Strafe fordert, kann der Sportrat die Strafe nicht noch höher ansetzen. So ist die Rechtsprechung."

Tatsächlich hatte die schwedische Anti-Doping-Agentur nur ein Jahr statt der üblichen zwei gefordert. Deren Vorsitzender Tommy Forsgren begründet das gegenüber der ARD-Dopingredaktion mit "vielen entlastenden Umständen", etwa, dass die aus Eritrea eingewanderte Bahta die schwedische Sprache nicht vollumfänglich beherrsche. Außerdem seien in der Kommunikation mit der Anti-Doping-Agentur Vertrauenspersonen von Bahta zwischengeschaltet gewesen. So seien Bahtas Übertretungen teilweise auf mangelhaften Dialog zurückzuführen. "Meraf Bahta hatte nicht die Intention zu betrügen", glaubt Forsgren.

Für die Kritik an der für die Athletin günstigen Sperre zeigt Forsgren zwar Verständnis. Doch er rechtfertigt den Zeitraum so: "Das entscheidende Gremium des Sportgerichts hat schlicht keine Turnier-Termine oder Wettbewerbe in die Entscheidungsfindung einbezogen. Es hat den Fall immanent betrachtet." Was allerdings nicht erklärt, warum die Sperre nicht mit einem logischen Datum, etwa jenem des letzten Verstoßes am 24. Mai 2018, einsetzt.

Lars Mortsiefer, Vorsitzender der Nationalen Antidoping-Agentur in Deutschland (NADA), kann die schwedische Entscheidung aus rechtlicher Sicht nachvollziehen: Obwohl der Code der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) bei Bahtas Verstößen eine Sperre von zwei Jahren vorsieht, bestünde die Möglichkeit auf Herabsetzung auf ein Jahr, je nach Grad des Verschuldens. Auch dass die Sperre als „rückwirkend“ festgelegt wurde, sei in manchen Fällen in Ordnung, nämlich „wenn es erhebliche Verfahrensverzögerungen gebe, die nicht vom Athleten oder der Athletin verschuldet werden“, sagt Mortsiefer.

Aber insbesondere wenn die rückwirkende Sperre Konsequenzen für andere Athleten hat, wünscht sich Mortsiefer ein zügigeres Verfahren – sofern die Athletenrechte weiterhin gewahrt blieben. „Es muss beides möglich sein“, findet er.

Im Fall Bahta war es jedenfalls nicht die Athletin, die das Verfahren verzögerte. Die Frage ist, ob in Schweden ein Kontrollsystem zum Wohle einer Athletin verzögert wurde. 

Für Meraf Bahta könnte es trotzdem noch mal unangenehm werden. Die schwedische Zeitung "Expressen" machte darauf aufmerksam, dass nach den Richtlinien des schwedischen Leichtathletikverbandes das Strafmaß für eine Athletin aus der Nationalmannschaft verdoppelt werden kann. Damit würde sich Bahtas Strafe um ein Jahr verlängern – und sie müsste außer der WM sogar die Olympischen Spiele 2020 in Tokio aussetzen. Von der Zeitung mit der eigenen Richtlinie konfrontiert, antwortete der Generalsekretär Stefan Olssen lediglich: "Wir werden die Angelegenheit prüfen."

Stand: 28.06.2019, 17:06

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